Paula.. 17.10.2009, 10:20 Uhr 3 1

Anlauf

"Wenn etwas juckt, heilt es."

Manchmal öffnete er da Türen, wo eigentlich gar keine waren.
Er sah stattdessen Wände ohne jeden Makel, die glatt waren und offenbar auf Hochglanz poliert.
Es gab keine Unebenheit. Nirgends.
Schnurstraks lief er darauf zu und obwohl er nicht langsamer wurde, noch Halt machte unterwegs, rannte er sich den Kopf nicht ein.
Niemals.
Nie brach die Nase. Nie gab es Blut.
Und irgendwann blieb auch das Kitzeln auf Magenhöhe weg. Dieses Gefühl, als würde er ohne Vorwarnung ein paar Etagen nach unten rutschen.
Ganz haltlos.

Manchmal stand er außen und klopfte seine eigenen Wände ab.
Wenn er zu lange fort gewesen war, zu beschäftigt war hinter fremden Fassaden um an sich noch zu denken und sich der Pflege zu erinnern, derer er bedurfte.
Es dauerte dann oft, bis er den Eingang wiederfand.
Mal Tage.
Mal Wochen.
Und weil er nicht aufgeben konnte, stieß er an sich selbst sich die Knie auf.
Brachte sich Schrammen bei und Schnitte. Lief im Kreise sich Blasen vor der eigenen Tür.
Er ignorierte die Wunden, die sein Tun hinterließ, klopfte blindlings und beinahe wütend weiter.
Musste den Zugang unbedingt finden.

Manchmal wollte er daran gern ein bisschen verzweifeln.
Und besann sich dann doch, dachte nach. Darüber, wie er es anderswo schaffte, den Spalt zu finden, die Wand zu durchbrechen.
Er musste sich dafür erinnern an Dinge, die er lieber vergessen, jedenfalls doch lieber erst zu Hause ausgewickelt hätte.
In sich in Sicherheit hätte er dann vorsichtig Schicht für Schicht des Glanzpapiers entfernt und sich langsam herangetastet an einstige Geschenke.
Zu Hause, da hätte er Licht gehabt. Vielleicht eine Kerze, vielleicht etwas Tee. Damit ihn das alles nicht auch noch so frieren ließe.
Schatten und Schemen waren es. So schwierig zu verpacken gewesen, dass er den Eindruck hatte, ein Windstoß würde genügen, sie derart gründlich zu zerstreuen, dass sie sich nie mehr wiederfinden würden. Nie mehr ein Ganzes bildeten.
Keine Gefahr mehr darstellten.
Nichts dergleichen geschah, einen solchen Sturm würde es vorerst nicht geben.

Die Spuren älterer Blessuren fingen an, sich bemerkbar zu machen. Es würde schnell kälter werden, er musste sich beeilen.

Und so entsann er sich. Ging Schritt für Schritt langsam den Weg zurück und suchte die Erinnerung. Sah sich Fehler machen im Vergangenen, schämte sich für manch unbedachtes Wort. Konnte nicht umhin, heimlich zu lächeln beim Strahlen ihrer Augen.
Das war der Tag, an dem er die Tür zu ihr geöffnet hatte. Der Tag ihrer ersten Begegnung.
Obwohl er auch an diesem Gedanken lange erst umherdrehen musste, ihn wenden, bis er nicht mehr schmerzte.
Denn immerhin war ja auch das verloren. Er selbst ließ es liegen, ließ es zurück, als er sich davonschlich.
Als er ging.

"Wenn etwas juckt, heilt es."
Das hatte sein Großvater oft gesagt und diese Stelle tat es ganz besonders.

Das alles hier half nichts. War völliger Schwachsinn. Alles Erinnern, Heraufbeschwören würde früher oder später nur neue Schneisen schlagen.
Nichts mehr sehen, nichts hören.
Nur noch nach Hause wollte er. Dorthin, wo er sich vermutete.

Er ging ein paar Schritte zurück, nahm erneut Anlauf.
Richtig diesmal.
Rannte.
Ohne sich selbst hatte er nichts verloren hinter den anderen Wänden.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wenn etwas juckt, heilt es - seeeehr gut! wenig Worte, aber sowar... :)

    23.12.2010, 20:49 von topfbluemchen
    • 0

      @topfbluemchen so wahr, meinte ich.

      23.12.2010, 20:50 von topfbluemchen
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  • 0

    Zwei Absätze reichen...

    17.10.2009, 22:29 von Steifschulz
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  • 0

    Ausgelutschte Wandmetapher.
    Virtuos aufgearbeitet.
    Sauber. Läuft.

    17.10.2009, 22:22 von lisbeth_salander
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