pardon_me 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 4

"Zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr"

Ungeschickte Liebesbriefe #2

Tag vier des kalten Entzuges. Nach etwaigen Weinkrämpfen, getanzten Zitterpartien und Zuständen unerklärlicher Euphorie bin ich bereits an Tag zwei krank geworden. Es waren keine eingebildeten Symptome, keine Halluzinationen. Mit 40 Grad Fieber lag ich in einem halben Delirium und träumte von dir.
Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie du riechst wenn du schläfst, wie dein Atem klingt und wie dein Kinn sich bewegt, wenn ich von unten darauf blicke. Wie es sich angefühlt hat, auf deinem Arm zu liegen, auf deiner Schulter, deinem Brustkorb, deinem musikalischen Herzschlag zu lauschen, meine Finger in deinen Rücken zu krallen oder meinen Rücken gegen deinen Bauch zu drücken, je nachdem welchen Teil meiner selbst ich dir zudrehte. Ich erinnere mich, wie deine Haare fielen und sie fielen gut. Sie fielen genau so gut wie ich, für dich. Ich erinnere mich, wie ich aufwachte und dir die Sonne ins Gesicht schien und wie mich die Klischeehaftigkeit dieser Situation gar nicht störte. Es kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her und als sei seitdem so viel passiert.
Am Morgen haben wir uns unterhalten und du bist bis heute die einzige Person, der ich deshalb nicht den Kopf abreissen wollte. Aufstehen ist traumatisierend genug, wieso sollte man dann auch noch reden müssen? Wir hatten uns zu viel zu sagen um zu schweigen und es war schön, mit dir zu reden. Deine Stimme zu hören und zu hören, was du erzählt hast. Es war belanglos und doch war es wichtig. Während du meine Hand gehalten hast, meine Finger gedrückt und die Handinnenfläche gestreichelt, hast du mir irgendwas erzählt und ich konnte nicht anders als mich zu wundern. Jemandem die Hand zu geben ist für mich intimer als Sex und das weißt du. Ich gebe sonst niemals jemandem freiwillig die Hand. Du dürftest sie den ganzen Tag halten. Den Nachmittag über habe ich mir erlaubt, glücklich zu sein. Meine beste Freundin holte mich ab und wir fuhren auf einen Berg mit wunderschöner Aussicht wo ich ihr von meinen wunderschönen Aussichten erzählte und dieser kleine Moment der Schwäche zerstört alles. Denn wenn man sich erlaubt, glücklich zu sein, nur kurz, dann wird es kaputt gehen. Du hast mir das Gefühl gegeben, sorgenfrei zu sein.
Am darauffolgenden Tag haben wir uns heftig gestritten, gleich morgens haben wir uns die fiesesten Sachen an den Kopf geworfen und schließlich, nach all dem Hin und Her der letzten Monate und weil ich mich extrem verarscht von dir gefühlt habe, warf ich dir vor, mich zerstört zu haben. Dann sagte ich nichts mehr. In deiner Verzweiflung schriebst du mir, du riefst mich an und schließlich gabst du auf und du warst fertig.
Abends betrinke ich mich und unterhalte mich mit einem Freund von mir. Er hat es hinbekommen, seine Freundin und er sind glücklich und sie erwartet ein Kind von ihm, er hat einen super Job wo er viel verdient und den er liebt und das alles mit 30 Jahren. Ich hole Rat ein und er meint, mich über mein Liebesleben aufklären zu müssen. Dass meine Körpersprache aussagt, ich würde mich wegen dir unwohl fühlen und dass ich dich nicht lieben würde und nur, um vor einer ernsthaften Beziehung mit jemand anderem zu flüchten, hinter dir her sei. Als ich total verzweifle, tröstet er mich mit Shots und mir geht es wieder gut.
  Auf dem Weg zum Taxi legt mein Freund den Arm um mich denn mir ist kalt und ich erinnere mich, wie du den Arm um mich gelegt hast, wie du mich umschlungen hast, meine eiskalte Haut gerieben hast weil ich in meiner dünnen Geisha-Kimono-Kostümierung durchgefroren war und mich geweigert habe, deine Jacke anzuziehen. Ich erinnere mich, wie du mir deine heißen Hände an die Nieren gelegt hast als ich mich später auszog, wie sehr deine Hände auf meiner Haut brannten und wie unglaublich gut mir das tat. Deine Hände auf meiner Haut, deine Hände auf meiner Seele.
Als ich nach Hause komme beschließe ich, noch eine Zigarette zu rauchen und dann ins Bett zu gehen. Es ist fünf Uhr morgens und ich kann vor lauter Alkohol kaum noch stehen aber eine Zigarette geht immer. Als ich gerade in den letzten Zügen liege, schreibst du mir. Ich erinnere mich, als wir auf Kursfahrt in Wien waren und ich vor dem Hostel in der letzten Nacht eine letzte Zigarette rauchte und du gerade um die Ecke gebogen kamst, als ich meinen letzten Zug nehmen wollte. Du hast ein zu gutes Timing, mein Herz.
Ich lese deine Nachricht und erschrecke. Du schreibst mir, dass du mich zerstört hast und deine Existenz keinen Sinn mehr macht, weil du immer alle zerstörst. Und dass du verkorkst bist. Ich kenne dich so nicht und antworte ein simples „Hör auf“ darauf. Mit dieser simplen Aussage hast du es so oft geschafft, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Aber es geht weiter, du wirst immer trauriger in deinen Nachrichten, ich immer verzweifelter, ich rufe dich an und du weist mich ab, du weist mich immer wieder ab und ich rufe immer wieder an und du sagst, du willst meine Stimme nicht hören und ich schwöre dir, dass ich die 50 km zu dir laufe, wenn es sein muss und rufe an und du weist mich ab, du willst und kannst meine Stimme jetzt nicht hören sagst du und ich beginne zu weinen, schnappe nach Luft, mir wird schwindlig und ich schnappe nach Luft, versuche die Panikattacke wegzuatmen um dich zu retten. 
Ich rufe an.
Du gehst ran.
Ich höre dich atmen. Ich lasse dich nicht zu Wort kommen. Ich schreie, so laut ich kann, „ARSCHLOCH! MACH DAS NIE WIEDER!“ ins Telefon und treibe dann ab in ein Meer aus Atemnot, Schwindel und Panik. Das Meer ist heute hart, starker Wellengang und es wirbelt mich einige Zeit herum bis es mich wieder an Land spuckt. Es tut mir Leid, dass du das hören musstest. Wir unterhalten uns, wir weinen abwechselnd, wir machen uns gegenseitig fertig und bauen uns wieder auf. Wir wollen unbedingt Freunde sein, wir wollen funktionieren, wir wollen ein wir sein. Es fühlt sich nur so an, als würden wir durch ein Gummiband verbunden. Jedes Mal, wenn wir auseinander rennen, je weiter wir auseinander rennen, desto heftiger zieht es und wieder zusammen und desto heftiger wird auch der Aufprall. Wir klammern uns fast schon verzweifelt aneinander.
Am nächsten Tag teilst du mir mit, dass du am darauffolgenden Tag Verwandte im Ausland besuchen wirst. Am Montag geht es los und am Freitag kommst du wieder und dann gehen wir auf den Geburtstag einer Freundin und feiern, sagst du. Du wirst mir nicht schreiben, sagst du. Wir brauchen Abstand. Du nennst es „Waldflucht“. Für mich ist es eine „Sandraflucht“. Abends telefonieren wir während du packst und reden über alles und nichts. Und mir wird klar, wie sehr ich dich belaste und dass ich dich gehen lassen muss, damit du dich wieder erholen kannst und dass ich Hilfe brauche, weil meine Krankheit so schlimm geworden ist, dass es nicht mehr auszuhalten ist und du bekommst die volle Breitseite ab. Und es tut mir Leid. Wir telefonieren also und wir verabschieden uns.
Am Montag schreibst du mir als du im Zug sitzt und wir leisten die vollen vier Stunden Fahrt nur Schwüre und Versprechen und träumen große Träume für die Zeit, wenn unsere Batterien wieder aufgeladen sind. Als du gehst sagst du, ich solle mich entspannen und nicht so viel denken. Du schickst mir einen Kusssmiley. Ich antworte, dass du auf dich aufpassen sollst. Kusssmiley. Dann bist du weg. Es ist der 03.03., 13:23 Uhr.
Am Dienstag wache ich um vier Uhr morgens auf und habe heftige Bauchkrämpfe. Ich bin klitschnass geschwitzt, friere aber trotzdem unendlich. Ich glühe. Ich messe mein Fieber – 40.3 Grad. Kurz muss ich kichern. Der kalte Entzug hat eingesetzt. Ich nehme mein Telefon zur Hand. „Zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr“. Ich wälze mich hin und her, versuche irgendwie einen klaren Kopf zu kriegen, ich übergebe mich wann immer ich etwas trinke oder esse, ich kann mich nicht konzentrieren, verstehe kein Wort von dem was die anderen Leute mit mir reden. Der Tag zieht quälend langsam an mir vorbei und mein schweres Herz drückt mich in die Matratze und ich kann und will nicht aufstehen. Da ich nicht schlafen kann dauert der Tag ewig und ich träume im Fieberwahn von deiner Haut, deinem Duft, dir.
