rote_zora 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 0

Anders...

Auch wenn ich es damals nicht gleich bemerkte: Genauso unausweichlich wie auch heimlich, stahl er sich in mein Herz.

Ein leises Knistern hatte ich schon beim ersten Blickkontakt bemerkt, mir jedoch nichts weiter dabei gedacht. Das wir schließlich ein Paar wurden, hatte mit einer großen Portion Mut meiner- und unvernünftiger Waghalsigkeit beiderseits zu tun. Trotz der Anfangsturbulenzen einer frischen Beziehung, erlebten wir lange wirklich gute Zeiten. Ich dachte ich hätte DEN Mann gefunden. Meine Liebe für ihn, hat mich manchmal fast umgehauen. Noch nie hatte ein Mann meine Gedanken und meine Gefühle so allumfassend vereinnahmt wie er. Er war einfach vollkommen anders als alle Menschen, die ich bisher kennen gelernt hatte. Er war etwas ganz Besonderes. Ich liebte seine charmante Ausstrahlung, seinen Humor, seine Vielseitigkeit und seinen Einfallsreichtum. Ich fand ihn abwechslungsreich und spannend. Mein vorhergehender Partner war dagegen eher eine Schlaftablette! Er schrieb mir wunderbar- poetische Liebesbotschaften. Oft gab er mir das Gefühl, die tollste Frau der Welt zu sein. Ich war seit undenkbar langer Zeit wieder einmal rundherum glücklich. Ich fühlte mich wie aus einem langen Winterschlaf erwacht.

Die ersten Probleme gab es dann, als ich eine neue, zu Beginn recht stressige, Stelle antrat, wodurch ich auf einmal wesentlich weniger Zeit für ihn sowie weniger Kraft plus Aufmerksamkeit für seine Belange hatte. Statt der ersehnten Unterstützung in dieser nervenaufreibenden Einstiegsphase, erfuhr ich plötzlich massives Unverständnis und vehemente Beschuldigungen. Ich fühlte mich nun nicht nur von der Arbeit ausgelaugt, sondern auch noch privat zusätzlich unter Druck gesetzt, missverstanden und besonders durch einen speziellen verbalen Angriff tief verletzt. Alle Klärungsversuche waren zwecklos.
Also versuchte ich es ihm recht zu machen: Ich gab mir so gut es ging Mühe, auch noch daheim aufmerksam und einfühlsam zu sein, immer ein offenes Ohr für ihn zu haben, egal wie kaputt ich war. Die Wogen glätteten sich.
Zu Beginn schob ich es darauf, dass er lange Zeit allein gelebt hatte und daher also nicht an Rücksichtnahme und das eingehen von Kompromissen gewöhnt war. Ich ging davon aus, dass ihm quasi das Handwerkszeug für konstruktives Streiten fehlte. Im Laufe der Zeit merkte ich jedoch, dass diese Art Attacken scheinbar zu einem Muster gehörten. Impulsive Ausbrüche hatte ich bei ihm schon häufiger erlebt. Dabei war ich allerdings eher selten das Ziel seiner Wut gewesen und so schnell sie gekommen war, war sie auch schon wieder vorbei. Mitunter war er richtig stolz auf diese Demonstrationen seiner Unnahbarkeit, die er sogar als Teil seines Images kultivierte: Bekannt, Beliebt, Gefürchtet.
Zu Beginn schafften wir immer irgendwie den Bogen zurück zur Harmonie, doch mit jeder problematischen Situation wurden seine Begründungen unverständlicher, seine Behauptungen hartnäckiger und sein Verhalten unzugänglicher. Das Ganze belastete mich immer mehr, es brachte mich schier zur Verzweiflung. Am meisten verwirrte mich sein vollkommenes Nicht-Eingehen auf Schlichtungsversuche meinerseits. Er lehnte jeden meiner Gedanken, meine Erklärungen zur Situation ab, ging nicht im geringsten verbal auf sie ein und wiederholte stattdessen gebetsmühlenartig seine Version der Dinge. Es war, als ob kein Wort von mir überhaupt bis zu ihm durchdringen würde. Ich litt furchtbar unter seinen emotional verletzenden Bemerkungen. Er machte mich so schrecklich hilflos und wütend! Manchmal konnte ich nur noch heulen, heulen, heulen.

Als ich absolut nicht mehr weiter wusste, rief ich bei der Paarberatung an. Zunächst ging ich zweimal alleine dorthin, danach er und anschließend sollten wir uns gemeinsam mit dem Berater treffen. Gleichzeitig recherchierte ich im Internet zu impulsiven Verhalten und Wutausbrüchen. Was ich las, bereitete mir Unbehagen, denn solche Ausbrüche wurden als Teil von ernsten Persönlichkeitsstörungen erwähnt. Ich nahm dies zur Kenntnis, verdrängte den Gedanken daran jedoch gleich wieder, da es mir weit hergeholt erschien und ich meinem Freund auf keinen Fall Unrecht tun wollte.
Als es ein paar Wochen später allerdings wieder zum Streit kam, sagte er etwas, dass mich stutzig machte: Er meine es eigentlich niemals böse und er verstünde im Grunde genommen so gut wie nie, wie er mich eigentlich verletzt hätte, warum ich so aufgebracht sei, was er falsch gemacht habe. Auch meine Erklärungen dazu was mich verletzt hätte, seien für ihn nur selten einleuchtend und dann auch lediglich nur im Ansatz. Die von mir erläuterten Zusammenhänge blieben für ihn also meistens vollkommen abstrakt. - Etwas was ich mir kaum vorstellen konnte und was mich sehr berührte. Zumindest zeigte es, dass sein verletzendes Verhalten und seine harten Worte keinem Plan folgten. Trotz allem eine Erleichterung für mich.
Nun wurde diese Problematik im Internet allerdings, wie auch die Wutausbrüche, als Teil einer Persönlichkeitsstörung beschrieben. Ich zeigte meinem Freund die entsprechende Beschreibung und die Liste der Kriterien zur Diagnose der Störung nach ICD und DSM. Er erkannte sich in drei Punkten wieder, was die reale Existenz dieses Problems sehr wahrscheinlich machte. Irgendwie war ich nicht überrascht. Erst am nächsten Tag ging es mir auf einmal sehr schlecht. Eine Welt war für mich zusammengebrochen...meine Welt!

Das ist jetzt ungefähr zweieinhalb Monate her. Ich bin immer noch mit ihm zusammen. Leider gebe ich so schnell nicht auf... meine Liebe gibt so schnell nicht auf. Es ist nicht wirklich besser geworden. Wir streiten ein bisschen weniger und diskutieren viel. Immer wenn ich denke, wir sind einen Schritt weiter, fangen wir wieder von vorn an. Ich versuche ihn zu überzeugen, schnellstmöglich etwas zu unternehmen. Hauptsächlich für mich, denn ich weiß nicht, wie lange ich das noch so aushalte. Die meiste Zeit bin ich furchtbar erschöpft. Zu meinem Pech mag er sich aber, so wie er ist. Als er allein war, hat ja auch alles bestens funktioniert- auch mit der Störung (meint er zumindest). Nur: Allein sein ist das, was er eben nicht mehr möchte.

Manchmal kommt er mir jetzt vor wie von einem anderen Planeten. Daheim in einer anderen Welt. Ich denke darüber nach, wie ich das so lange nicht bemerken konnte Und welche Erlebnisse wohl dazu geführt haben, dass er so ist, wie er ist. Ich überlege auch, wie es am Anfang war, als wir so unheimlich glücklich waren. Ich dachte ich hätte DEN Mann gefunden.
Das komische ist: Ich denke es noch! Ich weiß nicht, ob ich mir damit Illusionen mache. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, weiter durchzuhalten. Aber ich weiß das ich ihn liebe, trotz allem. Ich weiß, dass er wundervolle Seiten hat.
In der Fachdiskussion heißt es, diese Persönlichkeitsstörung habe eine der schlechtesten Therapie- Prognosen. Ich hoffe, die Experten irren sich. Ich hoffe..."Wichtige Links zu diesem Text"
http://de.wikipedia.org/wiki/Antisoziale_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

3 Antworten

Kommentare

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    Seit knapp 3 Monaten nicht mehr... und das Ganze war letztendlich eine sehr leidvolle Erfahrung. Wir haben so einiges versucht, um es auf die Reihe zu kriegen. Leider schien es aussichtslos. Ich glaube ich hab in dieser Beziehung die schönsten Stunden meines Lebens durchlebt, aber leider auch die härtesten... Ich hoffe ich krieg es bald klar und kann unbelastet weiterziehen. Im Moment fällts mir leider noch schwer...:'-/

    07.12.2009, 21:33 von rote_zora
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    Also passiv bin ich nicht, dass ist ja gerade das Problem. Wir versuchen beide, uns durchzusetzen und der Konflikt schaukelt sich hoch. Am Ende gebe ich dann meistens irgendwann nach, weil er anfängt sehr verletzend zu werden. Die größte Schwierigkeit ist, dass er allgemein nicht in der Lage ist, die sozialen Zusammenhänge zu verstehen, die in erster Linie zum Konflikt geführt haben. Für den Durchschnittsmenschen klare Situationen oder normale Verhaltensmuster sind für ihn oft nicht nachvollziehbar. Dadurch ist es für ihn dann auch sehr schwer überhaupt Kompromissbereitschaft zu zeigen. Wenn er nachgibt, heißt das daher in der Regel Anpassung um des lieben Friedens willen, nicht aus Verständnis. Und das ist auf Dauer auch frustrierend, obwohl man bekommt, was man möchte. Er müßte Verständnis und Einfühlungsvermögen erst von Grund auf lernen und auch, sich darauf überhaupt einzulassen. Nicht unmöglich, aber schwierig...*seufz*

    Ich danke Dir für die guten Wünsche! :-)

    23.09.2007, 15:46 von rote_zora
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      @rote_zora hey,
      irgendwie kommt mir die Beschreibung bekannt vor. Nicht, weil ich deinen Freund kenne, sondern weil ich jemanden kenne, der sich ähnlich verhält oder verhalten hat. Wie ist denn das mit euch ausgegangen?
      Seid ihr noch zusammen?
      Viele Grüße,

      07.12.2009, 20:35 von voller_interesse
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    Wenn du daran glaubst DEN MANN gefunden zu haben dann solltest du vielleicht daran festhalten, klar der Zustand den du durchlebst ist auf langer Sicht nicht haltbar, aber hast du es mal auf seine Art und Weise versucht? mal nicht kompromisbereit zu sein, also ich meine Versucht sich durchzusetzen. Weil sehn wir mal von der Persönlichkeitsstörung ab, scheint er ja doch vielleicht wirklich der eine zu sein, vielleicht solltest du es mal versuchen aus deiner passiven Haltung ehraus zu kommen und dich mehr durchzusetzen. Und wenn du zu große Angst hast er könnte dich dafür verlassen , dann kann er einfach nicht der richtige sein wenn er selber seinen Kopf durchsetzt bei dir dafür aber nur Unverständnis zeigt hoffe für dich das es nicht in einer Trennung enden muss, bye

    23.09.2007, 09:42 von Ritter-des-Nonsense
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