Andere Gedanken
Über ein Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung
Es ist unangenehm, wenn die Gedanken festhängen, wenn man gerne auch mal an das Hier und Jetzt denken möchte, die Gedanken zu einer Sache aber immer wieder zurückkehren. Das ist unangenehm.
Zermalmend ist es, wenn diese Gedanken keine echten Gedanken mehr sind, sondern speiende Realität, eine zweite Realität in meinem Kopf, nicht echt, aber genau das gleiche fühlen lassend. Es sind Filme, in denen ich gefangen bin, und von denen ich schon weiß, wie sie enden werden. Ich will dieses Ende nicht schon wieder sehen, aber je länger ich mich wehre, desto mehr tut es weh, desto länger dauert es.
Erdrückend ist es, wenn man die Gedanken schon auf sich zukommen sieht. Wenn man sich wehrt und sich schüttelt und die Augen zusammenpresst, als würde das etwas ändern. Wenn man tief einatmet, weil die Gedanken, die Erinnerungen da sind, obwohl sie keiner gebeten hat, zu kommen, und die Lungenflügel sich schwer anfühlen. Wenn man sich nicht mehr bewegen kann, weil zwar der Körper noch da ist, der Kopf aber in einem Film steckt.
Ich renne nicht gerne weg. Ich bin der Ansicht, dass man sich gewissen Dingen stellen muss, und ich bin auch gern unter Menschen. Aber wenn mein Kopf dröhnend wieder an meinem Körper ankommt, dann laufe ich. Ich fühle mich so zerbrechlich und staksig wie ein Porzellanstorch wenn ich gehe, und irgendwo bleibe ich dann stehen, meistens draußen in der Kälte, ich schlinge meine Arme um meinen fragilen Körper und setze mich zitternd in eine Ecke.
In meinem Kopf sitzen noch der Regisseur, der Produzent und der Typ für die visuellen Effekte und besprechen den Film. Zeigen ein Making Of. Machen Cuts. Manchmal weine ich dann. Manchmal wird mein Gesicht hart wie eine Maske. Ich kann nicht mehr. Meine eigenen Gedanken erdrücken mich, in der Hoffnung, mit mir zu sterben. Das Gefühl, allein zu sein, verdrängt fast das andere, nämlich gerade von einem Sofa aufgestanden zu sein, geflüchtet zu sein aus Couchkissen, die mit Blut befleckt sind. Hoffentlich sucht mich keiner.
Ich kann über den Film nicht sprechen. Es gibt auch keine Wörter, die diesen Film annähernd beschreiben könnten, jedenfalls keine, die ich aussprechen kann, ohne den Film auf mich zukommen zu sehen. Und ich kann auch nicht darüber reden, dass es den Film gibt, denn wer erst einmal davon gehört hat, will unweigerlich erfahren, wie die Handlung aussieht.
Wenn ich die Worte, die mir jetzt noch im Hals stecken bleiben, die mich noch würgen lassen, einmal aussprechen kann, dann werde ich wahrscheinlich weiter schweigen. Weil sie nicht das transportieren können, was mit mir geschehen ist, weil sie das, was passiert ist, nie wirklich beschreiben. Und weil jeder, der von der Handlung hört, immer mitleidig sein wird, und mich behandeln wird, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, als wäre ich dadurch behindert.
Posttraumatische Belastungsstörung klingt so sauber. Für mich bedeutet PTBS Angst, Kälte und Tränen. PTBS sind Gedanken, die mich zerdrücken wollen, PTBS bedeutet FilmFilmFilmFilm…





Kommentare
Danke für deinen guten Text, der nicht nur dir, sondern auch anderen denen es ähnlich ergeht weiterhelfen kann. Denn das Bewusstwerden ist denke ich auch ein ganz schwerer Prozeß. Wie soll es nun weitergehen? Proffessionelle Hilfe unterstützt dich weiter - weiter auf deinem Weg - zu dem ich dir ganz viel Kraft und Liebe wünsche.
22.03.2007, 08:03 von Mary05Liebe Grüße
Mary
Meine Erkenntnisse stehen für eine ganzheitliche Unterstützung bei der man an mehreren Strängen ziehen sollte, also nicht nur psychotherapeutisch - sondern z. B. auch homöopathisch oder kinesiologisch.
toller artikel. wirklich, auch wie du erzählst und alles. mir ist PTBS ein begriff seit ich letztes jahr praktikum in einer psychologischen beratungsstelle für politisch verfolgte gemacht habe, wo ich auch mit an PTBS leidenden zu tun hatte. die krankheit ist wirklich tückisch, aber ich hatte das gefühlt, dass dort wo ich war viele erfolgreich therapiert ewrden konnten - auch wenn das natürlich ganz von jedem einzelnen fall abhängt. ich wünsche dir viel glück für die zukunft und dass du eines tages mit dem film innerlich abschließen kannst, dass er dich nicht mehr überrennt und dass du dir nicht mehr so machtlos vorkommen musst. alles gute
19.03.2007, 14:32 von kreatives_chaosWow, beeindruckender Text! Wünsch dir alles Gute!
15.03.2007, 22:40 von issueDanke erstmal für die vielen lieben Antworten. Wen das Thema interessiert, mein erster Text behandelt das gleiche Thema : http://www.neon.de/kat/fuehlen/psychologie/angst/178281.html
15.03.2007, 18:20 von Elena_crosselena_cross
Das Thema hatte ich grad in der Schule...
15.03.2007, 13:23 von manyanaIch wünsche dir alles erdenklich gute und das du deine Strategie der Bewältigung findest...Hoffe, du stehst nicht alleine da und hast jemanden, der mit dir diesen Weg geht!
Lieben Gruß, Manyana
Liebe Elena,
15.03.2007, 11:58 von beautiful_beastich kenne Dich nicht, aber ich erkenne Dich in Deinen Worten und weiß sofort was passiert ist.
Wenn Dir Deine Therapeutin nicht helfen kann, wechsle sie bitte. Außerdem gibt es diskrete Hilfe und Beratung beim Weißen Ring und bei den Frauen-Notrufen.
Sei gut zu Dir!
Alles Liebe
Patricia
Dein Artikel ist sehr tiefgründig und mitreißend geschrieben. Er regt zum Nachdenken an,was nicht jeder Text schafft.
15.03.2007, 09:51 von cocomeraVon PTBS selbst habe ich noch nichts gehört. Ich wünsche dir alles gute !!
glg