Sinnesrausch 30.11.-0001, 00:00 Uhr 52 92

A-N-N-A, von vorne wie von hinten...

Vor mir saß ein Mädchen deren melancholische Freude mich erstarren ließ.

Jedes Mal ist das Gefühl beklemmend. Schon wenn ich vor den riesigen Türmen stehe. Und doch weiß ich, dass ich nach einigen Stunden mit einem guten Gefühl heraus kommen werde. Ich sehe die Sonne untergehen, atme tief ein, gehe die Rampe hoch, die Tür öffnet sich automatisch.

Als mir der Geruch an diesem Mittwoch mal wieder in die Nase stieg wäre ich am Liebsten sofort wieder raus gegangen. Einen kurzen Moment habe ich die Stirn gegen die kalte Glaswand gedrückt, meine Hände an das kalte Metall des Fensterrahmens und tief durchgeatmet. Dann bin ich zum Aufzug gegangen, langsam. Ich drücke die 17 - meine Hände sind kalt. Ich verlasse den Aufzug und drücke wie automatisch auf den Spender um meine Hände zu desinfizieren.

Was sagt man dem einen kleinen Kind, dem gerade ein Bein amputiert wurde? 
Und was antworte ich der 13-Jährigen die langsam über ihren kahlen Kopf streichelt und mir erzählt, dass ihr Freund Schluss gemacht hat, weil er findet, dass Mädchen lange Haare haben müssen.Und wie tröste ich den kleinen Tom mit den wuscheligen Haaren und den Sommersprossen, weil seine Mama heute Abend nicht da ist? 

Ich habe in all der Zeit keine Antworten auf die Fragen gefunden. Es gibt nicht auf alles eine Antwort, zumindest keine die richtig, fair oder beruhigend ist. Aber ich habe viel gelernt. Ich habe gelernt, dass Zuhören wichtiger ist als Antworten haben. Verständnis wichtiger als Fachwissen. Aufmerksamkeit wichtiger als warme Worte. Es hilft zu erkennen, dass man nicht alles erklären können muss.

An einem Mittwoch war sie da. Von ihr habe ich gelernt.

Ich war früher da als sonst. "Ich bin hinten wie vorne A-N-N-A" stellt sie sich vor und grinst dabei. Ich musste lachen. Sie lachte auch und setze sich zu mir an den Tisch, zog die Knie an. Wir erzählten über alles außer den Krebs. Über das Hier und Jetzt, die Vergangenheit, über Wünsche und Träume.

Wir trafen uns immer mal wieder. Mal nur kurz, manchmal länger.

An einem Mittwoch hatte sie ein Notizbuch dabei, abgegriffen, oft geklebt und darin lagen viele Zettel, alte Eintrittskarten, Postkarten, Fotos, Post-its, Briefumschläge. Wir unterhielten uns und sie erzählte mir, dass ihr das Schreiben hilft. Sie schreibt Geschichten, Gedichte und Briefe. Und mit ihrem Handy nimmt sie Botschaften auf - Videos und Sprachnachrichten.

Sie schreibt Briefe an ihre Eltern, an ihre Geschwister, an ihre Freunde, an Musiker die sie liebt, an Schauspieler die sie verehrt, an Mädchen die Blogs schreiben die sie mag. Sie denkt an jeden. Sie erklärte mir, dass sie all diesen Menschen sagen will wie dankbar sie ihnen ist. Egal ob für ihre Liebe, ihre Freundschaft oder ihre Musik. Sie habe viel nachgedacht und erkannt, dass man sich viel zu selten ehrlich bedankt. Kein "Bitte" und "Danke" des Alltags, sondern ein herzliches Danke. Und mit einem Lächeln erzählte sie, dass sie somit immer noch ein bisschen da ist, wenn sie vielleicht schon gegangen ist. Ich musste schlucken. Das waren genau die Momente vor denen ich mich immer gefürchtet hatte. Sprachlos zu sein. Alles was mir durch den Kopf ging schien falsch zu sein, also sagte ich gar nichts. Vor mir saß ein Mädchen deren melancholische Freude mich erstarren ließ.

Mein Puls und meine Gedanken schienen um die Wette zu rasen auf der Suche nach Ruhe und der richtigen Reaktion.

Sie lächelte mich an und sagte mir, dass es so schön ist mit mir zu reden, weil wir auch schweigen können. Anna schaute mich direkt an "Es ist viel besser, wenn mal jemand da ist der nicht sagt, dass alles gut wird. Sondern jemand der einfach nur da ist".

Sie schaffte es den Moment beiseite zu schieben, fragte mich nach meinen Berufswünschen. Ich erzählte ihr von meinem Studium, meinem Job und meinen Plänen. Ich fragte sie, was sie werden will, im gleichen Moment fragte ich mich schon wieder ob die Frage nun angemessen war. Darf man nach der Zukunft fragen, wenn es vielleicht keine gibt?
"Tierärztin, Schauspielerin oder Lehrerin" sagte sie voller Überzeugung."

Sie erzählte mir von Filmen und Serien die sie gerne sieht. Die Klassiker.

Gute Zeiten Schlechte Zeiten, Unter Uns und die Dritte habe ich vergessen. Und ich ärgere mich darüber, dass ich es vergessen habe. Mit jedem bisschen Vergessen habe ich Angst, dass ich vergesse was ich von ihr gelernt habe.

Am Liebsten mag sie "Jo Gerner" und "Erik Hansen", beides Rollen in denen von ihr geliebten Serien. Sie wusste alles über diese Schauspieler. Geburtsdatum, Lieblingsessen, Hobbys, Lieblingsfilme und natürlich kannte sie die komplette Vita. Sie zeigte mir Seiten in ihrem Buch, die den Darstellern gewidmet waren. Sie fand bewundernde Worte, dekoriert mit Fotos und ausgedruckten Informationen. Sie bastelte für ihre beiden Lieblingsdarsteller Collagen, Fotostories und Armbänder.

Sie erzählte mir von ihrem Lieblingsautorin "Cornelia Funke " und las mir einen Ausschnitt aus der Mail vor, die sie ihr schicken wollte um sich für die tollen Bücher zu bedanken. Dazu hatte sie ein tolles Bild gemalt, was sie der Autorin gerne schicken wollte.

Und wieder war es da - ihre unendliche Dankbarkeit für die Dinge anderer Menschen, die sie zum Teil nie persönlich kennengelernt hat.

Ich staunte wieder über dieses zierliche junge Mädchen und musste mich zusammen reißen um nicht zu weinen. Diese starke Frau zeigte mir so vorwurfsfrei wie viel Glück ich habe. 

Dann erfuhr ich, dass Anna gegangen war. Für immer. Ich dachte immer ich wäre darauf vorbereitet, aber es traf mich plötzlich und trotz aller Umstände unvorbereitet. Deshalb fällt jeder Mittwoch noch ein bisschen schwerer, wenn der Stuhl leer bleibt.

Aber ich entschied, dass ich versuchen werde ein bisschen mehr von dem umzusetzen, was Anna gelebt hat. Ich wäre nie auf die Idee gekommen mich bei Autoren, bei Musikern, bei Schauspielern für ihre Leistungen zu bedanken. Und wann habe ich das letzte Mal grundlos und ohne besonderen Anlass meinen Lieblingsmenschen gesagt, dass ich sie liebe, dankbar dafür bin, dass sie da sind.

Ich besuchte eine Lesung und schrieb dem Autor nachher eine Nachricht wie bewegend sein Werk war und wie großartig er es vorgetragen hatte.

Einem Musiker der mich lange Jahre musikalisch durch mein Leben begleitet hatte schrieb ich eine lange Nachricht und bedankte mich für so viele Jahre wundervoller Musik.

Für eine liebe Freundin verfasste ich einen Text um ihr zu danken und schenkte ihr eine Kleinigkeit, die sie sich lange wünschte. Ihr hätte ich es auch direkt sagen können, aber aus dem Nichts heraus eine Liebeserklärung an die Freundschaft vorzutragen fiel mir schwer. Sie war sehr gerührt, ihr fehlten die Worte und sie hatte absolut nicht damit gerechnet und das machte es für sie umso ergreifender. 

