SakiSuspicious 25.07.2018, 18:11 Uhr 0 0

Am Flughafen

Depression ist nicht den ganzen Tag schlecht gelaunt zu sein. Depression ist manchmal auch nur nicht in ein Flugzeug zu steigen.

Ich mag fliegen und ich mag Flughäfen.
Vielleicht weil man das automatisch mit Urlaub verbindet - obwohl ich wahrlich auch genügend Geschäftstermine bereits mit Flüssigkeiten im Zipper-Beutel aufgesucht habe. Ich bin mir also nicht sicher ob es der Urlaubs-Aspekt ist. Ich habe auch noch nie Flugangst gehabt, ich war bei meinem ersten Flug zwar noch sehr klein und vielleicht haben meine Eltern da eine andere etwas dramatischere Version von mir im Kopf, aber soweit ich mich erinnere bestand meine größte Sorge am Flughafen stets darin, dass ich aus versehen vergessen hab die Nagelschere ausm Handgepäck zu nehmen und filmreif und völlig verdachtsunabhängig zu Boden gerungen werde, obwohl meine Piercings die Sicherheitskontrolle erfolgreich überstanden haben. 

Vor kurzem flog ich - tatsächlich urlaubsbedingt - nach Berlin und etwa eine Woche später stand ich wieder in Tegel bereit die Heimreise anzutreten. Online Check-In, Sicherheits-Kontrolle, keine Nagelschere, 20 Minuten vor Boarding am Gate, alles gut. Ich platziere mich auf dem Boden, aufgrund mangelnder Sitze. Das Boarding wird ausgerufen und wie ein Fisch-Schwarm finden sich alle Menschen mit ihren Köfferchen zu einem großen schlangen-ähnlichen Pulk zusammen. Jeder will zuerst, bekanntlich sind die besten Plätze ja sonst weg oder sogar das ganze Flugzeug. Ich warte. No Risk, no fun.
Die Schlange wird weniger und ich stehe nicht auf. Noch 8 Personen, noch 7, 6, 5, 4 … Ich sitze nach wie vor. In mir wird schon eine Stimme energisch "Los jetzt!" und wird souverän von meinem Körper ignoriert.

Ich stehe einfach nicht auf. Es ist ein bisschen die Demonstration dessen was ein guter Freund von mir gerne sagt, wenn er keine Lust hat auf irgendwas:
Ich würde so gerne wollen, aber ich will einfach nicht!

In mir kriecht doch so etwas wie Angst hoch. Ich werde meinen Flug verpassen, dann muss ich irgendwie anders nach Hause kommen, das kostet furchtbar viel Geld, was ich nicht habe. Ich hab Termine zu Hause quasi direkt nach meiner Ankunft, die kann ich nicht absagen. Was wenn ich erst am Folgetag einen Flieger kriege, wie erkläre ich das den Menschen die mich zurück erwarten und vor allem meinen Verwandten die mich doch so schreiend pünktlich am Bahnhof abgesetzt haben.

Ich sitze auf dem Boden wie festgewurzelt und würde gerne heulen. Der letzte Koffer ist hinterm Gate-Zugang verschwunden und die Dame hinterm Schalter ruft nochmal Nachzügler auf. Wenn ich jetzt einfach aufstehe, was wird sie denken?
Das ich so verpeilt durchs Leben geh, dass ich nicht raffe dass genau vor mir mein Flieger grade bereit steht?
Wird sie mir ansehen, dass ich innerlich einen Kampf führe und mich bemitleiden?
Wird sie sauer sein, weil ich den ganzen Prozess aufgehalten habe mit meinem Blödsinn?

 

Ich versuche Ruhe in meinen Kopf zu bekommen. Versuche zu verstehen, warum ich nicht aufstehe.
Weil ich nicht nach Hause möchte.
Warum?
Weil dann mein Urlaub vorbei ist.
Logisch, so ist es immer irgendwann, ist der Alltag denn so schlimm?
Nein, doch.. Keine Ahnung.
Job ist okay.
Meine Leute hab ich sogar vermisst und freue mich sie wiederzusehen.
Und meine wundervollen Katzen erst.
Also was ist das Problem?
Alles andere. 

Nun heule ich doch noch. Das löst ein kleines bisschen den Druck in meiner Brust. Noch ein Aufruf, jetzt aber wirklich der letzte.
Ich beginne mich selbst auf zu rupfen und in meinen Einzelteilen rum zu wühlen. Ich will, dass dieses Gefühl aufhört. Sofort! Möchte mich wieder spüren, so richtig und echt, nicht wie ein Fremdkörper, den zu bewegen mit meinen Gedanken, in Ermangelung einer Jedi-Ausbildung, leider nicht klappt wie gewünscht. 

Meine Katzen, an die denke ich plötzlich sehr intensiv. Daran wie mein Großer so krank wurde, als ich damals in Kanada war. Wie sehr er mich vermisst hat und wie sehr ich ihn vermisse. Und ich denke daran, dass sie mich brauchen. Dass ich ein egoistisches, unverantwortliches, Tiere quälendes Stück Scheiße bin, wenn meine Katzen heute ganz alleine in der Wohnung bleiben. Ich verwende mein größtes Monster, gegen mich selbst. Mir wurde gesagt das wäre nicht der richtige Weg, denn eigentlich müsste ich dieses Monster ja bekämpfen. Den Drang immer und überall alles richtig zu machen und mich selbst dabei völlig aus den Augen zu verlieren. Ich müsste mir mal erlauben so zu sein, wie ich grade bin und dafür zumindest ein bisschen Verständnis einzufordern. Andererseits wird mir gesagt, dass erlaubt ist was funktioniert in diesen Momenten in denen nix mehr geht. Also wie nun? Ich bleibe dabei. Meine Katzen! Die können ja nun am allerwenigsten dafür. Meine Katzen - alleine in meiner Wohnung! Ich beiße mich an diesem Gedanken so fest wie ich nur kann, und ebenso an meinem Koffer. 

Dann stehe ich auf. 

Irgendwann bleibe ich sitzen, aber heute noch nicht.
Heute muss ich nach Hause.

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