Tamou_Aduke 03.03.2008, 10:55 Uhr 0 1

Zwischen Träumen, lieben und weinen

Da ist so ein Film in meinem Kopf, der mich zwingt, nicht vergessen zu können, dass ich diejenige bin, die dich fast umgebracht hätte.

Hallo mein Großer,

Ich
mal wieder ich. Mal wieder einer dieser wahrscheinlich hoffnungslosen Versuche, Kontakt zu dir zu bekommen. Ich gebe nicht auf. Wie heißt es so schön: die Hoffnung stirbt zuletzt.
Wahrscheinlich fragst du dich: Wieso? Warum lässt sie mich nicht einfach in Ruhe?
Weil du mir fehlst. Weil ich Angst habe, dass ich dich kaputt gemacht habe. Weil ich das Gefühl nicht los werde, ein Opfer gebracht zu haben. Dich geopfert zu haben. Für mein vermeintlich neues, tolles, wichtiges Leben. Du hast mich geliebt, wie ein Mensch einen anderen nur lieben kann. Ohne Wenn und Aber. Dich hat die Entfernung nicht vom Lieben abgehalten. Dich hat davon auch nicht abgehalten, dass wir uns immer weiter auseinander gelebt haben, dass wir immer seltener Sex hatten, dass ich immer weniger wusste wer du bist und du immer weniger, wer ich bin. Liebe und Beziehung. Das sind zwei verschiedene Dinge. Unsere Beziehung war nicht mehr die beste. Während meine Liebe dadurch am schwinden war, blieb deine unkaputtbar. Das machtest du mir zum Vorwurf. Dass ich dich aufgegeben habe, hingeworfen und verletzt. Dass du deswegen fast gestorben bist.

habe Angst
Gestorben. Manchmal lief ich die Straßen Berlins entlang und fragte mich unvermittelt: Lebt er noch? Ist irgend etwas mit ihm passiert? Habe ich ihn wirklich umgebracht? Dann habe ich Moritz Mails geschrieben und ihn ausgefragt, wie es dir geht. Manchmal sah ich dich auf den Straßen entlang gehen, während ich in der Tram oder S-Bahn saß, ich sah dich in jedem Gesicht, in jedem Mann mit etwas längeren, lockigen dunklen Haaren und langen Beinen. Lebt er noch? Ist irgend etwas schlimmes passiert? Wenn ich seine Mutter anrufe (du wirst es nicht glauben, aber bis heute habe ich deine alte Telefonnummer im Kopf!), wird sie mit trauriger Stimme sagen, dass ihr Sohn aus Kummer gestorben ist, eingegangen wie eine Pflanze, die man vergessen hat zu gießen? Eingegangen, wie ein Mensch, den man vergessen hat zu lieben?

Seit 2004, dem Jahr in dem ich Felix geheiratet habe, sprichst du nicht mehr mit mir. Seit dem bin ich es, die für dich gestorben ist. Das sind vier Jahre.

dich
Weißt du eigentlich, was du mir bist? Du bist mir eine meiner wichtigsten Erinnerungen, eine meiner schönsten Erfahrungen, eins meiner besten Gefühle. Du hast in meinem Hirn bestimmt eine Region ganz für dich allein, eine Region, die im Drei-Länder-Hirn-Eck zwischen Träumen, Lieben und Weinen angesiedelt ist. Jahrlang nach unserer Trennung habe ich noch von dir geträumt. Bin aufgewacht neben Felix und dachte zuerst, es seist du, der neben mir liegt. Weil der Traum noch nach hallte, die Bilder noch abliefen. Im Liebeszentrum meines Hirns sind auf immer und ewig die Geschicke, Funktionen, Abarten, Zärtlichkeiten, Höhen und Tiefen der Liebe gespeichert, die ich mit dir lernte: „Heute weiß ich: es war etwas besonderes und wird es immer bleiben. Heute weiß ich auch, wie viel Glück ich hatte, dass es so gelaufen ist, dass ich mit dir entdecken konnte, dass du die eine feste Konstante warst, mit der ich lernen und mich entwickeln konnte – erwachsen werden. Wenn ich heute liebe, dann immer noch so, wie ich es mit dir lernte und manchmal, aber nur manchmal, ertappe ich mich dabei, wie ich vergleiche. Soll man eigentlich nicht tun.“ Und weinen: weil ich in der Lage war, dich zu opfern. Es nicht geschafft hatte, an dir festzuhalten. Unfähig, zu kämpfen. Warum?

für immer
Erst Jahre später erkannte ich dich. Wie weich du innerlich warst – und bist. Wie viel darin steckte, wie viel Schmerz in Wahrheit in dir war. Heute bin ich 25 Jahre alt, damals war ich 15. Nicht reif genug, dein Innerstes zu erkennen, zu begreifen. Die Chance und das Leben zu sehen, das hinter dem Jungen stand, der immer ein bisschen zu scheitern schien. Der immer ein bisschen unzuverlässig war, sich manchmal wochenlang nicht meldete. Der litt und an dessen Leid ich manchmal verzweifelte, weil ich weder Ursprung, noch Lösung erkennen konnte.

