autonomia 26.02.2009, 19:50 Uhr 3 2

7-Gänge-Menü in der Klapse

oder warum ein Aufenthalt dort jedem zu empfehlen ist.

Des letztens verbrachte ich 9 Wochen meines Lebens in der Klapse. Sagt man so. Da kommen doch nur die Irren hin, oder? Nun ja, mir wahr schon vorher klar, dass das nicht so ist, aber die Allgemeinheit? Verrückt sein, das muss man doch um dort zu landen, nicht ganz richtig im Kopf!
Die Eindrücke meiner Umgebung waren beängstigt,ablehnend. Verstanden hat das (fast) keiner, Die, die es verstanden haben, waren Betroffene.

Man wird nicht mit Psychopharmaka ruhig gestellt, am Bett festgeschnallt und in einem dunklen Kämmerlein sich selbst überlassen. Nein, man bekommt, wenn man es will und annimmt, Hilfe.
Soweit einem geholfen werden kann. Man wird therapiert und kann sich stundenweise wieder wie ein „echter“ Mensch fühlen. Fühlen, wie man sich bewegen kann, eigentlich. Merken, dass man nicht allein ist. Es erschließen sich neue Horizonte im Kopf. Natürlich begrenzt.
Die Wochenenden daheim werden zu „Belastungserprobungen“. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Gefühl, in diesem geschützten Raum einigermaßen leben zu können, wird durch den Schritt durch die heimatliche Haustür zunichte gemacht. Scherbenhaufen. Wieder ein sinnloses Wochenende! Nein, es hat nur gezeigt, wo man steht. Immer noch zu weit am Anfang.
Also: Lernen, Ziele kleiner zu stecken. Sich „Nichtigkeiten“ für die Woche vornehmen. Diese Kleinigkeiten wieder nicht erfüllt? Es macht Sinn hier zu sein, im Irrenhaus.
Die Realität schrumpft auf „Deine“ Station zusammen, wo man geborgen ist, alle wissen, wie es einem geht. Und man lernt Menschen kennen, Schicksale, die man überall kennen lernen könnte, auch „draußen“. Man müsste nur mal genau hinschauen, dann würde man erkennen, dass man auch dort nicht allein ist. Im Gegenteil.
Manche lernt man mögen, lieben, hassen oder aber andre sind zu weit weg, um Beziehungen aufzubauen. Eine Gemeinschaft entsteht, die schon nach kurzer Zeit zusammengeschweißt wirkt.
Durch die Nähe, die Krankheiten, das Leid, das Verständnis für all das.
Die 60-jährige Geschäftsfrau- wird die beste Freundin- sie ist grad manisch, reißt einen ein Stück mit. Eine kunstsinnige 39-jährige Hausfrau und Mutter überrascht bei ihrer Genesung jeden. Die 61-jährige Rentnerin, 3 ½ Monate gefangen in Depression und Paranoia-erwacht.

Und so kam eines Tages, bei einer der ersten Zigaretten einigen von uns die Erkenntnis, bzw. wurde sie laut ausgesprochen, dass jeder Mensch sich zumindest ein Mal in seinem Leben in Behandlung begeben sollte. Um sich selbst besser kennen zu lernen. Die eigenen Ziele-Wünsche-Vorstellungen-
Leben eben.
Weil viele meistens nur so vor-sich-hin-leben und dabei die wirklich wichtigen Dinge einfach vergessen, was immer das auch sein mag. Ist man eigentlich wirklich zufrieden in seiner Selbstkonstruktion aus Familie, Job, Freizeit, usw.?
Deswegen halte ich mein persönliches Plädoyer für das BKH. Weil man hier jede Menge Zeit und Möglichkeiten hat sich selbst zu reflektieren- hin zuschauen- und zwar genau!
Das tut oft genug weh,lohnt sich aber!

2

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Kann ich zustimmen, es kann hilfreich sein, wenn es auch nicht jeder braucht, manch einer kommt auch gut ohne "Klapse" zurecht, aber das alte Bild von einer Anstalt sollte langsam wirklich mal abgelegt werden...

    25.01.2010, 21:40 von SusaBa
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Kann Einsprüche dieser Art nachvollziehen. Es geht auch nicht um Zwangseinweisungen, nach dem Motto"Sie haben Ihre Volljährigkeit nun erreicht, bitte begeben Sie sich umgehend in eine Einrichtung". Ich will nur auf den Sinn der Selbstreflexion hinweisen, daß auch das Gesundheitssystem nicht mitspielen würde, natürlich. Bezüglich der Phsychopharmaka , ich kenne selbst Leute, die jahrzehntelang auf Haldol waren , und das ist wahrhaftig kein schöner Anblick , bzw. sind diese Leute hin. Und trotzdem , und man kann alt und neu nicht vergleichen, nehme ich meine Medikamente, und fahre einigermaßen gut damit. Jeder ist am Ende nur sich selbst verpflichtet. Und was in einigen Jahren ist, sehen wir erst , wenn es soweit ist.
      Gruß

      26.07.2009, 16:31 von autonomia
  • 0

    Japp, kenn ich. Würd's auch nochmal machen.

    19.03.2009, 01:12 von UllaRulla
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare