Kokomiko 07.05.2012, 17:42 Uhr 51 107

Zufall

„Der Deutsche schaltet, wie er spricht. Laut und deutlich."

Ich wusste, was jetzt kam, setzte schon mal den Blinker und nahm ihm die Worte aus dem Mund. „Rechts ran. Entschuldigen. Ich weiß." Ohne mich anzusehen nickte er, wie weise Menschen nicken. Bedächtig. Dann nickte er noch mal. Aber diesmal aus der Trägheit der Masse, weil ich zu fest bremste und daneben noch die Kupplung vergaß. „Bocksprung ist für die Turnstunde." Er rieb sich den Nacken. „Raus." Ich wollte aussteigen, aber der Sicherheitsgurt war dagegen. „Wie wäre es mit abschnallen?" strahlte er altväterlich resignierte Geduld aus und nur am Umfang und Pulsieren seiner Halsschlagader war für Eingeweihte wie mich ein Hinweis auf deren beginnenden Verlust zu erkennen. „Gute Idee." sagte ich ohne zu grinsen, löste den Gurt und stieg aus. „Handbremse." Ich stieg wieder ein und zog sie an. „Geht alles von ihrer Zeit ab." Ich ging um das Auto herum nach hinten und kniete mich hinter dem Kofferraum auf den Boden. „Ich bin ein Getriebemörder." rief ich in den Auspuff. „Lauter!" kam es von innen. „ICH BIN EIN GETRIEBEMÖRDER!!" schrie ich dem Auspuff meine Selbstanklage entgegen. „Noch mal! Aus Leibeskräften." „ICH BIN EIN GETRIEBEMÖRDER!!!" „Einsteigen." Ich tat es. „Weiterfahren."

„Wie war die Fahrstunde?" fragte meine Mutter, als ich nach Hause kam. „Das willst du nicht wissen. Anstrengend. Ich möchte ins Bett." „Und Abendbrot?" „Danke. Ich habe keinen Hunger." Ich weiß nicht, wie viele Zahnräder später ich meinen Führerschein bestand. Es waren einige.

Mein Fahrlehrer starb, als ihm ein Blumentopf, der einem unachtsamen Hausbewohner aus Versehen beim Gießen von der Fensterbank im 4. Stock gefallen war, beim Verlassen des Hauses auf den Kopf fiel. „Achtung!" hätte der Nachbar von oben noch gerufen und der Fahrlehrer hätte auch noch nach oben geschaut, wie Zeugen berichteten. Zu spät. „Hätte er mal seinen Regenschirm aufgespannt." sagte meine Mutter zu dem Vorfall in nachträglicher Fürsorge, doch meine Oma meinte, dass es Unglück bringe, einen Regenschirm im Haus aufzuspannen und das hätte er ja tun müssen, um den Totschlag zu verhindern. Was es denn für eine Blume gewesen wäre, die in dem Topf war, wollte sie noch wissen. Sie liebte Blumen. Rosen ganz besonders. Keiner am Tisch wusste es. „Passend wären Nelken gewesen. Das sind doch Friedhofsblumen." bemerkte mein Vater ohne Ironie und meine Oma nahm sich vor, es beim Pfarrer zu erfragen. Und, ob es geregnet habe an dem Tag.

Im Laufe der Zeit dachte ich nicht mehr darüber nach, ob es vielleicht an mir liege, dass Leute, denen ich zur Erlernung einer Fähigkeit, oder zur Obhut anvertraut war, Opfer kurioser Zufälle wurden, nachdem sie mich ausgebildet, oder, wie sie meinten, ausgehalten hatten. Wahrscheinlich, so dachte ich, sei auch das nur ein kurioser Zufall. Doch seltsamerweise waren es immer nur diejenigen unter ihnen, von denen ich dachte, sie hätten mir ein wenig mehr Respekt und Verständnis entgegenbringen können. Gab ich mir doch immer alle erdenkliche Mühe, in dem was ich tat. Und sei es die Mühe, ihnen keine Mühe über das unumgängliche Maß hinaus zu bereiten. Auch verwünschte ich sie nicht ob der zuweilen doch recht groben Manieren und Unarten, die sie mir nach Belieben zuteil werden ließen. Ganz im Gegenteil suchte ich eher den Fehler bei mir. Musste es doch einen Grund geben, der nicht aus purer Willkür entstand.