verloren
Heute weiß ich, dass deine Kindheit eine vergiftete war. Dass man dem Jungen, den ich damals liebte, zu viel Leid angetan hatte. Es schmerzt mich, immer mehr zu erkennen, welche Trauer in dir sein musste. Zu erkennen, dass das, was ich manchmal als Unvermögen abgestempelt hatte, ein schmerzlich eintrainiertes Verhaltensmuster war. Für einen kleinen Jungen, dessen Eltern sich scheiden lassen, ist das Leben kein leichtes. Wenn die Eltern sich um der Kinder willen nicht bemühen, eine gemeinsame Basis zu behalten, auch wenn Liebe und Beziehung dahin sind, dann kann das schon genug Schaden anrichten. Das weiß ich heute. Bei dir war das anders. Schlimmer. Du hattest einen Vater, den du liebtest. Den du so sehr liebtest. Du hattest einen Hund, auch den liebtest du. Hund, Kind, Vater, Mutter, Bruder. Alles hätte gut sein können. Dann riss die Scheidung deiner Eltern ein Loch in all das. Deine Mutter ging weg. Und bald nahm sie dich und deinen Bruder weg. Dein Vater nahm sich das Leben. Und du: lebtest fortan bei einer Mutter, die in deinen Augen deinen Vater umgebracht hat (so wie ich fast dich) und ohne Hund. Bei einer Mutter, deren Liebe manchmal gerade so von der Wand bis zur Tapete reichte, die dich mit Fast-Food zu versorgen wusste, aber auch nur, wenn ich da war und sie den schönen Schein aufrecht erhalten wollte. Bei einer Mutter, die dich rausschmiss, die deine Sorgen nicht sah, deine Trauer ignorierte und deinen Vater jeden Tag aufs neue sterben ließ, indem sie keine Erinnerungen an ihn bereitstellte und keine Zeit für Trauer ließ.

Und ich? Heile Welt. Du nanntest sie immer die „Blümchen-Welt“. Schon wahr. Was wusste ich schon vom Schmerz? Was kannte ich vom Schmerz? Nichts. Und weil ich ihn nicht kannte, konnte ich nicht verstehen, was du fühlen musstest. Erahnen, ja. Weil du nicht weinen konntest zum Beispiel. Bis heute bin ich stolz, es dir „beigebracht“ zu haben. Das Weinen.

Liebe und Beziehung sind zwei verschiedene Dinge und selbst ich, die ihre Liebe zu ihrem ersten richtigen Freund, zwar nicht hatte in der Art fortführen können, die er verdient hätte, selbst ich kann und will weiterlieben. Ich tue es bereits. Seit nunmehr zehn Jahren. Unauslöschbar. Verdrängbar, aber nicht vergessbar.

Natürlich: da ist Felix (und neu dazu gekommen: Vanja), den liebe ich jetzt. Der ist mein neues Leben. Aber wie ich auch immer Lillian weiterliebte, so erging es mir auch mit dir. Da ist so ein Film in meinem Kopf, so ein romantischer, hoffnungsvoller Film, der alle paar Wochen wiederholt wird, abgespielt wird, um dem Vergessen und dem Verdrängen entgegen zu wirken. Der die Erinnerungen an dich am Leben erhält. Und der mich zwingt, nicht vergessen zu können, dass ich diejenige war und bin, die dich fast umgebracht hätte. Die dich geopfert hatte. Verlassen hatte für einen Kerl, der sie verarscht, ausgenutzt und gedemütigt hatte. Der ihr ein sexuelles Trauma verpasst hatte. Der auch ihr die Bedeutung von Schmerz langsam näher gebracht hatte. Der sie sich wünschen lassen hatte, dass sie niemals den anderen, großen, lieben, verletzten, traurigen, liebenden Jungen verlassen hätte, neben dem sie eines Tages aufgewacht war und gemerkt hatte, dass sie ihn „nur“ noch wie einen Bruder liebte....

zu haben
Vergib mir den Schmerz, den ich dir zugefügt habe. Er ist es, der mich immer weiter antreibt, der mich in die Tasten hauen lässt, mein Drei-Länder-Hirn-Eck aktiviert, mich den Kontakt zu dir immer und immer wieder suchen lässt. Ich bin in einer Schleife angekommen, aus der ich nicht mehr raus komme. Es ist nicht schlimm, ich kann damit gut leben. Nur musst du es deswegen einfach immer weiter ertragen, dass du alle Jubeljahre von mir Mails bekommen wirst, dass ich den Kontakt zu dir immer und immer wieder suche und dich mit meinem Gefühlsmüll belästige. Denn du bist nicht tot, du lebst und die Freude in mir darüber ist wirklich derartig groß, wie die Angst, es nicht zu schaffen, dir zu unseren Lebzeiten sagen zu können, dass du mein Herz in deinem trägst und umgekehrt. Denn diesen Tausch, den wir vor zehn Jahren eingegangen sind, der ist unumkehrbar. Ob es uns gefällt oder nicht. Mit solchen Sachen kann man abschließen, kann man ins Reine kommen. Aber eben nicht, indem man den Kontakt abbricht, indem man verdrängt. Dein Schweigen, deine Ablehnung, die halten die Schuldgefühle in mir am Leben. Die machen mich zu einer Mörderin.

1

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare