3 Minuten zu spät
Manchmal will das Leben nicht gerettet werden.
Die Zeiger der Uhr springen auf 3 Uhr. Es ist kalt, es ist dunkel, die Straßen fast menschenleer. Nur ab und zu fährt ein Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit an unserem Wagen vorbei. Alle wollen nach Hause. Ich auch.
Ich werde erst in 5 Stunden zu Hause sein. Mir die Hände gründlich waschen, mit diesem stinkenden Mittel, dass sogar HIV-Viren abtötet. Und eigentlich sowieso alles. Ein bisschen sogar das Gefühl.
Wir - der Fahrer, der Notarzt und ich - sitzen seit 1 Stunde in unserem Wagen. Und warten. Darauf, dass jemand sich verletzt. Darauf, das jemand stirbt. Darauf, dass jemand den Verstand verliert. Darauf, dass wir helfen können.
Eine junge Dame geht an unserem Wagen vorbei. Der Fahrer lässt den "Schneckenklopfer" ticken - ein leises aber monotones Geräausch, dass aus den Sirenen kommt. Der Ersatz des Bauarbeiter-Pfeiffens. Kurz vergessen wir, warum wir hier sind.
Dann, plötzlich: das vertraute Geräusch des Funks. Ein Knacken. Ein Krachen. Das Signal, dass unser Warten endlich ein Ende hat. Und im selben Moment das Signal, dass etwas passiert ist.
"Anton 3 - Sturz aus hoher Höhe. 3 Bezirk. Fahrts nicht über den Gürtel! Da hats grad gscheppert. Nehmts an anderen Weg...Person nicht ansprechbar."
Notizen werden gemacht; der Fahrer tritt in die Pedale; ich packe wie in Trance alle wichtigen Dinge ein. Defi. Adrenalin. Injektionsnadeln. Kochsalzlösung. Mulden. Kompressen. Das Leichentuch. Ganz am Schluß. Fast, als wäre es ein böses Omen diese hässliche, schwarze Plastikdecke zuerst einzupacken.
Sturz aus hoher Höhe heißt: mehr als 3 Meter.
Die Nacht ist noch dunkler als vorhin. Es ist Still im Wagen. Keiner spricht ein Wort. Ich weiß warum. Es ist die Angst, die uns die Stimme raubt. Angst, dass wir zu spät kommen könnten. Obwohl wir wissen, dass es immer zu spät sein kann.
Der Wagen hält vor einem heruntergekommenen Gemeindebau. Grau. Kalt. Leer. Keine Menschenmassen, die geifernd auf das Schlimmste warten.
Aus dem Innenhof des Hauses hören wir plötzlich Schreie. Keine aus Angst. Keine vor Schmerz. Schon gar keine aus Wut. Es ist die pure Verzweiflung, die wir hören.
Der Innenhof ist eigentlich sehr hübsch. Kleine Beete, sicherlich von den Bewohnern angelegt, die Stadt macht sowas nicht - schon gar nicht hier, in diesem Bezirk. Auf die grauen Wände haben Kinder Geschichten gemalt.
Auf dem Boden liegt ein junger Mann. Ich sehe schon von weitem, was passiert ist. Es ist diese Körperhaltung. Immer verschieden - und doch immer gleich. Die Arme und Beine in einem unnatürlichen Winkel von sich gestreckt. Und auch der dunkle Fleck unter dem Kopf wird langsam immer größer. Früher habe ich noch versucht, Bilder in diesen Flecken zu erkennen. Ich versuche es nicht mehr. Am wenigsten, wenn diese gräulichen, klebrigen Fäden in der roten Farbe auftauchen.
Um den Körper stehen 3 Personen. Ein Mann, eine Frau und ein ungefähr 12 jähriges Mädchen. Ich sehe, dass sie ein Zopfband von Hello Kitty trägt. Und ich weiß: gerade jetzt, in dieser Sekunde muss sie sich von ihrer Kindheit verabschieden. Bye, bye Kitty.
Der Notarzt prüft alle wichtigen Funktionen. Ich weiß, dass er das nur mehr macht, um den Menschen nicht das Gefühl zu geben, wir täten nichts mehr. Das passiert oft. Wir wissen dass nichts mehr zu tun ist - und wollen den Menschen wenigstens noch 5 Sekungen Hoffnung schenken.
