AntiFee 05.11.2006, 19:37 Uhr 1 0

Zwei Orgasmen oder Joss Stone

Auf eine melancholische Art und Weise bin ich dankbar, dass ich das, was die Menschheit Liebe nennt, erfahren darf.

Zärtlich wurden sie erst Wochen, nachdem sie offiziell zusammen waren.

Sanfter, langsamerer Sex, Joss Stone im Hintergrund. Es kommt nicht darauf an, ihr zwei Orgasmen und ihm den besten seines Lebens zu bescheren, auf diese verbissene Art und Weise.
Sie sitzen sich gegenüber, ihre nackten Beine über- und untereinander. Hände, die streicheln, Lippen, die über Haut fahren, Augen, die lieben.

Gesten, die dem Herz Glückseligkeit bescheren:
Sie, die den gelben Helium-Luftballon mit der auf Pizza-Pappe geschriebenen Botschaft in den wilden, grauen Himmel über dem Stuttgarter Schlossgarten entlässt, er, der hinter sie tritt, während S. fotografiert.
Was denkst du?
Sie antwortet etwas, sie küssen sich.
Ein Ehepaar, stilvoll in Mantel und Schal gekleidet - der Mann ein südländisch-dunkler Typ, die Frau blond – lächelt, als sie an ihnen vorbeilaufen. Nicht, um ihr Schauen zu rechtfertigen oder der Mann gar nur gezwungen, weil seine vielleicht romantische Frau auch lächelte. Nein, ein Lächeln unabhängig von einander. Vielleicht sahen sie auch gar nicht, dass der andere der netten Situation wegen lächelte. Es schien ehrlich.

Oder: Am Telefon. Sie liegt auf der noch von letzter Nacht ausgeklappten Schlafcouch, die breiter ist als ihr Bett. Ihrerseits leise Tränen über die Gesamtsituation, während sie über etwas komplett Anderes, Nebensächliches sprechen. Seine Frage, ob bei ihr alles in Ordnung ist, mitten im Satz. Ohne, dass sie geschnieft oder geschluchzt oder besonders niedergeschlagen gesprochen hätte. Und später, ebenfalls vollkommen unpassend: J.? Ich liebe dich, gell?

Auf eine melancholische Art und Weise bin ich dankbar, dass ich das, was die Menschheit Liebe nennt, erfahren darf. Hatte ich mich ihr doch verwehrt, sie abgewiesen und als Einbildung abgetan. Melancholisch deswegen, weil es stimmt, was alle Liebe-Erfahrenen sagen: Du denkst, das geht immer so weiter, wird niemals aufhören und deine Gefühle werden für immer unverändert anhalten.

Mein Problem nun ist, dass das nicht wie eine Illusion klingt, an die zu glauben, man nur zu bereit ist, weil es die Welt, in der wir leben, heller macht.
Sondern wie eine Drohung, eine böse Prophezeiung.

Es sind durchaus der Liebe gleichkommende Gefühle, die wir für einander hegen. Und ebendiese implizieren doch Bindung und Verpflichtung. Was aber absolut schwachsinnig, illusorisch und zumindest von meiner Seite aus nicht erstrebenswert ist in unserem Alter und in unserer klassischen Situation der unabgeschlossenen Ausbildungen und Abiture.
Denn wie das kleine Universum weiß, das sich um mich dreht, war „mir klar, dass wir selbst [in diesem Fall nur ich] anders waren – darum waren wir auch überzeugt davon, dass es uns in einem anderen Land viel besser ginge“ [aus „Esra“, Maxim Biller].

Mit jenem im Hinterkopf, welche Zukunft hat nun unser ständiges Produzieren von Erlebnissen, die sich gegenseitig nacheinander in der Rubrik „Schönster Tag meines Lebens“ ablösen?

Immer mehr öffnen wir uns. Mit welchem Ziel? Ich kenne es. Er kennt es. Und er macht dennoch mit.

1 Antworten

Kommentare

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    Warum genießt du es nicht?
    Du wirst verzweifeln, wenn die Zeit gekommen ist, in der du nicht weißt, was dein Ziel ist.
    Und du weißt nicht, wie hoch die Grenzmauer zum andren Land hin ist...

    greats,sheep

    05.11.2006, 21:00 von thesheep
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