RebeccaD 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 3

Auf der Suche

Von der Unfähigkeit, glücklich zu sein

Ich schaue über deine Schulter. Seit zwei Monaten. Du denkst, meine Blicke kitzelten deine nackte Haut, aber du spürst nur den Windzug ihrer Sehnsucht. Über dir brennen sie Löcher in die weiße Decke. Du weißt nichts davon.
Nur für Momente dachte ich, in dir das Gesicht des Glücks gefunden zu haben. Heute bist du nicht schlechter. Ich bin zufrieden. Ich liebe dich sogar. Aber das Glück hat nur die Tür zu meinem Leben aufgestoßen, sich umgesehen und ist gegangen, ohne den geringsten Grund zu der Vermutung zu geben, es wolle sich niederlassen. Fühlt sich scheinbar hier nicht wohl.
Ein halbes Jahr lang war ich durch und durch unglücklich. Jedes Wort hat nur seinem eigenen Widerhall gelauscht und sich, nachdem es sich in Sinnlosigkeit verloren hatte, im Nichts wiedergefunden. Jedes Gefühl eine kleine Masturbation, allein für sich selbst da und für sich selbst wichtig. Die Bedeutungslosigkeit meiner Existenz war mir nur zu deutlich bewusst und, hatte ich den Umstand erst einmal akzeptiert, ging es mir nicht schlecht damit. Es roch nach Erkenntnis.
Und dann hast du die Tür aufgestoßen, den Fuß hineingestellt und das Glück wie ein kleines Kind an der Hand gehalten. Ich wollte euch nicht. Ich wollte bedeutungsschwangere Bedeutungslosigkeit und tiefsinnige Sinnlosigkeit, ich wollte ein Leben, so schwer wie Granit und so warm wie Lava, ich wollte verlorene Gefühle und den Widerhall von meinen Worten, aber auf gar keinen Fall wollte ich ein Adoptivkind namens Glück. Du hast dich geweigert zu gehen. Irgendwann bot ich euch einen Platz an, ganz gewiss nicht den schönsten.
Als du wieder aufstehen wolltest, als sich dein Blick auf die Tür gerichtet hatte, die ich die ganze Zeit offenließ, als das Glück begonnen hatte, zu quengeln, da schlug ich die Tür zu. Du bist geblieben. Und für die Zeit, die eine Sekunde zum Ausatmen braucht, legte das Adoptivkind seine Hand auf mein Herz und es schlug ein einziges Mal, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Aber schon als es sich um diese Leichtigkeit zusammenkrümmen wollte, spürte ich die Last der nächsten Sekunde wieder auf meiner Brust. Und ich hatte wieder vergessen, wie sich die Hand auf meinem Herzen anfühlte, weil ich wusste, es gäbe Zeiten, in denen sie sich löst. Erschreckt von dieser Erkenntnis zuckte das Glück zusammen und schlich sich hinaus, um mich mit dir allein zu lassen. Es räumte der Liebe das Feld und der Träumerei, schlug die Tür hinter sich zu und suchte sich einen anderen, der es an die Hand nimmt und in eine Seele führt.
Und jetzt liege ich hier und bin zufrieden und verliebt und verträumt und romantisch, aber glücklich bin ich nicht.
Du sagst, du seiest es. Was soll ich tun? Ich zucke mit den Achseln und lächle. Denke an die Zeit, in der ich unglücklich war, an die Zeit der Erkenntnis und der Dunkelheit. Ich meine den Atem des Glücks in dieser Zeit rauschen zu hören. Und wird die Tür auch hinter dir einmal zuschlagen, ich bin sicher, ich werde ihn auch in deiner Zeit vermuten.
Nur jetzt.
Jetzt höre ich nichts.

