dontbringtomorrow 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 45

Zwischen Projektion und Vergessen

Manchmal, wenn ich nachts aufwache, fällt mir auf, dass ich vergessen habe, wie du riechst.

Es macht mich nicht mehr so wütend, nicht mehr so traurig. Ich bin weniger nachdenklich und bekomme weniger Krisen. Eher ist es die Anstrengung, die ganze Energie. Die Energie, die es kostet, jemanden kennenzulernen und ihm zu vertrauen. Wir haben gut funktioniert, wir haben so gut funktioniert, dass mein ganzer Körper zu kribbeln beginnt, wenn ich daran denke, wie gut wir eigentlich waren. Mit unserer eigenen Wärme, Sprache, Sicherheit.

Seitdem ich hier bin und du dort ist es besser. Entfernung und Zeit können so vieles schaffen und haben mich klarer gemacht. Der Sommer ist auch ein bisschen wärmer als der letzte, der mir fast an jedem noch so heißen Tag eine leichte Gänsehaut verpasste. Wenn man  irgendwo in der Luft hängt, den Boden trotz noch so viel strampeln nicht erreichen kann und auch der Himmel viel zu weit entfernt ist, als dass man sich dort sicher und geborgen niederlassen könnte, kann es schon mal etwas kühler werden. Die Kälte fehlt mir nicht. Ich vermisse diese Kälte einfach nicht, die mich in manchen unserer Momente einfach völlig ohne Vorwarnung und Anklopfen zu überrumpeln vermochte. Mir ist das nie so wirklich aufgefallen, dieses kleine Loch zwischen uns, und das ärgert mich. Ich hätte es mit allen Mitteln zu nähen und stopfen versucht, es zusammengehalten. Eben wie ausgedienter Stoff, der nach langem Tragen irgendwann zum Reißen neigt, sind wir gebrochen.

Ich suche dich jetzt weniger, ich projiziere dich nicht mehr. Manchmal, wenn ich nachts aufwache, fällt mir auf, dass ich vergessen habe, wie du riechst. Verdammt, ich weiß einfach nicht mehr, wie du riechst. Ich habe den Geruch vergessen, der mich all die Zeit begleitet hat und immer in der Luft war, die ich geatmet habe. Ich will nicht, dass du hier bist. Dass du hier bleibst. Mir fehlt nur das Kennen, das Wissen um all die Eigenheiten, Reaktionen, Neigungen, Ticks des anderen. Das Wissen um dein furchtbar ansteckendes Grinsen, die Art, wie du schläfst. Ich frage mich, wie lange sowas dauern wird. Du warst von allen der erste, du kennst alles. Das sind diese kleinen Momente, die mich selten, aber manchmal noch wütend und traurig werden lassen, gleichzeitig aber die, die mich dir nochmal näher bringen. Ich habe Angst, zu vergessen.


Tags: liebe, Lernen, Projektion, vergessen, Distanz, Leben
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14 Antworten

Kommentare

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    top!

    19.08.2015, 21:38 von AlYoung
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    Schöner Schreibstil. 

    18.08.2015, 23:28 von Intoyourheart
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    perfekt

    16.08.2015, 14:10 von herbstdesherzens
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    Schön geschrieben.

    10.08.2015, 08:20 von schmitty
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    Leider seh ich nirgendwo, wann du das geschreiben hast und kann somit nicht einschätzen, wie weit du inzwischen wohl sein wirst. Aber ich steh eben am Anfang dieses Prozesses und darum möcht ich Dir für den Text danken. Heut kann ich mir noch nicht vorstellen, das alles hinter mir zu lassen, aber auch ich werd den Weg gehen müssen und eines Tages hab auch ich all das vergessen, was die/den andere/n ausmachte. Und, man muß den Weg für sich allein gehen. Alles Gute

    04.08.2015, 11:02 von einsamzweisam
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      Your are such a babe.

      04.08.2015, 03:43 von mirror87
  • 0

    Mann kann erahnen, was du mitteilen möchtest, nur leider ist das Gesamtpaket nicht wirklich schön verpackt.

    08.07.2015, 17:02 von Kittykatt
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    Sobald du keine Angst mehr hast zu vergessen hast du es denke ich überwunden. Und nicht jedem ist Distanz vergönnt - großer Vorteil. 

    07.07.2015, 23:24 von curlywurlygirl
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  • 1

    Aus diesem Modus ist es schwierig herauszukommen. Viel Erfolg dabei!

    07.07.2015, 18:07 von Vollust
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    Wirklich schön geschrieben <3

    07.07.2015, 16:34 von Herz-Mensch
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