Am Mittwoch geht es mir besser. Das Fieber sinkt auf unter 40 Grad und ich kann kleine Wege zurücklegen, aus dem Fenster sehen, den Hund streicheln. Ich versuche eine Suppe zu essen und kotze sie gleich wieder aus. Offenbar streikt mein Magen nach wie vor. Ich verlagere meinen Lebensmittelpunkt vom Bett auf die Couch, sehe den ganzen Tag sinnlos fern und schlafe zwischendrin ein, weil mein Körper genau so müde ist wie mein Kopf und mein Herz. Ich halluziniere deine Stimme, dich neben mir, deinen Atem in meinen Haaren, deinen Arm um meine Taille oder auf meinem Rücken. Als der Hund sich auf mein Gesicht legt und ich keine Luft mehr bekomme halluziniere ich davon, wie du meinen Kopf so heftig und stark gegen deine Brust gedrückt hast, dass ich keine Luft mehr bekam. Ich lache. Der Hund bricht seinen heimtückischen Mordversuch ab und springt von meinem Gesicht. Ich gehe nicht ans Telefon und antworte nicht auf Nachrichten. Ich sehe nur ein Mal nach. „Zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr“.
Am Donnerstag kann ich wieder gerade stehen und weil mein Bett mich ekelt, ziehe ich alles komplett ab und schmeiße es umgehend in die Waschmaschine, drei Touren brauche ich bis ich Decken, Kissen und Bettzeug gewaschen habe. Währenddessen miste ich meinen Kleiderschrank aus und ärgere mich mal wieder über die Anzahl meiner Kleidungsstücke und plötzlich stehen all meine Habseligkeiten mitten im Raum und ich streiche meine Decke weiß. Tjanun. Abends nehme ich ein langes Bad, koche mir etwas Schönes (Tofubolognese und Hartweizengrießnudeln, für die Freunde der ‚veganen Woche‘), mache mir eine Flasche Wein auf und lebe mich auf der Couch mit einem guten Film ein. Gerade in dem Moment, als ich meinen inneren Frieden gefunden habe, ertönt die Darth Vader Melodie. Dein Klingelton. Ich stürze mich auf mein Telefon. Keine Nachricht, kein Anruf. Es muss kaputt sein. Ich sitze in einer Lache Rotwein und bin verwirrt. Dann ertönt er noch mal. Aus dem Fernsehgerät. Ich erhebe mich wortlos, greife zu einem speziellen Reinigungsmittel und schrubbe die Couch zwei Stunden. Geweint habe ich nicht. Bevor ich schlafen gehe, sehe ich ein letztes Mal nach. „Zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr“.
Am Freitag – und das ist heute – wachte ich sehr früh auf. Ich blickte sofort auf mein Handy. Da war nichts. Zumindest nicht von dir. Ich stand auf, putzte die Zähne, wusch das Gesicht und den inzwischen wieder gesunden Körper, frühstückte Müsli mit Joghurt. Sah nach. „Zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr“. Und so geht es seitdem alle fünf Minuten.  Ich werde dir jetzt hier die Fragen stellen, die ich dir sonst nicht stellen kann. Weil ich dich fertig mache und weil ich dich nicht mehr belasten darf…
Hast du mich vermisst?
So sehr wie ich dich?
Hast du jeden Tag an mich gedacht oder hast du mich vergessen?
Sind wir noch Freunde?
Sind wir noch ein wir?
Kommst du heute Abend?
Willst du bei mir schlafen? Ich hab dir die Decke schon bezogen.
Wenn du bei mir schläfst, darf ich dann wieder mit dir kuscheln?
Sind wir danach immer noch Freunde?
Kannst du mir das Leben erklären?
Bleibst du nur bei mir weil ich dir leid tue oder weil du Angst hast, ich könnte mir Aufgrund meiner Krankheit sonst etwas antun?
Was muss ich tun um für dich besonders zu sein?
Wieso will ich ausgerechnet für dich besonders sein?
Wie kann es sein, dass wir uns versehentlich kennengelernt haben und nun so voneinander abhängig sind?
Wann kommst du wieder?
Kommst du wieder?
Kannst du bitte wieder kommen?
Bald?
Bitte?
Und leider muss ich sagen, dass du wohl, wie alles was ich kenne, eines Tages einfach verschwinden wirst. „Kühnes Herz und klarer Verstand, zuletzt gesehen 03.03., 13:23 Uhr“.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich schließe mich dem Urteil "ungeschickt" an, finde den Text aber inhaltlich stark. Gerade das Ende.