Meiner Mutter schrieb ich zwischendurch einfach eine Email um ihr zu sagen wie lieb ich sie habe. Sie rief mich kurz darauf an und war sichtlich gerührt.

Ich fühlte wie gut es tut und jedes Mal dachte ich dabei auch an Anna.

Wenn mir ein Foto, ein selbstgedrehter Kurzfilm oder ein Beitrag bei Facebook gefällt drücke ich nicht nur noch auf "Like" sondern versuche meine Begeisterung zu verbalisieren. Dieses "liken" ist doch streckenweise wirklich inflationär geworden. 

Und auch einem Schauspieler den Anna so mochte und den ich im Theater gesehen hatte wollte ich "Danke" sagen. 

Ich schrieb ihm eine dankbare Widmung für seine tolle Leistung in die Biografie von Marlon Brando, welche ich für ihn abgeben wollte. Er begegnete mir überraschend selbst und ich gab es ihm. In diesem Moment wünschte ich mir nichts lieber als Anna an meiner Stelle. Sie hätte es sich so gewünscht ihn live zu sehen, hatte alles mögliche von ihm gesammelt und es war einer ihrer größten Träume mit ihm zu reden.

Als ich vor dem Theater stand kam er noch mal auf mich zu. Er schien sich ehrlich zu freuen und wir redeten ein paar Minuten. Ein sehr offener und herzlicher Mensch mit einer sympathischen Art. Ich habe ihm nicht von ihr erzählt. Ich wusste nicht wie. Wie soll man soviel Erlebtes so schnell in die richtigen Worte fassen gegenüber einem völlig Fremden den das vielleicht nur irritiert und überfordert.
Vielleicht irgendwann mal, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig?


Ich habe kaum jemandem von Anna erzählt, weil reden schwieriger ist als schreiben. 
Deshalb schreibe ich über Anna.

wie wir uns begegnet sind, kann mich nicht ablenken.

Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken.


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Tags: Dankbarkeit, Danke, Freude, Briefe, Veränderung, Tod, Lieben, Leben, Bewusstsein, Gedenken
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52 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Danke dir, für das Teilen deiner und Annas Geschichte. Ich hätte sie gerne kennengelernt, denn sie öffnet gerade vielen Leuten mehr die Augen, als sie womöglich dachte.

    31.12.2014, 10:14 von geheimemission
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  • 0

    Aus tiefstem Herzen ein Danke für diese Worte und für eine so wichtige Geschichte über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

    30.12.2014, 22:45 von Freiheitstaenzerin
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  • 1

    Danke - einfach, danke.

    30.12.2014, 22:32 von kupferwuermchen
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  • 0

    Danke. Danke, dieser Text sollte Menschen die Augen öffnen und ihnen bewusst machen, was im Leben wichtig ist. Danke.
    Meine beste Freundin hat selbst Krebs, und dieser text hilft mir sehr. Vielen Dank!!

    30.12.2014, 21:59 von Dunkel_Bunt
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  • 0

    Wunderbar!..

    30.12.2014, 21:50 von tiggers.honey
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  • 0

    Danke, dass du deine bzw. Anna's Geschichte mit uns geteilt hast! Wirklich bewegend und regt einen dazu an im Alltagsstress die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu erkennen..

    05.04.2014, 23:28 von euphorisiert
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  • 1

    Bewegender als der Text ist wahrlich deine Lektion, die du aus deiner Geschichte mit Anna lernst. Es passiert doch nie etwas umsonst im Leben...

    03.04.2014, 16:30 von ChaTalie
    • 1

      Und Dein Kommentar brachte mich dazu den Text doch mal zu lesen. Die
      Überschrift fand ich nicht so ansprechend, aber da wäre mir ja fast ein
      sehr guter, wertvoller Text entgangen.

      03.04.2014, 18:54 von Cyro
    • 0

      Da freue ich mich aber! 

      03.04.2014, 20:35 von ChaTalie
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  • 0

    Dein Text berührt - Danke für diesen Moment.

    03.04.2014, 15:52 von youisa
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