See_Emm_Why_Kay 25.04.2011, 10:25 Uhr 0 2

10 vor 12 oder mein Freund, die Zeit

Darf ich vorstellen: Das ist mein Freund, mein Wegbegleiter fürs Leben und dies ist unsere Geschichte oder jene die noch kommen wird ...

Wenn das Leben mir mit seinem Beginn gesagt hätte, dass ich es teilen müsse mit diesem ewigen Freund und Feind, so hätte ich es vermutlich wieder eingetauscht.

Die anfänglichen Jahre mit Ihm waren schön; das muss ich zugeben. Er war mir stets zur Seite. Faul war er, ja. Teilweise sogar so träge, dass ich ihn ziehen und anschubsen musste, weil er kaum gehen mochte. Ich war so voller Energie und Tatendrang, dass es manchmal sehr ärgerlich war, wie langsam und unmotiviert er doch war. Aber im Nachhinein nehme ich es ihm nicht übel. Vermutlich wollte er sich etwas ausruhen für die Tage die noch kamen.

Und Sie kamen schnell und unerwartet. Aber doch schleichend.
Zu Schulzeiten hatten wir unseren ersten richtigen Streit. Ich war ständig in Eile. Ja teilweise auch auf der Flucht. Und er war nicht da. Er ist nicht mit mir geflohen. Stattdessen saß er wie früher gemütlich und sogar schadenfreudig herum und lachte über mich. Das machte mich rasend. Nicht das geringste Mitleid schien er mit mir zu haben. Ein wirklich schlechter Freund war er mir damals. Aber irgendwann hatte ich genug von meiner Wut auf ihn und setzte mich zu ihm. Zwar redete ich nicht mit ihm, aber so hörte er wenigstens auf zu lachen. Er hatte den Streit wie immer gewonnen und ich wie immer nachgegeben.

Einige Jahre später hatte ich meinen ersten festen Freund. Ich war froh, dass die beiden sich gut verstanden. Ja, er verstand sich sogar hervorragend mit seinem besten Freund. Wir haben viel zusammen unternommen. Haben viel gelacht und uns manchmal sogar ausgemalt, was unsere Freunde wohl in der Zukunft machen werden. Ob sie wohl mal große Sportler werden? Sprinter oder doch eher gemütlich in ihren Sesseln sitzen und Bücher schreiben mit großartigen Geschichten?! Es waren tolle Jahre und wir genossen die Momente zusammen.

Eines Tages merkte ich jedoch, dass ich nicht frei war. Das ich so nicht leben konnte. Und das waren die Monate, in denen ich merkte, dass ich den besten Freund hatte, den man sich wünschen konnte. Ich fragte ihn noch einmal ob er zusammen mit mir flieht. Und er tat es. Ich packte meine Sachen und wir fuhren einfach drauf los. Wir hatten die wildeste Zeit unseres Lebens. Wir sprangen von Klippen, jobbten auf einer Farm in Kanada und verdienten Geld mit dem Füttern und Wässern von Kühen, Hühnern, Hyänen und Affen (Mit dem verdienten Geld trieben wir allen erdenklichen Unsinn, aber mehr will ich dazu nicht sagen), schlugen uns die Nächte um die Ohren und schliefen tagsüber. Manchmal hatten wir uns so in der Freiheit verirrt, dass wir nicht mehr wussten wann heute und gestern war. Wir lernten viele Menschen kennen. Sehr unterschiedliche. Da war diese zwielichtige serbische Frau. Ihr Mann hatte schon einige krumme Geschäfte betrieben und in ihren Augen sah man immer, dass da noch etwas lauerte, was sie nie aussprach. Aber Sie hatte ein großes Herz und wir mochten Sie sehr. Dann war da diese kleine, großschnäuzige Marokkanerin, die ihre Gedanken stets auf der Zunge trug. Anfangs überforderte ihre Art uns etwas. Aber als sie auf der Farm, auf der sie ebenfalls eine Weile mit uns arbeitete den Hühnern das Essen genervt von ihrem Geschnattere vor die Schnäbel warf, mussten wir plötzlich alle lachen. Und wie wir lachten! Genau in diesem Moment wusste ich, dass ich ihr ein Stück meines Herzens abbrechen musste. Weil mich das Loch, was an dieser Stelle entstehen sollte, immer daran erinnern wird, wie groß ein kleiner Mensch sein kann.

