Zitronenbonbon
"Du hast schon wieder überall rote Flecken. Und Schweißringe hast du auch unter den Armen." Sie lachte. Aber eigentlich hätte sie kotzen können.
Als sie aus dem Zug stieg stank es und war stickig. Warum muss es an Bahnhöfen immer stinken? Sie ging die Treppenstufen hinunter. Auf der Vorletzten zögerte sie. Sie hatte Angst vor diesem Treffen. Wie lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen? Zwei Monate? Telefoniert ja, gesehen, nein. Seit der Trennung hatte sie ihn nie wieder allein getroffen. Sie betrat den Bahnhofsvorplatz und atmete durch. Sie bekam rote Flecken im Ausschnitt. Immer diese roten Flecken wenn sie aufgeregt war, so lästig.
Plötzlich stand er vor ihr und sie erschrak. Die Haare waren zu lang, mit grauen Strähnen. Graue Strähnen. Dabei war er nicht mal 23. Er sah kaputt aus, ausgemergelt, alt. Aber das sagte sie nicht. "Hey, gut siehste aus, vielleicht gehste aber mal wieder zum Friseur!" Sie ging ihm mit den Fingern durchs Haar. Es sollte eine lockere Geste sein, aber irgendwie war es zu intim. "Hey, es ist wirklich schön, dass du hier bist. Das mit dem Friseur schaffe ich noch nicht." Schafft er noch nicht. Was sollte das heißen? Sie fragte nicht.
Sie bummelten gemeinsam durch die Stadt. "Bummeln", was für ein dummes Wort. Sie nahm nichts wahr, außer seiner traurigen, grauen Worte. Grau wie die Strähnen in seinen Haaren, grau wie die Pflastersteine unter ihren Füßen. "Ich hatte so viele Pläne. Daraus wird nix mehr. Ich weiß einfach nicht wie ich da rauskommen soll. Alles erscheint mir sinnlos. Ich erkenne mich selbst nicht mehr." So ging es ihr auch. Sie erkannte ihn nicht. Wo war er? Der laute, überdrehte, fröhliche und oft schwierige Kerl. Schwierig für seine Mitmenschen und vor allem für sich selbst. Früher hatten sie ihm Ritalin gegeben. Damit er besser mit sich klar kam. Oder damit andere besser mit ihm klar kamen? Seine Mutter hatte einmal bei Kaffee und Kuchen von vermindertem EQ geredet, von einem hohen IQ. An dem Tag gab es Erdbeerkuchen.
"Du hast schon wieder überall rote Flecken. Und Schweißringe hast du auch unter den Armen." Sie lachte. Aber eigentlich hätte sie kotzen können. Wie sie ihn für solche Sätze hasste. Wie oft sie solche Bemerkungen bereits geschluckt hatte. Er merkte nie, wie sehr er andere verletzte. Irgendwann wars zu viel. Er hätte sie sonst kaputt gemacht. Sie hatte gewusst, dass ihn dieser Schritt unendlich tief treffen würde. Aber so? Jemand rempelte sie an und fluchte.
"Ich muss um drei wieder da sein. Lass uns schon mal in die Richtung gehen." Den ganzen Weg lang redete nur er. Darüber wie fremd er sich fühle; in sich und in der Welt. Darüber, dass ihm nichts mehr Spaß mache, nicht einmal mehr Musik. Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Sie wollte ihn schütteln und rufen: "Schau dich um! Du kannst alles haben, alles tun! Was ist bloß los mit dir?!?" , aber sie nickte nur.
Als sie das Gebäude betraten, fühlte sie sich unwohl. Aus Verlegenheit nahm sie ein Bonbon aus einer Schale. Zitrone. Zitrone mochte sie nicht. Sie aß es. Sein Zimmer war schön, wie ein Hotelzimmer. Sie schämte sich. Was hatte sie erwartet? Gitter vor den Fenstern? Eine Gummizelle? "Ich habe jetzt einen Termin mit der Ärztin. Bleibst du so lange hier?" "Klar, kein Problem." Er schaltete den iPod an bevor er das Zimmer verließ. "Can't you see what you've done to my heart and soul? This is a wasteland now." Interpol. Sie kannte das Lied. Natürlich hatte er es absichtlich angeschaltet.
Sie sah sich im Raum um. Überall lagen Zeitungen und Bücher. Bücher, die sie nie auch nur im Ansatz interessiert hatten; Kafka, Nietzsche, Wittgenstein. Ihr Blick fiel auf den Nachttisch. Tabletten. Was gaben sie ihm jetzt? Daneben lag ihr Ring. Nach dem Schluss war, hatte sie ihn ihm zurückgegeben. Sie konnte ihn nicht mehr tragen. Außerdem fand sie ihn hässlich. Er hatte keinen Schimmer davon gehabt, was sie schön fand. Auch das hatte sie verletzt. Dieser Dummkopf. Sie saß auf dem Bett und starrte auf den Ring. Sie hoffte eines Tages würde er nicht mehr auf seinem Nachttisch liegen.
Sie bemerkte kaum als er ins Zimmer kam. Sie sah ihn an. In der Hand hatte er eine rote Mappe mit beschriebenen Zetteln, die er schnell beiseite legte. Hatte sie gerade ihren Namen auf einem der Zettel gelesen?
Er sagte, dass es um 6 Essen gäbe. Ob sie allein zurück zum Bahnhof finden würde.
Sie verabschiedeten sich auf einem Bürgersteig. Von dort konnte sie das Fenster seines Zimmers sehen. Dritter Stock. Sie nahm ihn in den Arm. Er roch nach Schweiß. Er drückte sie fester. Er zitterte, ihr floss eine Träne über die Wange. Sie wollte ihn küssen. Wie früher, ihn einfach zurückholen. Aber sie konnte nicht. Sie löste sich aus der Umarmung, drehte sich um und ging. "Vielleicht meldest du dich mal?" "Ja klar, mache ich!" Sie blickte nur flüchtig zurück und ging schnell weiter. Sie heulte und überall waren diese verdammten Aufregungsflecken. Die Leute schauten sie verschämt im Vorbeigehen an. Ein Kind zeigte mit dem Finger auf sie. Es trug ein schmutziges, rotes T-Shirt.
Sie fand den Weg nicht. Um 18:15 Uhr stand sie auf dem Ludgeriplatz in Münster und wusste nicht wo der Bahnhof war.
Tags: Trennung




Kommentare
erschreckend nahe an dem, was ich gerade erlebt habe... inkl. der zettel auf denen mein name steht...unendlich viele, in der zeit seiner therapie geschrieben... die haare... das um sich selbst drehen, er zittert, sich nicht küssen können....ich kenne das alles.
16.05.2011, 21:54 von Blue-Birdmein ex ist zurück gekommen ins leben, nach 6 monaten...
und zurück zu mir.
der text war schön.
ich weine.
Also, ich mag Zitrone am liebsten. Aber nur, wenn sie nicht nach Klostein schmeckt.
03.09.2010, 08:17 von fastgutRitalin ist vor allem für alle anderen, aber manchmal geht es nicht anders. Erwachsene nehmen Ritalin ja nicht zum Beruhigen, sondern zum Fröhlichsein.
Dass in deinem Text noch Platz für eigenes Zusammenreimen ist, gefällt mir auch.
Warum dachte ich, die Story handelt von mir? Schön geschrieben.
02.09.2010, 22:26 von JJPhoenixKlingenmünster ;-P?
02.09.2010, 10:03 von Kiwisalz@Kiwisalz Südpfälzerin?
02.09.2010, 18:00 von StereoGirlIm Grunde ganz einfach: Du kannst z.B, wenn die Innenstadt (McDonalds und so) hinter Dir ist, die erste links im Kreisverkehr nehmen. Dann an der nächsten größeren rechts und Du bist schon da.
02.09.2010, 08:17 von DunnaghAnsonsten... sehr viel zugbezogene Texte in letzter Zeit, die ich hier lese. Hat neon einen neuen Sponsor?
Der Text liest sich gut, Stimmung kommt bei mir nicht so richtig auf, leider.
Was für ein Hit, dass ich in der Story gedanklich in Münster und das dann im letzten Satz so gedacht war. Zufälle gibt`s:D.
01.09.2010, 22:01 von Norica@Norica Ich hatte auch Münster im Kopf beim lesen. Hat irgendwie wunderbar darein gepasst.
01.09.2010, 23:19 von SchmatzeKatzeSchöner Text, der traurig und melancholisch macht, aber gut geschrieben.
Das hat Tiefgang. Schön.
01.09.2010, 18:37 von KleinGloeckchenwow wie unglaublich wunderschön-melancholisch!
01.09.2010, 16:50 von MsLeigheiniges kenne ich aus meiner eigenen Biografie ):
wunderbar erzählt.
erinnert mich iwie an mich selbst.
01.09.2010, 15:15 von stonkschön.
Les Kafka, wirsts nicht bereuen.
31.08.2010, 22:47 von HeartwritingAnsonsten: schöner Text.
Umgang mit dem/der Ex - Kann einen manchmal
Dinge tun und sagen/machen lassen die man gar nicht wirklich selbst kontrollieren kann. Fast wie pures Momentsein. Irgendwie lebendig aber auch irgendwie desillusionierend
@Heartwriting Wenn schon Kafka, dann bitte auch "Lies" ;)
01.09.2010, 19:31 von Knusperkeks44Ich fands schön zu lesen, berührt und macht auch ein bisschen traurig. Aber gefällt mir!