AnnaEcke 25.09.2009, 17:12 Uhr 11 26

Ach so

Es rinnt nicht. Es rennt.

"Das sind keine Tränen. Das ist Wasser", sagt sie und weiß, dass sie lügt, obwohl sie in diesem Moment so sehr bemüht ist, sich selbst zu glauben. "Manchmal laufen sie einfach so. Meistens wenn ich müde bin. Na gut. Vielleicht sind es Tränen. Aber ich weine nicht."

"Ach so", sagt er und zuckt noch nicht mal mit den Schultern. Er spricht einfach weiter, spricht leere Sätze über Dinge, die niemanden interessieren. Wahrscheinlich nicht einmal ihn selbst.

Er ist gleichgültiger als gleichgültig. Es gibt immer eine Steigerung.

Ihr rennt das Wasser aus den Augen. Es rinnt nicht. Es rennt. Sie spürt ihren Hals nass werden, die Nässe kriecht ihr ins Shirt. Lautlos wischt sie sich mit dem Handrücken über die Wangen. Als wäre es nichts. Als wäre nichts. Trennt Verstand vom Herz und Wasser von Tränen. Trennt sich. Aber nicht von diesem Moment. Und nicht von ihm.

Er redet, sie bleibt aufmerksam, nickt, interessiert sich, wischt sich wie selbstverständlich über Wangen und Hals, bringt ein Lächeln zustande und soviel Gleichgültigkeit auf, wie sie in sich zusammenkratzen kann, um sie gegen sich selbst zu richten. Um jedes Gefühl mit Ignoranz zu strafen.

Ihr Verstand steht mit dem Rücken zur Wand, auf der "Es ist alles in Ordnung!!!" geschrieben steht. Es muss alles in Ordnung sein, weil sie es so will. Sie hat schlichtweg beschlossen, sich weiteren Verlusten gegenüber zu verwehren, um sich von ihnen die Seele nicht noch tiefer vernarben zu lassen.

Natürlich weiß sie es besser. Sie weiß, dass sie sich selbst verliert.

Ihr Herz schrei(b)t ihr bereits seit Monaten sämtliche Alarmsignale auf den Körper. Lässt sie brechenfrierenzitternwachenkrampfenkrampfenkrampfen.

Doch der Verstand lehnt verkniffen in seinem Abseits. Manchmal flüstert er "Hier ist schon lange nichts und niemand mehr auf seinem Posten." Aber meistens wird er nicht gefragt. Er hat einfach nur zu funktionieren...nach Regeln, die damit drohen, den Verstand sich selbst verlieren zu lassen. Soll Pragmatismus und Theorien schlucken und das Herz in Sicherheit wiegen, damit sie nicht loslassen muss von dem, was ihr zumindest mehr Halt gibt als sie sich selbst.

Er spricht nicht mehr. Sein Blick hängt in der Gardine.

"Ich laufe über", fällt es ihr leise aus dem Mund. Sie hatte es gar nicht sagen wollen.

"Zu wem?", fragt er und bohrt seine Augen weiter lustlos ins Gardinengelb.

Es rennt. Sie kommt mit dem Wischen nicht hinterher. Sie fühlt sich schwach. Die Bauchschmerzen in Schach zu halten, kostet sie mehr Energie als sie hat.

Und wieder spuckt sich das Wörtchen 'Mogelpackung' in ihre Gedanken. Er hatte sich in die starke Frau in ihr verliebt, ohne zu wissen, dass Stärke und Schwäche in ihr stets Hand in Hand gingen. Vielleicht waren ihre Schwächen sogar ihre Stärken. Aber diese Wahrheit hatte sie wohl schon längst gegen das Bewusstsein, nun seine Mogelpackung zu sein, in Zahlung gegeben.

"Nein. So meine ich das nicht. Ich laufe über. Wie eine Regentonne. Ich bin voll. Ich muss nicht weinen. Es läuft einfach so."

"Ach so", sagt er.

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11 Antworten

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    Er, nicht sie ist die Mogelpackung...

    Na gut. Vielleicht sind es Tränen. Aber ich weine nicht."

    02.10.2010, 22:29 von topfbluemchen
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    der denkt sich bestimmt "gut, dass es mir so nicht geht"
    oder?!

    30.05.2010, 22:41 von Surecamp
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    Make believing we're together
    That I'm sheltered by your heart
    But in and outside I turn to water
    Like a teardrop in your palm

    Hab ich heut im Auto gehört und musste an den Text denken.

    18.10.2009, 18:43 von Dunnagh
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    unglaublich wahr,
    ""Ich laufe über", fällt es ihr leise aus dem Mund."-das ist perfekt. empfehlung hoch zehn!

    30.09.2009, 13:16 von nasus
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    Ach, das mit den starken Frauen, das ist ja immer so ne Sache....

    Mein geliebter Hausmeister meinte neulich mehr als treffend zum Thema Mogelpackung: "Außen hui, erste Schicht jaaa, innen pfui."

    Für die "Ach so"s bekommt der Typ von mir eins inne Fresse wenn ich ihn sehe.

    26.09.2009, 01:49 von frl_smilla
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    "Vielleicht waren ihre Schwächen sogar ihre Stärken."

    Ich denke, es kann niemand stark sein, der seine Schwächen nicht kennt.

    "Er hatte sich in die starke Frau in ihr verliebt"

    Das ist nicht ihr Fehler, sondern seiner.

    Und wer derart gleichgültig ist, hat eine starke schwache Frau nicht verdient.

    25.09.2009, 19:39 von Songline
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