In einer kalten, verregneten Nacht zum Jahreswechsel saßen mein bester Freund und ich vor der Scheune und rauchten uns eine Tüte. Verdammt gutes Cannabis aus Amsterdam. Wir schauten in den Himmel und es war uns egal, dass der Farmer mal wieder kolerisch nach uns rief. In diesem Moment beschlossen wir zurück zu gehen. Wir wollten nochmal neu anfangen und herausfinden was wir noch aus diesem Leben rausschlagen könnten. Er sah mich an und flüsterte mir ins Ohr "Ich bin bei dir und wohin auch immer wir gehen; wir werden ne verdammt geile Zeit haben"! Ich schnipste den Joint weg und wir gingen. Wir ließen die verdammte Farm mit all ihren verwöhnten, nervtötenden Kühen und Hühnern zurück. Einen kurzen Moment dachte ich noch daran sie abzufackeln aber mein Freund nahm meine Hand und zog mich mit. Zum ersten Mal zog er mich und ich folgte ihm voller Vertrauen.

Er behielt Recht; es war eine verdammt geile Zeit! Und wir waren nicht mal auf der Flucht. Endlich fanden wir dasselbe Tempo. Er war nicht mehr so faul und träge und ich nicht mehr ständig in Eile. Auch hier fanden wir interessante Menschen vor. Der überaus euphorische Grieche zum Beispiel, der uns faszinierte mit seiner Hingabe und seinem Verständnis für die hohe Kunst der Artikulation. Ich nannte ihn den Wortakrobat. Und da war die gedankenverlorene Literarin, die man selten ohne Buch zu Gesicht bekam. Wenn ihr Geist nicht gerade bei den Leiden eines Werthers oder der Geburt einer Tragödie war, war sie überaus unterhaltsam. Ja inspirierend. Dennoch ein Freigeist und für die Freundschaft nicht geboren. Wir trafen auf Philanthropen ebenso wie auf Egoisten, dennoch mit einer Eigenschaft, die wir uns zunutze machen konnten. Zwischendurch reichte auch die Liebe mir die Hand, aber ich konnte meinen besten Freund nicht im Stich lassen. Ich wollte nicht, dass er wegrennt.

Er blieb. Und ich nahm kein einziges Mal die Hand. In den letzten Monaten wurde mein Freund furchtbar ungeduldig. Ständig zerrte er mich durch die Gegend. Rastlos aber auch glücklich. Deshalb ließ ich mich von ihm überallhin mitziehen. Wenn ich mal eine Pause brauchte, wartete er. Wenn ich mal Schlaf brauchte, legte er sich neben mich. Und wenn ich voller Energie war, spielten wir Fangen wir zwei kleine Kinder.

Ich muss zugeben, dass er nicht immer ein einfacher Freund war. Aber jetzt, wo ich verstehe, dass er es immer nur gut mit mir meint, respektieren wir uns in allen Lebenslagen. Ab und an ist er zu schnell und manchmal laufe ich ihm davon. Aber es ist ok, weil wir uns immer wieder finden und dann gemeinsam gehen. Wohin auch immer.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Mein Freund lächelt mich an und sagt mir, dass es Zeit ist, sich in den Tag zu stürzen. Eigentlich sagt er nur, dass es 10 vor 12 ist, aber ich verstehe was er sagt; Nach so einer langen Freundschaft bedarf es keiner großen Worte mehr! : )

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