Warum? Warum ist das so? Vielleicht, weil uns das Glück sosehr abgewöhnt wurde, dass wir es erst nachträglich in eine Situation, eine Phase, einen Menschen hineininjizieren können? Sosehr, dass wir es nicht bemerken, wenn es mit Federboa vor uns auf und abtorkelt. Wir sehen es nicht, wir schielen daran vorbei und schließen verzweifelt die Augen, wenn es uns das Sichtfeld versperrt.
Wer kann schon von sich behaupten, er sei glücklich? Mancher sagt es aus reinem Pflichtbewusstsein. Natürlich gibt es Menschen, denen es schlechter geht. Aber das nimmt mir nicht das Recht, nicht glücklich zu sein.
Das Recht, nicht glücklich zu sein. Ich habe den Eindruck, es existiert nicht mehr. Leg eine schriftliche Bescheinigung deines Leidens vor, vielleicht werden die Leute mit dem Kopf nicken, dich mustern und sagen: Ja. Du darfst.
Meistens schauen sie nur weg, schütteln den Kopf. ‚Dir geht es gut’, scheinen sie zu zischen, ‚sei glücklich.’ Und ich? Ich sehe mich mit den Blicken der anderen und frage mich, warum ich das Glück ein ums andere Mal aus meinem Leben herauskomplimentiere . Warum ich es nicht ruhen lasse und warum es nicht ruhen will. Warum ich von einem Fuß auf den anderen sacke, die Unruhe zu mir locke um das Glück zu verscheuchen. Warum ich nicht glücklich sein kann.
Wollen wir glücklich sein? Nein. Alles, was wir wollen, ist glücklich sein wollen. Was täten wir, wären wir es endlich? Wir ständen viel zu früh am Ziel und müssten uns die Zeit, bis wir gehen dürften, die Beine vertreten. Also werfen wir es weg, das Glück, wenn wir es gefunden haben, und fangen wieder an zu suchen. Und wieder und wieder und wieder. Bis die Zeit um ist oder das Glück die Schnauze voll davon hat, immer wieder im Gebüsch zu landen.
Und außerdem: Glück macht dumm. Wir verlernten das Nachdenken, das Arbeiten, das Vorwärtskommen. Wir würden träge und müde, wir träumten nicht mehr, wir bräuchten nur zu schlummern. Das Glück wäre da.
Ohne das Streben nach Glück bräche unsere Wirtschaft zusammen wie ein Kartenhaus. Als wäre bei der unendlichen Schatzsuche der Schatz gefunden: ‚Ich hab ihn’, schreit einer und alle gehen nach Hause. Keine Überproduktion, keine Schwielen an den Händen, keine staubigen Büros. Leere Produktionshallen, Augenschließen, Straßenpenner. Wir alle würden denken: ‚Was soll ich arbeiten? Ich hab es doch. Das Glück. Was soll ich mit Geld? Man hält es nicht in den Händen. Das Glück. Mir reicht eine Parkbank, mir reicht ein halbes Brot am Tag. Ernähre mich von Luft und Liebe. Mehr brauch ich nicht. Als Glück.’ Wir schlenderten durch die Welt wie die größten Trottel, ein Brett vor dem Kopf und dahinter nur rosa Nebel. Ist das erstrebenswert? Nein. Wir wollen nicht glücklich sein.

Warum behauptest du dann: ‚Ich bin glücklich’? Du, der du denkst, meine Blicke kitzelten deine Schulter, während sie mir Fluchtwege durch die Mauern brennen. Kann sein, du verwechselst das Gefühl, schaust nicht so genau hin und hoffst, du hättest den Hauptgewinn gemacht.
Aber vielleicht gehörst du zu den wenigen Menschen, die es wirklich spüren können, wenn sie ruhig sind: Das Atemrauschen des Glücks.
Herzlichen Glückwunsch.

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Kommentare

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    hab selten meine gefühle so gut in worte gefasst zu gesicht bekommen. ich schreibe nun auch schon ewig, versuche meine tränen in texte zu presse, damit sie nicht nur sinnlos in meinem zimmer umherfließen, aber leider hab ich es nicht so hingekriegt wie du, denke ich. (das sollt n kompliment sein)

    das schlimme is wirklich, das man sich fast schämt, unglücklich zu sein. eine freundin hat mir letztens gesagt, wie erstaunlich und unnormal es ist, dass ich nie glück habe. diese absolution hat mir leider gottes gut getan. ich stand vor mir selbst nicht mehr als armes, selbstbemitleidendes kind und doch hat mir ein mensch bestätigt das das alles doch keinen sinn hat. hmm.
    mich würde interessieren, was du fühlst, wenn der glücklich an deiner seite nicht mehr da ist.
    bis dahin: meinen respekt. (und eine empfehlung)

    29.12.2006, 17:58 von calzifera
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    Ein sehr ausdrucksstarker Artikel, dessen Inhalt zum Nachdenken anregt...

    28.11.2006, 19:08 von Puffelchen
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    Ich bin nicht | unglücklich.

    So eine Aussage sagt nur aus, daß man seinen Glück-Wunsch (noch) nicht verloren hat.
    Und wer wollte den schon belügen?

    Apropos "Hauptgewinn".
    Gewinnen kann man keine Menschen.
    Das ist ein Trügen.
    Man kann sie nur unterhalten.

    Apropos "Trügen".
    Aktuell gibt es keine(n), die ich unterhalten will.
    Dadurch könnte ich nichts gewinnen.
    Nur verlieren.
    Und dann verlöre ich mein Nicht-Unglücklichsein.
    Und auch meinen Glück-Wunsch gleich mit dazu.
    Und wer wollte den schon opfern?
    Den Wunsch, den reichen Onkel aus Amerika des Glückes. Den man hofft zu haben.

    Und Hoffnung?
    Jetzt komme ich ganz durcheinander!
    Oder Wollen?
    Ja, das Wollen ist der Vater allen Übels.
    Er schwängert Mutter Können mit dem Samen der Verlockung.
    Und für was?
    Für das bißchen Aufmerksamkeit.

    Ich bin nicht | unglücklich.
    Ich bin | nur mißmutig!

    Also alles im grünen Bereich der (Angst-)Ampel(p)hase.
    Bei Dir (das sagt Dein Text), bei mir, den Lesern - und bei allen anderen Lügenbolden!
    Also alles ganz normal.
    Hups, gleich wird es Rot.
    Aber wer beachtet schon rote Ampeln.
    In Paris.

    Glück, Wunsch, Glaube, Hoffnung, Befindlichkeit, Befremdlichkeit, Hingabe, Ausgabe, Zulassen, Aufgabe - alles eine Frage der richtigen Ort-nung und des Vermögens.
    ;)

    26.11.2006, 04:21 von liebe_mueh_dann_maeh
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