Parallele2.0 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 2

Am Abgrund meines Seins

Ich atme. Blut fließt durch meine Adern. Mein Herz schlägt und das schon seit 15 Jahren. Schon seit 15 Jahren habe ich die Macht, all das zu ändern.

Wir stehen auf den Dächern dieser Stadt, halten fremde Hände und werden nicht satt. Das nennt ihr dann Jugend und ich nenne es Träume, weil ich zwar daneben stehe, aber nie zu dem „wir“ dazugehöre. Wehmütig blicke ich zu euch und hoffe inständig eines Tages ein Teil von euch zu sein. Ihr handelt so unüberlegt und reuelos als würde es nie mehr als diese Nacht geben, nie mehr als diesen Sternenhimmel, nie mehr als die Hand des Fremden, nie mehr als dieses Feuer auf dem Dach und in eurem Herzen. Wie beneidenswert ihr doch seid.                 

Mein Herz dagegen ist längst ausgebrannt. Ich bin vom Leben gezeichnet, denn in meiner Seele gibt es kein Feuer, dafür aber allerlei Brandnarben, die euch verborgen bleiben. Dennoch will ich leben, es zumindest noch einmal versuchen. Ich will es so sehr, dass ich nach dem Prinzip „Was ich nicht sehe, ist nicht da“ handele und es tatsächlich wage, mich zu euch, den Lebenden, zu setzen.                

Hoffnungsvoll schaue ich in die Runde. Niemand von euch grüßt mich. Ich rede, lüge und lache…allein. Niemand von euch mag mich. Ich gebe auf, wende mich zum Gehen. Niemand von euch verabschiedet mich. Ich stehe am Rande dieses Daches. Niemand von euch vermisst mich.         

Hier zu stehen und darüber nachzudenken, sich hinunterzustürzen, hat ein Gefühl. Ich denke, dass auch Sterben ein Gefühl hat. Das einzige, was ich mir öfter ausmale als Sterben, ist, mich lebendig zu fühlen und ich will nicht sterben bevor ich nicht richtig gelebt habe, denn alles, was ich je vom Leben wollte, war alles zu fühlen. Der erste und härteste Schritt sich ins Leben zurück zu kämpfen, ist nämlich der, zu begreifen, sich ins Leben zurückkämpfen zu wollen. Leben ist eine Entscheidung und ich werde den Sinn des Lebens nicht verstehen, indem ich meine Zeit damit verbringe, dessen Existenz in Frage zu stellen. Ich bin vielleicht nicht gern am Leben, aber das heißt nicht, dass ich nicht gerne gern am Leben wäre.                                                                           

Eure Jugend erzählt von einer unbeschwerten Zeit, vielleicht von Partys, Liebschaften und dem Shirt, das so toll zu der blauen Hose passt. Meine Jugend erzählt von einem Kampf um Leben und Tod, der ausschließlich innerlich ausgetragen wird und ich bin stolz, ihn nie aufgegeben zu haben.


Tags: Jugend, Leben, Tod
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1 Antworten

Kommentare

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  • 1

    solange solche texte dich aufrichten, lasse ich mir gern erzählen, dass meine jugend eine mit passendem tshirt war.

    01.08.2014, 01:12 von libido
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