    07.03.2014, 20:54 von kleineMiranda
    • 0

      Vielen Dank für das Kompliment und die Kritik. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

      08.03.2014, 02:26 von pardon_me
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Es sind ja auch "ungeschickte Liebesbriefe".

      08.03.2014, 02:25 von pardon_me
  • 0

    Wunderschön.

    07.03.2014, 14:49 von mooneyes
    • 0

      Vielen Dank.

      07.03.2014, 16:03 von pardon_me
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  • 1

    Warum dieser Text?

     

    07.03.2014, 13:26 von RAZim
    • 0

      Zur Verschriftlichung meiner momentanen Gedanken, um ein Ventil zu haben, um mich vielleicht irgendwann daran zu erinnern, wie es mir mal ging, des Schreibens Willen.
      Warum nicht dieser Text? Warum ein anderer? Und wenn ja, welcher?

      07.03.2014, 14:35 von pardon_me
    • 0

      Da hätte doch ein Absatz gereicht. Aber du dröselst deinen Tagesablauf ja fast komplett auf:

      Am Donnerstag kann ich wieder gerade stehen und weil mein Bett mich ekelt, ziehe
      ich alles komplett ab und schmeiße es umgehend in die Waschmaschine, drei Toure
      brauche ich bis ich Decke, Kissen und Bettzeug gewaschen habe. Währenddessen
      miste ich mal wieder meinen Kleiderschrank aus und ärgere mich mal wieder über
      die Anzahl meiner Kleidungsstücke und plötzlich stehen all meine Habseligkeiten
      mitten im Raum und ich streiche meine Decke weiß. Tjanun. Abends nehme ich ein
      langes Bad, koche mir etwas Schönes (Tofubolognese und Hartweizengrießnudeln,
      für die Freunde der ‚veganen Woche‘), mache mir eine Flasche Wein auf und lebe
      mich auf der Couch mit einem guten Film ein. Gerade in dem Moment, als ich
      meinen inneren Frieden gefunden habe, ertönt die Darth Vader Melodie. Dein
      Klingelton. Ich stürze mich auf mein Telefon. Es muss kaputt sein. Keine
      Nachricht, kein Anruf. Ich sitze in einer Lache Rotwein und bin verwirrt. Dann
      ertönt er noch mal. Aus dem Fernsehgerät. Ich erhebe mich wortlos, greife zu
      einem speziellen Reinigungsmittel und schrubbe die Couch zwei Stunden.

      Da würde sich sogar ein Tagebuch freiwillig vom Dach stürzen...

      07.03.2014, 14:49 von RAZim
    • 0

      Tut mir sehr Leid, wenn du das so empfindest. Die Darstellung meines genauen Tagesablaufes soll dazu dienen darzustellen, wie sehr mich das Fehlen beeinflusst hat und weil es ein Text zu und über meine Person ist.

      07.03.2014, 16:03 von pardon_me
    • 0

      Braucht dir nicht leid zu tun. Ist ja Dein Text. Muss mir  nicht gefallen. Der über mir mags dafür.

      07.03.2014, 16:55 von RAZim
    • 0

      Es tut mir auch nicht leid, dass ich den Text geschrieben habe o.ä.
      Es tut mir leid, dass du das so empfindest.

      08.03.2014, 02:24 von pardon_me
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