JustKidding 18.07.2018, 11:26 Uhr 1 0

18.07.2016

Bis heute, zwei Jahre später, weiß ich nicht, was diese Emotion ist. Es fühlt sich nur nach physischer, unsichtbarer Schwere an.

Ehrlichkeit währt am längsten, sagt man. Und es ist auch so, dass auf sozialen Medien keine Bilder geteilt werden, die zeigen, dass es einem auch mal schlecht geht. 

Aber mir geht es heute schlecht. Es fängt an mit einem unguten Bauchgefühl, als würde sich ein Ballon in deinem Bauch langsam aufblasen und auf alles in dir drücken. Es ist ein fühlbarer Schmerz in der Brust, der einen darüber nachdenken lässt, wie man tatsächlich atmet. Die Augenlider sind schwer und der Kopf sinkt. Und dann kommt der Schwindel. Man atmet tief, aber ich glaube, die Luft kommt nicht an – die Augen bleiben kaum offen und der Schwindel übernimmt das Ruder.

Dann liegt man auf dem Boden des eigenen Zimmers im Studentenwohnheim, schaut zur Decke hoch und überlegt, wie schwer wohl die Lampe ist, die dort hängt und ob sie schon mal kurz davor war, runterzufallen. 

Da liegt man dann. Es ist keine Wut, die die Tränen hervorbringt. Es ist auch keine Trauer. Bis heute, zwei Jahre später, weiß ich nicht, was diese Emotion ist. Es fühlt sich nur nach physischer, unsichtbarer Schwere an. 

Es muss schon irgendwas sein, das ich fühle, denn ich habe lange etwas gesucht, dem ich die Schuld daran geben kann, wie ich mich fühle. Ich war sauer auf Familie und Freunde, weil ich mich allein gelassen gefühlt habe. Ich war sauer auf Politiker, Polemiker und Journalisten, die diesen Vorfall ständig aufgreifen, instrumentalisieren und Menschen in dem Glauben lassen, dass das eine gefährliche Welt sei, in der wir uns hier in Bayern befinden. Darauf bin ich immer noch sauer, aber nicht, weil ich eben in diesem Zug war, sondern weil ich das auch sonst für tragisch halte. 

Mein Herz ist heute, mehr als an allen anderen Tagen, bei den Menschen, die dieses Gefühl ständig tragen. Es tut mir leid, dass ihr das erlebt – ich weiß wie sich die Einsamkeit in der Schwere anfühlt. Ich hoffe, ihr bekommt die Hilfe, die ihr braucht. Ich hoffe, ihr werdet aufgefangen.

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Kommentare

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    Was war nochmal am 18.07.2016 ... ach ja, der Angreifer mit der Axt in Würzburg. Übertüncht von den vielen Ereignissen, die seither geschehen sind. Verblasst für jemanden, der nicht betroffen war und ist. Aber zugleich ein bleibendes Gefühl für jene, die es betroffen hat, wie auch für jene, die es nicht verdrängen können. Wie will man auch davon loslassen? Man muss es lernen. Lernen, bedeutet seinen eigenen Schutzraum um sich als Sicherheit zu behalten, wider aufzubauen und sich nicht ausgeliefert zu fühlen. In diesem Raum bin nur ich und sonst keiner. Hier dringt auch keiner ein. Wer es nicht alleine schafft, sich diesen Raum für sich selbst zu erkennen, sich wohl darin zu fühlen, der sollte sich Hilfe suchen.

    18.07.2018, 20:53 von jetsam
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