„Immer bist du der letzte beim Schuhebinden." und „links-rechts-LINKS! sollst du schauen, bevor du über die Straße läufst, du Träumer." wollte mich die Kindergärtnerin auf Trab und in Vorsicht bringen. Sie stolperte über ein offenes Schnürband, als sie in Eile die Straße überqueren wollte und wurde vom Bus überfahren. Mein Musiklehrer erklärte mich zum „Brummer" und ich durfte nicht mitsingen. Er stach sich beim Mitdirigieren des Sonntagskonzertes im Fernsehen in Menuhinekstase den Taktstock in den Fuß und verendete elend an einer Blutvergiftung. War ich für den Zugführer bei der Armee weniger Rekrut, als „menschliches Gekröse", wurde mir später zugetragen, er sei beim Herumspringen auf einer Panzermine, um die Bruchfestigkeit des Druckdeckels bei durch Menschengewicht verursachter Belastung zu demonstrieren, in Stücke gerissen worden. Da gab es den von mir überforderten Tanzlehrer, der seine Angel mit Schwung in eine Hochspannungsleitung auswarf. Er wurde an malerisch stillem Gewässer anstatt der Fische gegrillt. Meine erste Vermieterin, deren Angewohnheit es war, mich ob der vermeintlichen Vergleichbarkeit des Treppenhauses mit den Zuständen unter ‚Hempels Sofa’ zu tadeln, so denn die Hausordnung an mir gewesen war, fiel unter nie näher geklärten Umständen in ihre wandschrankgroße Gefriertruhe. Deren Deckel klappte zu und der durch sie aus Generalverdacht des Mundraubs nachträglich angebrachte Riegel tat, wofür er hergestellt und angeschraubt war, Verriegeln. Bei Minus 18 Grad wurde sie dauerhaft haltbar gemacht. Hart, wie ihr Misstrauen es war, fand man sie Tage später auf ihrem Rinderfilet.

Bemerkenswert an dieser Stelle auch das schicksalhafte Missgeschick der rundherum schicken Personalreferentin, der ich beizeiten als, wie sie meinte, schludrigem Praktikant zugeteilt war. Sehr auf ihr Äußeres bedacht, doch eines Morgens in Eile, beschloss sie, im Auto an einer roten Ampel, ihre Lippen anzumalen. Kam sie sich sonst wohl ganz nackt vor. Sollte es doch wie tagtäglich ein verführerisches Meisterwerk werden, ließ sie die Ampel zu lange außer Acht. Es wurde grün, sie noch nicht fertig in ihrem cabriösen Schönheitssalon und die Hupe des hinter ihr wartenden LKW, ein feines 3-Klang-Fanfarenhorn, so sei dazu gesagt, jagte ihr mit 140 Dezibel Schalldruck einen derartigen Schrecken ein, dass sie den Lippenstift mit einem, so wurde vermutet, sehr weiblichen ‚Huch!" kurzerhand einatmete. Das kirschrote Utensil setzte sich in der Luftröhre fest und ließ sie unter Qualen ersticken. Im Todeskampf begleitet vom nun einsetzenden Infernokonzert der Berufseiligen. Wer ahnte denn auch? Wer konnte denn ahnen?

Doch wenn es denn eine besondere Tragik in den Umständen eines Ablebens geben konnte, war es der schreckliche Tod meines Universitätsprofessors, der in mir den ‚Niedergang der abendländischen Kultur’ identifiziert zu haben meinte. Ich verstand diesen Humor nicht so recht, doch er schien ihn gehabt zu haben. Hatte er doch alljährlich zur feierlichen Eröffnung der Karnevalskampagne am 11. November auf dem Marktplatz des Städtchens in närrischer Tradition die bis dahin unbedenkliche Aufgabe, in Prunk und Ornat die Konfettikanone abzufeuern. Als diesen unglückseligen Tags der dritte Zündversuch scheiterte, beging er die Unvorsichtigkeit, hinein in die Mündung des für jenen Zweck umgebauten preußischen Feldgeschützes, den 6-Pfünder, zu schauen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Nun tat er dies dummerweise exakt zum bis zu diesem Augenblick verzögerten Zündzeitpunkt der Treibladung. 1 Kilo verdämmtes Schwarzpulver und 3 Kilo Konfetti taten mit mächtiger Wucht ihr lautbuntes Werk in sein letztmals erstauntes Angesicht um 11 Uhr 13 des Tages.

Mehr oder weniger virtuos inszeniert ertranken, erfroren und verbrannten sie, brachen sich wichtigste Gliedmaßen infolge des Aufschlags nach zu langem freien Fall oder plötzlichem Zusammenstoß mit etwas, das robuster war, als sie selbst, wurden erdrückt, zerrissen, zermalmt, zersägt, zerquetscht und zerstückelt, wurden vergiftet, enthauptet, erwürgt und erhängt, auch einer erschossen. Und alles per Zufall und Dummheit.

Heute bin ich zum fünften Mal verheiratet. Meine Frau ist bescheiden mit mir. „Bleib wie du bist und mach, wie  du denkst. Es ist alles so richtig." Dafür liebe ich sie. Und würde für sie sterben.

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51 Antworten

Kommentare

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  • 0

    fantastisch! vor allem vorletzter Absatz hat mir sehr gut gefallen.

    erinnert von der Sache her mich an "das parfüm" - sind die Menschen dann nicht auch immer gestorben, mit denen Grenouille zu tun hatte?

    07.08.2012, 10:08 von Che-Ernesto
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      Ich erinnere des alten Parfumeurs, dem er zu neuem Ruhm verhalf. Brach nicht dessen ganzes Haus von einer der Brücken ab und stürzte mitsamt dem Herren in die Seine? Es ist einige Zeit her, dass ich das Buch gelesen habe. Aber ich glaube, Du hast Recht. Sie starben, als sie ihm nicht mehr nutzen konnten. Es gab die Mutter, eine Amme, den Gerber, den Vater der rothaarigen Schönheit. Alle tot? Ich muss es nochmal lesen.
      Danke!

      07.08.2012, 23:19 von Kokomiko
    • 0

      ja genau - habe bis jetzt leider auch nur den film gesehen. ist das buch zu empfehlen?

      nix zu danken ;)

      08.08.2012, 13:46 von Che-Ernesto
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      Ich müsste himmeln jetzt. Ja. Es ist gut. Wenn man Erzählung mag. Und Einzelgängergeschichten. Und Geruch. Und Phantasie. Sie meinten viele Jahre, es sei nicht zu verfilmen. Ich habe den Film gesehen. Er hat mir recht gut gefallen. Aber den Grenouille von innen kann man nicht verfilmen.

      Wenn Du Hörbuch magst, dann empfehle ich dringend das von Gert Westphal gesprochene. Der beste Vorleser der Welt. Also meiner Welt.

      09.08.2012, 22:46 von Kokomiko
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  • 0

    erinnert mich von thema und sprache an die zugegebenermaßen nicht erfolgreiche aber fantastische serie "pushing daisies"...und weil der text sogar noch konsequenter ist, können die serientypen glatt einpacken.

    24.05.2012, 16:51 von berlin_bombay
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  • 0

    :D Richtig richtig gut.

    23.05.2012, 22:57 von wunschpunkt
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    Ach Koko. Wiedermal Gold für dich.

    18.05.2012, 19:03 von rubs_n_roll
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  • 0

    Liest sich wie gewohnt: gut und gerne.

    14.05.2012, 17:50 von Justaff
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  • 0

    Ganz großes Kino! (:

    11.05.2012, 16:07 von DietmarRakete
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    Sehr schön geschrieben!! Ein heiteres Schmunzeln am Morgen! ;)

    11.05.2012, 08:00 von XeNia79
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  • 1

    herzlich gelacht. 


    manchen autofahrern sollte man die erziehungsmethode des fahrlehrers näherbringen! 

    10.05.2012, 15:08 von FrauTina
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    Das hier ist ein verdammt guter Text! :) Ich steh sowieso auf schwarzen Humor. Manch Szenario hat man sich selbst schon für die ein oder andere Person im Kopf durchlebt! 


    Gefällt, Herz kriegste selbstverständlich.

    10.05.2012, 12:23 von kidcalledmalice
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    Stark, "lautbuntes Werk" gefällt mir.

    09.05.2012, 22:28 von Dahumm
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