always on my mind
von Äpfeln... von Menschen... vom Leben... vom Sterben... vom Bewahren... und... Zulassen
Es ist so schön, Dich zu betrachten. Du stehst im vollen
Saft, das sieht man sofort. Perfekte Reife. Du glänzt und strahlst, verbreitest
Deine Schönheit. Und auch wenn Du nicht alleine bist, Du bist einzigartig. Ich
bin beschämt, weil ich Dich erst jetzt wahrnehme. Ich bereue meine Ignoranz. Wie gerne hätte ich Dein Werden erlebt.
Deine Haut, Verzeihung - Deine Schale, ist fast makellos. Sie ist das, was Dich ausmacht. Ich möchte in Dich hineinbeißen, mir läuft das Wasser regelrecht im Mund zusammen. Soll ich es wagen? Doch dann wärst Du fort, zerstört, für immer verloren. Ich stelle es mir vor, höre das laute Krachen und Bersten, wenn meine Zähne in Dein Fleisch schlagen. Deine Schale bricht und Dein Saft fließt in meine Kehle. Es ist so unglaublich viel, dass meine Mundwinkel ertrinken und ich bedauerlicherweise ein wenig von Deinem süßen Saft verliere und zu viele Tropfen Deines Inneren im Nichts verschwinden. So süß, so himmlisch. Du hättest Dein Versprechen gehalten. Dein Schein ist Sein. Doch ich beiße nicht in Dich hinein, ich möchte Dich erhalten und weiter betrachten. Dich manifestieren in meiner Welt.
Zu spät bemerke ich, dass ich Dir damit nicht unbedingt etwas Gutes tue. Denn die Uhr tickt weiter und die Zeit schreitet voran. Obwohl Du perfekt bist, kannst Du nicht aufhören, zu reifen. Niemand kann Dich stoppen.
Dein Verfall schreitet schleichend voran, fast unmerklich. Selbstzerstörung. Man nimmt es nicht sofort war, doch Dein Glanz schwindet. Du blähst auf. Doch noch ist Deine Schale fest genug, Du hast Dich selbst im Griff, noch kannst Du Dich zusammenhalten. Ich streichle Dich sanft und bemerke, dass Deine Oberfläche etwas rau geworden ist. Ich spüre, wie sich die Verlustangst nähert, bald wird Dein Sommer vorbei sein und Du mit ihm. Ich schiebe die Gedanken an das Ende beiseite und betrachte besorgt, wie Du Dich hälst. Noch ist Dein Griff fest und stark. Doch schon bald wird die Verbindung immer dünner werden. Wenn Du jetzt fallen würdest… Du würdest explosionsartig aufplatzen und in unendlich viele Teile zerspringen. Dein Saft würde eine süße Lache zurücklassen. Ich überlege, wie ich Dich vor diesem Massaker bewahren könnte. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, weiß ich, dass ich das nicht kann. Es ist der Lauf der Dinge und ich bringe es nicht über mich diesen aufzuhalten. Zu sehr bin ich noch von Deiner Vollkommenheit besessen, ich will Deinen Anblick nicht missen. Ich fotografiere Dich innerlich tausende Male, in der Hoffnung, dass wenigstens ein Bild zurückbleiben wird.
Ich entscheide mich, bei Dir zu bleiben. Ich werde Dich begleiten auf Deinem Weg ins Verderben. Ich atme tief ein, strecke den Rücken durch und mache mich bereit.
Kleine feine Risse bahnen sich ihren Weg durch Deine Schale. Einer davon wird es sein. Es ist fast immer ein einziger, die sich durchsetzt und alle anderen im Moment seines Durchbruchs zum Schweigen bringt. Der Augenblick ist nahe und ich kann meinen Blick nicht von Dir abwenden. Das Wissen, dass es bald geschehen wird, quält mich. Und mal wieder hadere ich mit mir. Ich hätte Dich doch bewahren können. Der pure Egoismus hielt mich davon ab. Doch je weiter Deine Reife voranschreitet, desto klarer wird mir: Keine Entscheidung wäre die richtige gewesen. Fast immer ist des einen Freud, des anderen Leid.
Es wird schlimmer, als ich erwartete. Ausgerechnet der kleinste und harmloseste Riss ist es, der Dich zum Wahnsinn treibt. Ich erkenne, dass er ein falsches Spiel spielte und sich an der Oberfläche kaum zu erkennen gab. In Wahrheit hatte er Dich jedoch im Inneren bereits zerfressen und erst als er fett und satt und trunken war, gab er Dir den Rest. Es ist ein widerlich schmatzendes Geräusch was er von sich gibt, als er Dich durchbricht und fast auf ganzer Länge zerreißt. Deine Hölle beginnt. Jetzt.
Ich bin so nah bei Dir und Dein Saft spritzt in mein Gesicht. Ich lasse es einfach zu, wische es nicht weg. Als Mahnung werde ich Deine Tropfen solange tragen, bis meine Tränen die letzten Zeugen Deines Seins davon gespült haben.
Nun sehe ich Dein Innerstes. Dein wunderschönes Fleisch. Der Moment in dem es so glänzend frisch vor mir liegt, wird nicht lange anhalten. Eine erste Schicht von Wahrheit - oder ist es Lüge? - legt sich bereits über Dich. Es ist nichts von alledem, doch Dein Geflimmer geht aus. Ausgesaftet hängst Du nun da. Da kommen sie schon. All die Parasiten. Sie fallen über Dich her, schänden Dich unerbittlich. Kein Erbarmen. Ich schaue hilflos zu.
Du siehst so traurig aus. Geschlagen. Mit jedem Stundenschlag fällst Du mehr in Dich zusammen, trocknest aus. Doch selbst im Verfall behältst Du Deine Würde. Verwundert stelle ich fest, dass Du noch immer sehr stark und beständig an dem fest hälst, was Dich einst nährte. Ich realisiere, dass Du wahrscheinlich gar nicht fallen wirst. Du wirst bleiben, wo Du bist. Immer in meiner Sichtweite.
Und auch wenn Du nun nicht mehr sehr hübsch anzusehen bist, so bist Du doch noch da und wirst es immer sein. Du schenkst mir die Kraft zu akzeptieren. Endlich kann ich den Blick von Dir abwenden. Mir wird schwindelig als ich die verbliebene Welt um mich herum wieder wahrnehme. Ich sollte mich von Dir verabschieden. Und ich tue es, weiß ich doch nun, dass Du nicht mehr leiden musst. Auch Du hast akzeptiert.
Nur langsam, aber stetig richtet sich mein Fokus wieder auf andere Dinge. Hin und wieder schaue ich nach Dir und stelle fest, dass alles irgendwie gut ist. Ich weiß, eines Tages wirst Du verschwunden sein. Ich werde nicht nach Dir suchen.
Stattdessen werde ich lächeln und das Bild von Dir, welches
tatsächlich in mir verblieben ist, betrachten. Als ich es fand habe ich es
eingerahmt. In Liebe und Dankbarkeit. Für immer.
Tags: vom Weiterleben






Kommentare
Bon Jovi, die geile Sau ! Lied ist klasse.
14.07.2012, 15:13 von Tanea:)
15.07.2012, 16:58 von Mrs.McHEin schöner Text.
Als kleiner Junge habe ich Schneeflocken fangen wollen. Sie waren so lebendig und tanzten in der Luft. In der Hand jedoch schnolzen sie immer dahin. Hätte ich sie einfrieren sollen? Nein, sie sollten leben und ich bat meinen Vater Fotos zu machen. Er schafft es aber nie ihre Kristalle einzufangen. So blieben mir die Bilder, die ich im Kopf sammelte.
09.07.2012, 19:32 von jetsamVielen Dank!
09.07.2012, 19:37 von Mrs.McH„Mein Gott, Riebesehl,“ stöhnt die Obstverkäuferin, „können Sie nicht einmal einen Apfel essen wie jeder andere auch?"
07.07.2012, 13:29 von B.tina"Ich vergleiche ein Leben mit einem Apfel, schreibe über das Zuschauen, wie ein Mensch stirbt, das macht mich traurig und ich schildere, wie ich damit klar komme. Das Leben geht weiter." Besser so?
07.07.2012, 14:10 von Mrs.McHIch hab das wohl auch rausgelesen ... Musste aber an Tetsche und Neues aus Kalau denken. Tschuldige, bin unpassenderweise albern.
07.07.2012, 14:18 von B.tinaDas passt schon B.tina, weil ich weiß, dass wir beide "wissen". Ich bin passenderweise etwas dünnhäutig und spontanpatzig... Tschuldige, Du. Und die Welt dreht sich ja tatsächlich weiter, machen wir uns da mal nix vor, oder? Alles ist gut.
07.07.2012, 14:22 von Mrs.McHSei weiter albern, ich mach mit :)
07.07.2012, 14:22 von Mrs.McHIch hab mir wohl als Selbstschutz nur den Apfel vorgestellt.
07.07.2012, 14:45 von B.tinaSelbstschutz ist okay, das macht unser Hirn schon ganz gut finde ich.
07.07.2012, 14:48 von Mrs.McHAlbernheit ist bei mir auch oft Selbstschutz.
07.07.2012, 14:52 von B.tinaWem sagst Du das... *seufzt*
07.07.2012, 16:37 von Mrs.McHjajajajaja!!
07.07.2012, 13:11 von zehnmomente