Die Frau schreit nur mehr. Immer wieder packt sie das kleine Mädchen an den Schultern und schüttelt sie. Ich gehe zu ihr. Hocke mich neben das Mädchen. Drehe sie sanft um. Wenn schon mich diese Bilder verfolgen, will ich nicht wissen wie es ihr gehen wird.
Der Mann steht apathisch neben dem toten Körper. Wir fragen, ob er den jungen Mann kenne. Ein Nachbar? Ein Bekannter von Nachbarn?
"Er ist mein Sohn."
Die Frau ist seine Mutter. Und das Mädchen seine Schwester.
Wir bringen die Familie in die Wohnung. Das Kriseninterventions-Team ist schon da.
Der Mann - ich kann schwören dass er in den letzten 3 Minuten um 10 Jahre gealtert ist - zieht stumm an einer Zigarette und trinkt Kaffee.
Die Frau beginnt zu erzählen, schnell, hektisch. Auch das kenne ich. Und danke der Natur in diesem Moment, dass es sowas wie "Schock" gibt.
Bis Daniel 16 war, war er ein ganz normaler Junge. Hatte viele Freunde, war gut in der Schule - und Sport sein Lebenselixir.
Dann wurder er müde. Einfach so. Ein Arzt bestätigte: Herzfehler.
Kein Sport mehr. Dann keine Freunde mehr. In der Schule wollte es nicht mehr so richtig klappen.
Man setzte Daniel auf die Transplantationsliste. Mit dem Gedanken, es müsse erst jemand sterben, damit er leben kann - konnte er sich nie anfreunden. Auch das kennt man. Vor zwei Monaten dann verschlimmerte sich sein Zustand. 2 Stufen - 1 Stunde Pause machen. Nichts ging mehr.
Und dann sagte er "Ich will nicht mehr. Ich will laufen können, ohne zu keuchen, ich will meine Freundin küssen, ohne Atemnot zu bekommen. Weißt du wie das ist Mama? Wenn du denjenigen den du liebst nicht mal fest drücken kannst? Weil dir die Kraft fehlt?"
Das Telefon klingelt. Lange. Lange merkt es niemand. Dann steht der Vater auf, geht langsam zum Telefon. Wie in Zeitlupe.
Ich sehe, wie er den Hörer abhebt. Er ein "Ja" in den Hörer haucht. Dann wird er bleich. Seine Augen rollen komisch. Und dann fällt er einfach um.
Nach ein paar Sekunden kommt er wieder zu sich. Und schreit. Wie ein Wahnsinniger. Er schreit und weint und prügelt auf sich selber ein. Was ist den passiert?
Das Krankenhaus. Daniels Herz ist da.
_______
Für meinen kleinen, großen Bruder: ich bin so stolz auf dich!






Kommentare
Gänsehaut, immer wieder Gänsehaut.
05.12.2009, 10:07 von Seifenblasen.im.KopfDas ist das Spiel des Lebens.
11.06.2009, 04:48 von Licht.BlickHart.
Berührt.
So verdammt unfair.
dann lese ich die geschichte grade und war vor 3 Tagen in einer Univorlesung über die Transplantation..
14.02.2009, 23:06 von einsiedlerkrebsSchrecklich.. Vor allem weil es einfach so falsch, dass jemand für dich sterben muss..
Ich bin froh, dass wenn ich sterbe jemand meine Organe haben kann..
Kacke.
30.01.2009, 14:57 von frl_smillaGänsehaut.
Wahnsinn
06.01.2009, 16:41 von kekskrumengänsehautfeeling
27.12.2008, 13:03 von Lenna.berührt.
21.10.2008, 15:00 von la_lionneein ganz gemeines ende. so gemein kann nur das leben sein.
Mich berührt hier selten etwas wirklich.
21.10.2008, 12:40 von LudwigMartinJetzt aber.
.. totale Betroffenheit .. trotzdem bleibt bei allen Angehörigen immer das WARUM übrig .. ein Leben lang ..
21.10.2008, 12:31 von ilofi