DieMimmi 04.03.2007, 16:18 Uhr 3 3

Arschlöcher nach Alfred Adler

wie man die Gesellschaft strategisch um weitere Kotzbrocken bereichert und warum man diesbezügliche Gewaltphantasien leider nicht ausleben darf.

Wegen irgendeinem Fehler im Betriebssystem hat einer meiner ehemaligen Chefs damals wutentbrannt sein nagelneues Notebook aus dem Fenster im vierten Stock gefeuert und anschließend so lange den sprachlosen Auszubildenden angeschrien, bis wiederum der in verzweifelte Tränen ausgebrochen ist. Eine wahre Begebenheit. Ich schwöre.

Jeder hat Geschichten wie diese auf Lager. Und jeder kennt Menschen, die für ihre antisozialen Charakterschwächen streng genommen nur noch kommentarlos verdroschen gehören. Am besten täglich. Schon vor dem Frühstück. Und als zusätzliche Gedächtnisstütze noch ein paar Mal spontan zwischendurch über den restlichen Tag verteilt.

Natürlich geht das nicht.
Natürlich verbietet das schon alleine die gute Erziehung.

Wer Angst vor Spinnen hat, meidet Altbauwohnungen und geht einfach nicht in den Keller. Wer empfindlich auf Arschlöcher reagiert, hat hingegen ein echtes Problem. Der darf nämlich noch nicht einmal Zeitung lesen oder den Fernseher anschalten. Geschweige denn, unter irgendwelchen Umständen die eigenen vier Wände verlassen. Sie lauern überall. In Schuldirektoraten, an der Schlange im Supermarkt oder am Kopiergerät im Job - und wenn mich mein persönlicher Eindruck nicht trügt, dann vermehren sie sich noch dazu hartnäckig wie die Karnickel. Vielleicht bin ich auch nur empfindlicher geworden.

Die Psychopathologie klassifiziert an dieser Stelle übrigens nicht in Kraftausdrücken, sondern diagnostiziert – zugegebener Maßen etwas differenzierter, aber dafür leider weniger anschaulich -sogenannte „Persönlichkeitsstörungen“, die eine vernünftige, faire soziale Interaktion stellenweise unmöglich machen.

Die erkennbarsten typisch "arschlochrelevanten Symptome" und Verhaltensweisen finden sich hier auf den ersten Blick bei der schizoiden, der dissozialen sowie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, deren Vertreter sich jeweils durch allerlei destruktive Abwehrhaltungen und selbstzentrierte Egoismen definieren und im Zweifelsfall wahrscheinlich auch kleine Kinder fressen würden.

Alfred Adler (1870 – 1937), für seine Zeit erstaunlich sozialpsychologisch orientiert, bietet ein paar einleuchtende Theorien, um das Phänomen des unerträglichen Zeitgenossen zu erklären - auch wenn er das „Arschloch“ diplomatisch als „Machtmenschen“ bezeichnet.

Zunächst einmal geht die Individualpsychologie davon aus, dass alles menschliche Streben nach Entwicklung aus einem grundsätzlichen Minderwertigkeitsgefühl heraus entsteht. Minderwertigkeitsgefühle sind demnach etwas positives, sofern sie auf gesundem Wege kompensiert und konstruktiv in die Gemeinschaft mit eingebracht werden können.

Die nötigen Fähigkeiten zu einem angemessenen, erforderlichen Gemeinschaftsgefühl sind laut Adler in jedem Menschen angelegt, wesentlich für eine funktionierende Ausprägung sind aber in erster Linie frühe soziale Faktoren, wie vor allem eine vertrauensbildende Mutterbeziehung.

Laut Adler gibt es (natürlich auch immer abhängig vom menschlichen „Rohmaterial“ und anderen, externen Bedingungen) zwei grundsätzlich verschiedene Wege in der Erziehung, um sich mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit einen zwischenmenschlichen Versager heran zu züchten.

Der eine wäre, sein Kind so offensichtlich und spürbar wie möglich zu hassen, konsequent zu vernachlässigen und/oder unerbittlich überstreng zu behandeln, damit aus einem frustrierten natürlichen Geltungsbedürfnis heraus irgendwann eine grausame, unreflektierte Herrschsucht entsteht, die ausschließlich nach persönlicher, rücksichtsloser Überlegenheit strebt und dabei notfalls über Leichen geht.

Der andere Weg führt über Zuckerwattepfade zwar zunächst genau in die entgegengesetzte Richtung, aber bei finaler Betrachtungsweise zum selben Ergebnis. Über die Maßen „verzärtelte“, „verwöhnte“ und „überbehütete“ Kinder bekommen später das Gefühl, den realen Anforderungen des Alltags nicht gewachsen zu sein und spezialisieren sich stattdessen darauf, ihr Umfeld überfordernd zu tyrannisieren und geschickt zu manipulieren, so dass sie sich selber um nichts mehr zu kümmern brauchen oder für irgendetwas auf dieser Welt die Verantwortung übernehmen müssten.

Der psychodynamische Prozess erklärt sich jeweils ganz unkompliziert: In beiden Fällen steht im Zentrum ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl, das sich nicht mehr angemessen durch „konstruktive“ Kompensation ausgleichen lässt und stattdessen mit einem Überwertigkeitskomplex verschleiert werden soll. Simsalabim - fertig ist der Kotzbrocken, bei dem mir die Fäuste jucken.

So einfach lässt sich das also schon wieder zusammenfassen. Aus einem Täter wird, welche Überraschung, plötzlich ein Opfer und irgendwie schade, dass man bei genauerem Nachdenken eigentlich überhaupt niemanden mehr so richtig erfrischend und aus ganzem Herzen verabscheuen darf, ohne sich gleichzeitig auf einer ziemlich fragwürdigen Position zu bewegen...

Das hilft ja alles nichts. Ich brauche einfach dringend bessere Nehmerqualitäten. Und, übrigens ganz im Sinne der Gemeinschaft: vorsichtshalber einen Sandsack in jedem Raum.

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Kommentare

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    Dein jeden-Morgen-schlagen-und-auch-ab-und-zu-zwischen-durch-Konzept findet bei mir volle Zustimmung. Tatsächlich ist es nicht lange her, dass ich einem Fünftklässler angeboten habe, ihn in ein solches Therapieprogramm aufzunehmen. Obwohl ich ihm einen guten Preis vorgeschlagen habe, wollte er das Angebot nicht annehmen. Aber immerhin hat er es nie wieder gewagt mich lauthals mit "Ey du rothaarige Nutte" anzusprechen (mal ehrlich, ich kenne diesen Idioten ÜBERHAUPT nicht, und was soll das rothaarig? Diesen Teil habe ich nicht ganz verstanden, meine haare sind nicht rot...mh)

    30.04.2007, 18:00 von gurkedestages
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