Zug
Wenn ich mir den Hauptbahnhof angucke, finde ich ihn gar nicht so hässlich. Aber ich hasse für was er steht. Ankunft und Abfahrt.
Da. Ich seh ihn, den Zug. Seine hellen Lichter strahlen im Grau des Regens. Viel zu schnell steh ich wieder hier am Hauptbahnhof. Die Tür die sich am haltenden ICE öffnet sieht aus, als wolle sie ihn gleich verschlucken. Ein letzter Kuss, eine letzte Berührung. Dann verschwindet er im Waggon des ICE nach Hause, für zwei Wochen. Wiedereinmal.
Ich lächel gegen das spiegelnde Fenster des Zuges und sehe mich wie ich meine Tränen zu unterdrücken suche. Auch nach dem 100 Mal ist es nicht einfacher geworden. Der schrille Pfiff hallt über das Gleis, Türen schließen sich im Gleichtakt. Langsam rollt er an und damit weg von mir. Ein weiteres gequältes Lächeln in Richtung Scheibe, dann drehe ich mich weg. Die Treppen hinunter, die Musik an. Laut.
Die Welt ist wieder grauer geworden. Menschen hasten durch die Gegend, jeder miss irgendwohin. Nur ich nicht. Ich will nirgendwohin, schon gar nicht nach Hause. Motivationslos laufe ich durch das Chaos von Koffern und Kindern, die Gerüche von Bahnhofsrestaurants jeglicher Art dringen durch meine verstopfte Nase. Es war zu kurz. Und trotzdem schön.
An der U-Bahn ist es ebenso voll wie am Bahnhof. Ich starre auf die Gleise, dann auf die Anzeige. 4 Minuten. Das Lachen der Mädchen neben mir dringt nicht durch meine Kopfhörer. Dafür aber ihre Blicke. Sie mustern mich mit dieser Art, wie nur Zicken es können. Abwertend. Hochnäsig. Sie stechen durch meine Haut. Doch ich spüre es nicht, sie verlieren sich in der zurückgebliebenen Leere in mir. Unter meiner Haut ist nichts.
Das Paar das jetzt gegenüber von mir sitzt küsst sich. Das trifft, durch meine Haut und durch meine Leere. Wie lange ist es her dass ich ihn das letzte mal küssen konnte? Ich rechne. 18 Minuten. Für einen Moment schließe ich die Augen und ich spüre es wieder. Dann ist der Moment vorbei.
Monoton steh ich auf. Meine Haltestelle. 33 Minuten. Der Regen vermischt sich mit den Tränen auf meiner Wange, die schließlich doch Überhand genommen haben, als ich den Schlüssel ins Schloss stecke. Ich höre meine Schritte im einsamen Treppenhaus nicht, als ich mich Stufe um Stufe nach oben schleppe. Die Musik ist noch immer laut. Und dunkel.
Das Zimmer riecht nach ihm, meine Decken auch. Manchmal rieche daran, als wäre es eine Droge. Ich hol mir einen Tee, mache eine Kerze an um die Dunkelheit zu bekämpfen. Dann erst fahre ich den Computer hoch und melde mich bei Skype an. Warte.
Fernbeziehungen sich Scheiße.




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