Hoody 05.11.2009, 23:16 Uhr 12 3

30 Meter vom Tod entfernt

Es ist um sieben Uhr am Morgen,...

...als es auf der Holzablage an meinem Kopfende piept und vibriert. Sofort bin ich hellwach, nicht mal eine Sekunde vergeht, bis ich aufspringe, kein Umdrehen, kein Knurren, sofort mache ich das Licht an und springe in meine Klamotten. Denn das Signal an meinem Kopfende bedeutet Alarm bei der Feuerwehr. Der Anzeige entnehme ich, dass wahrscheinlich eine Person verunfallt ist. Ich haste die Treppe hinunter und ziehe die Tür grob hinter mir zu. Darauf, dass andere noch schlafen nehme ich nicht wirklich Rücksicht, ich zittere ein wenig, und habe keine gute Feinmotorik, außerdem versetzt mich Adrenalin in einen Zustand in den ich mich absolut auf das Wesentliche konzentriere. Ab ins Auto und möglichst zügig zum Gerätehaus. Viel ist eh noch nicht los in dem sechstausend Einwohner großen Stadtteil. Eine halbe Minute später komme ich mit als erstes am Gerätehaus an. Springe aus dem Auto, rein in meine Uniform und zügig aufs Einsatzfahrzeug. Viel wird nicht gesprochen...“Einsatzort“....“Vorsicht“....und wir sind weitere dreißig Sekunden später unterwegs. Manche haben ein sehr faltiges Gesicht, andere waren scheinbar schon auf den Beinen. Doch jetzt wirken alle hellwach. Auch auf der Anfahrt, herrscht eine angespannt – konzentrierte Atmosphäre. Wichtig ist, dass wir schnell am Einsatzort eintreffen und diesen auch sofort finden, denn um uns herum ist es ländlich und spätestens jetzt ist klar, dass es wohl ein Verkehrsunfall an diesem morgen sein wird. Es ist sehr ruhig, ein wenig neblig, wir überqueren Bahnschienen biegen links ab, um uns herum Felder, vor uns flackern etliche blaue Lichter. Wir reihen uns in die Schlange von Einsatzfahrzeugen ein und sind somit bestimmt noch dreißig Meter vom Unfall entfernt. Ältere und erfahrene Kräfte machen sich auf zur Unfallstelle um mit anderen Einsatzkräften mögliche Maßnahmen zu treffen.
Ich bleibe mit anderen am Fahrzeug zurück. Für mich kein Problem, jetzt kommt erstmals so etwas wie Erleichterung. Ich weiß in etwa, was passiert ist und ohnehin sind genügend Einsatzkräfte vor Ort. Außerdem bleibt mir wahrscheinlich ein sehr unangenehmer Anblick erspart, dem ich mich im Zweifelsfall zwar stellen würde, mich aber nicht drum reiße und schon gar nicht morgens um halb acht. Dennoch bleiben wir in Einsatzbereitschaft, gucken neugierig in Richtung Graben, da wir den verunfallten Wagen nur erahnen können. Wir beginnen zu spekulieren, sehen Notärzte und Personen vom Rettungsdienst konzentriert arbeiten. Es vergeht ein wenig Zeit, bis unsere Kollegen zurück kommen und uns über das Geschehen aufklären. Schnell wird klar, dass die Lage sehr ernst ist. Eine Person wird es wohl nicht überleben, oder hat es wohl nicht überlebt. Was ich jetzt denke, keine Ahnung, es ist ja so ziemlich der „worst case“ eingetroffen. Dreißig Meter von mir entfernt, hinter einer Kurve lauerte also der Tod. Aber ich kenne diese Person nicht und bin auch für nichts verantwortlich. Zudem werde ich nun durch die Gespräche der Kollegen abgelenkt, und mache mir vorerst keine Gedanken. Die Anderen wissen schon ein wenig mehr, angeblich waren die beiden PKW Insassen auf dem Weg zur Arbeit, und eine Person war nicht angeschnallt. Zudem sind sie zu schnell gefahren und haben bei glattem Untergrund die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Es vergeht erneut ein wenig Zeit, bis die ersten Einsatzfahrzeuge abrücken. Nach ca. 45 Minuten am Einsatzort treten auch wir den Rückweg an. Auf der Rückfahrt sehen viele die ganze Sache sehr technisch, unterhalten sich über den Fahrzeugtyp, den möglichen Unfallhergang und darüber, wie stark deformiert das Unfallfahrzeug ist.
Mir wird gerade bewusst, dass es mein erster Einsatz mit einem Todesopfer war. Naja , ich habe ja nichts gemacht, aber war immerhin am Einsatzort.
Am Gerätehaus wieder angekommen, kommt meine Kluft mit dem eigenartigen Geruch wieder an meinen Haken. Einige stehen noch ein bisschen in der Runde und quatschen über dies und jenes. Ich stelle mich noch kurz dazu, verabschiede mich dann ganz normal, setzte mich ins Auto und fahre nach Hause. So, jetzt bin ich erstmals mit meinen Gedanken alleine. Ich war also gerade bei einem Verkehrsunfall mit einem Todesopfer. Zu Hause angekommen, bin ich noch sehr aufgekratzt erzähle meinen Eltern die Geschichte und lege mich wieder ins Bett.
So schnell kann das Leben also vorbei sein. Möglicherweise hat die Person noch gelebt, als ich zuletzt in diesem Bett lag, oder als ich aus dem Feuerwehrauto den Nebel und die anderen Fahrzeuge sah. Ob die Person wohl sofort tot war oder Schmerzen hatte? Und wie lange dauert es wohl zu sterben, geht es von jetzt auf gleich? So ähnlich wie Licht an, Licht aus?
Wann die betroffene Person wohl zuletzt an den Tod gedacht hat, hat sie es kommen sehen, flimmerte das Leben noch einmal wie ein Film vorbei, und wurde es danach hell, gab es einen weißen Tunnel, so wie der Tod oft geschildert wird. Wie wird es den Angehörigen ergehen, die noch nichts ahnen und vielleicht genauso geschlafen haben wie meine Eltern. Sie ahnen noch nicht, dass der Tag ganz anders kommt, als sie es sich vorstellen. Er wird ihr Leben verändern. Wer wird ihnen die Nachricht mitteilen? Was ist mit den Leuten, die diese Person das letzte Mal gesehen haben, ohne es zu wissen. Morgen könnte es theoretisch auch mir so gehen, oder jedem anderen. Und das schlimme: Es wird definitiv irgend jemanden geben, der morgen schon nicht mehr leben wird, weil er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.
Jetzt geht mir einiges durch den Kopf, aber es geht mir gut. Vielleicht ist es sogar eine besondere Form des Glücks, zu sehen, wie schnell alles vorbei sein kann, und dadurch viele andere Dinge mehr zu schätzen. Die Maßstäbe und Anforderungen die man selber an sich und das Leben stellt, werden durch so ein Ereignis zumindest kurzzeitig wieder auf null gesetzt; resetet sozusagen. Hätte ich einen Streit mit einer Person gehabt, dann würde ich den spätestens jetzt beenden, und würde mich vielleicht ein wenig schämen, weil ich gerade eben gesehen habe, dass es viel wichtigere Dinge gibt. Richtig schlafen kann ich an diesem Morgen nicht mehr, aber ich freue mich auf den Tag, weil ich frei habe und ihn so gestalten kann, wie ich möchte, ohne Pflichten. Das reicht mir vorerst um zufrieden zu sein."Wichtige Links zu diesem Text"
Leben, Tod,

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12 Antworten

Kommentare

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    genialer Text, man konnte sich super vorstellen wie es ist das alles mehr oder wehniger mit zu erleben!

    07.03.2011, 14:17 von Schokoladenstern
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    gänsehauttext.

    kenn ich auch.

    die klarheit, mit tod konfrontiert zu sein tut hinterher gut. aber in der situation ist es schrecklich.

    14.09.2010, 21:15 von MondBlau
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    sehr gut geschrieben habe ich wirklich gerne gelesen!daumen hoch ;)

    01.04.2010, 23:58 von AniLu
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    Kenne persönlich auch "nur" die andere Seite, sowohl als Angehörige als auch als Unfallopfer. Alleine dieser Gedanke von Blaulicht und vielen Einsatz - Fahrzeugen hat eine so ungemein emotionale Seite für mich...

    Gut beschrieben! Und danke für diesen Vergleich: "Und wie lange dauert es wohl zu sterben, geht es von jetzt auf gleich? So ähnlich wie Licht an, Licht aus?"

    28.02.2010, 18:51 von heinrus
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    Beeindruckend... meine liebsten jungs sind bei der Feuerwehr, führt mir noch mehr vor Augen was die so durchmachen.....

    28.02.2010, 16:40 von Arcadium
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    "Was ist mit den Leuten, die diese Person das letzte Mal gesehen haben, ohne es zu wissen."

    - Ich weiß wie das ist und es ist nicht schön, ganz und gar nicht! Ich kenne diese Geschichte also von der anderen Seite, aber die Konsequenz ist die Gleiche: Man merkt was wirklich wichtig ist im Leben und ordnet seine Maßstäbe für sein Leben neu!

    Sehr gut ge- und beschrieben!

    22.02.2010, 01:05 von sonnen_bluemchen
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    gut!

    24.11.2009, 00:25 von Boardell
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    Ja sehr gut geschrieben. Kenne das auch bin auch bei der Feuerwehr.

    14.11.2009, 22:38 von FireFighter1989
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