Angst
Beschwerden. Arztbesuch. Diagnose: Krebs. Lebenserwartung: 8 Wochen. Celia von Bismarck erlebte das so. Und wieder denke ich viel über den Tod nach.
Beschwerden. Arztbesuch. Diagnose: Krebs. Lebenserwartung: 8 Wochen. Celia von Bismarck erlebte das so und erlag diese Woche der Krankheit. Und wieder denke ich viel über den Tod nach. Ich habe wahnsinnige Angst (vielleicht ist es auch Furcht - ein Unterschied der Begriffe ist in mir nicht angelegt) vor dem Tod. Er überschreitet meine Vorstellungskraft.
Es ist nicht so, dass ich unablässig daran denke. Und doch ertappe ich mich, wie ich versuche, "vernünftig" zu leben. Ich begreife zwar, dass das Meiden oder eben Nicht-Meiden von Dingen mein Leben positiv beeinflussen kann. Und wie lächerlich ist mein gesamtes Verhalten, wenn ich seit knapp 16 Jahren rauche? Und dennoch rede ich mir ein, dass alles gut laufen wird. Mich trifft es nicht. Und wenn ich aufpasse, dann bewahrt mich das Schicksal vor Krankheiten und Autounfällen. Punkt. Andere unbegreifliche Dinge kann ich kinderleicht verdrängen. Wie wenn ich alle Jahre mal wieder über die Unendlichkeit des Weltalls nachdenke. In mir kann ich dann keine Freude empfinden. Beeindruckend ist es für mich auch nicht. Einfach nur beängstigend. Einfach die Gedanken wegwischen klappt da ziemlich gut. Der Tod hingegen kommt immer und immer wieder. In den Nachrichten zum Beispiel.
Klar, immer und überall kann vieles passieren. Lebe das Leben und genieße den Augenblick. Das mag sein. Aber wenn ich nicht mehr bin, dann bin ich eben nicht mehr. Das ist der Punkt. Es schnürt mir den Brustkorb ein und ich kann kaum atmen, wenn ich an den Moment denke, in dem mein Leben endet. Ich weiß, dass es so kommen wird - kommen muss. Und vielleicht ist dies ja ganz normal. Vielleicht ist die Sicht auf den Tod nach 70 Jahren Lebenswelt eine andere als nach 30. Wenn ich dann spüre, wie ich altere und womöglich ab einem Punkt den Tod als Erlösung ansehen könnte. Und vielleicht kann man in einigen Jahrzehnten ja auch wie bei Futurama seinen Kopf konservieren und so ewiges Leben erhalten. Ewiges Leben - klingt gar nicht so übel.
Ich denke nicht, dass ich auf Dauer vermisst werden würde. Womöglich gäbe es ein paar Menschen, die meiner gedenken würden. Das finde ich gar nicht schlimm, denn es ist ja nicht mein Anliegen unvergesslich zu sein. Wäre ich tot, würde ich nichts mehr sehen, hören oder fühlen können- das ist das Problem. Mich an nichts mehr erinnern. Alles Gute und alles Schlechte wäre verloren. Wie sie an einem morgendlichen Sommer-Sonnenaufgang auf dem Balkon minutenlang mit überschlagenen Beinen immer wieder all ihre Zehen des rechten Fußes abspreizte. Einfach so. Kein Gespräch über Zehen oder Füße. Sondern einfach so. Oder wie ich mich zu erinnern versuche, wann ich das erste Mal mit dem Teppichklopfer verprügelt wurde. Wie es Samstags nach der Schule immer vor genau diesem Fenster roch. Und so vieles mehr. Keine neuen Bilder oder Töne würden in meinem Archiv landen. Es wäre einfach alles verloren. Andere könnte ich daran ja teilhaben lassen, aber es sind meine eigenen Erinnerungen - mein Leben. Nur meins. Und das soll alles nicht mehr sein?
Und ich habe Angst, weil ich noch so viele Dinge sehen, hören, fühlen möchte. Vater werden und Vater sein zum Beispiel. Zufrieden bleiben und merken, dass ich es doch nicht bin. Ich möchte einfach weiter leben und hoffe gerade, dass diese Furcht niemals mein Leben derart negativ beeinflusst, so dass ich dann kaum noch leben würde.
Während ich diese Zeilen schreibe, erinnere ich mich an einen Film, den ich im letzten Jahr gesehen habe. Und nun schäme ich mich irgendwie wegen meiner unbegründeten Angst. Als bei Christian Ziörjens, genannt Chrigu, im Alter von 21 Jahren ein Tumor im Nacken diagnostiziert wird, sagt er zu einem Freund: "Lass uns zusammen einen Film machen, ich steige dann irgendwann aus." Der Film zeigt den Lebenskampf Chrigus bis zu seinem Tod. Und ich erinnere mich daran, wie ich während des Films gelacht und geweint habe. Ich erinnere mich daran, wie wochenlang immer wieder Bilder des Films in meinem Kopf auftauchten. Und wie ich damals zu mir sagte, dass ich irgendwann aufhören sollte, mir unnötig Gedanken über den Tod zu machen. Also höre ich jetzt einmal mehr auf mir Gedanken zu machen. Vielleicht kommt diese Angst nicht mehr wieder, wobei ich nicht wirklich daran glauben kann. "Chrigu" empfehle ich als sehenswerten Film.





Kommentare
"Der Tod ist das Aroma der Existenz. Nur er leiht den Augenblicken Geschmack, nur er bekämpft ihre Fadheit."(Cioran)
23.12.2010, 21:08 von MatsumotoMach dir nicht soviele Gedanken! Genieß das Leben und die jetzigen Fragen würden eh verblassen.
23.12.2010, 20:47 von XeNia79Sollte es mal so kommen, nehmen dich ganz andere Gedanken und Gefühle ein. Die Gedanken an das, was du noch erleben wolltest etc. rücken weit in den Hintergrund und Fragen über das, was du zurücklässt, werden stärker und nehmen Form an. Die Traurigkeit des Menschen an deiner Seite oder die Kinder, die ihren Papa verlieren - wie kommen sie klar....oder ob du Jemanden mit offenen Fragen oder im Streit zurücklässt.....
Was man nicht mehr leben oder kennenlernen wird, zählt an diesem Punkt nicht wirklich, weil man dann - wie du es sagst - "weg" ist. Für Reue oder Schmerz bleibt dann nix mehr. ;) Und wenn die eigene Person eh seine Leuchtkraft verliert, fragt man sich nur noch, ob die Flammen der geliebten Menschen weiterhin kraftvoll brennen. Man sorgt sich um diese...
Außerdem darf man die eigene Willensstärke nie unterschätzen. Wenn dich solch eine Diagnose tatsächlich mal in 50...60 Jahren einholt oder eher - dann mobilisierst du Kräfte, von denen du derzeit keinen Schimmer hast! ;)
Also Nase hoch, Brust raus und volle Kraft voran und kommen diese Gedanken....tja, dann gehen sie auch wieder! ;) Nur keine Panik!
Grüßle.
und dann wirst du morgen vom auto überfahren. dann hast du dich völlig umsonst bei "chrigu" emotional verausgabt...
23.12.2010, 15:01 von lavish@lavish also soll ich mir die emotionale verausgabung aufsparen bis mein kopf auf der windschutzscheibe aufschlägt? sich selbst zu sagen: hej, is doch unnötig, klappt eben oft nicht so einfach.
23.12.2010, 15:33 von callsen