Zeitrechnung
Ein Jahr. Vier Jahreszeiten. Zwölf Monate. Und wir.
Januar. Du erscheinst im Schnee vor mir wie ein Gespenst. Die Luft wird schöner, nachdem sie in deinem Körper war; die Dampfwölkchen, die du ausatmest, malen Bilder in die Dämmerung. Manchmal kann ich darin unsere Zukunft wie in einer Glaskugel verschwommene Umrisse bilden sehen. Ein Monat, so aufregend, wie er nur in dieser tristen Kulisse sein kann. Der Schnee reflektiert jedes Strahlen aus unseren Augen, so dass wir immer mehr geblendet werden. Er färbt sich nach und nach rosa und noch sehe ich darin keinen Grund zur Beunruhigung. Wir lachen viel, während wir uns Schneebälle an die Köpfe werfen, die darin einiges durcheinander werfen. Ende Januar bin ich sicher, dass wir, unbeholfen wie kleine Kinder, dadurch unsere Zuneigung ausdrücken. Und ich lächele dem neuen Jahr heller als der Schnee entgegen.
Februar. Der Monat fliegt nicht nur dank seiner wenigen Tage an uns vorbei. Irgendwo in dieser rasend weiß-matschigen Zeit finden deine Lippen die meinen, oder andersrum. Ich lächele die Herzen, die sich in den Regalen türmen, einfach aus. Am Valentinstag liegen wir auf meinem Teppich und erfinden unsere eigene Art von Romantik, ganz ohne Kerzen und Rosa. Kurz darauf stelle ich fest, dass ich dich inzwischen auch verkleidet wiedererkenne. Und auch mit alkoholverschwommenem Blick noch zu dir finde. Dann schmilzt der Schnee und schwemmt uns in den nächsten Monat.
März. Wir spazieren Hand in Hand in den Frühling und blinzeln verwundert in die ersten Sonnenstrahlen. Die Jahreszeit passt sich auch offiziell unseren Gefühlen an. Ich liege auf deinem Bauch und zerreiße die ersten Gänseblümchen. Jedes einzelne „Er liebt mich nicht“ werfe ich mit einem Kichern von mir und sehe darin kein böses Omen, weil jede Wolke für uns wie ein Herz aussieht. Wir haben noch kein Verlangen danach, irgendetwas voreinander zu verstecken, stattdessen bin ich der ganzen Welt dafür dankbar, dich gefunden zu haben.
April. Zum ersten Mal machen wir ganz und gar nicht was wir wollten. Wir fangen an, die Scherze des anderen zu ernst zu nehmen. Und diese grausame Stille zieht wie die Regenschauer ein und stellt sich zwischen dich und mich. Ich stelle schockiert fest, dass deine Stimme umso hässlicher wird, je lauter sie ist. Du magst es nicht, wie ich mich mehr und mehr verpuppe, statt mich auszusprechen und stets die Flucht ergreife, statt diese Zeit auszusitzen. Ich flüchte nach vorne in Richtung Mai.
Mai. Irgendwo fängst du mich wieder ein und wir fangen uns wieder. Du stellst mir einen Baum vor die Tür und ich denke mir nichts dabei, dass wir es zum ersten Mal nötig haben, auf Rituale zurückzugreifen. Stattdessen klettern wir darauf und schauen noch einmal auf die letzten vier Monate zurück. Das Fazit ist größtenteils positiv, also beschließen wir den Blick wieder nach vorne zu wenden. Und uns wieder einander zu. Wir ahnen, dass diese gemeinsame Zeitrechnung wider Erwarten auch Arbeit erfordern wird, aber wir schaffen es, die grausame Stille mit stundenlangem Geflüster zu verjagen. Ich lege meinen Kopf wieder auf deinen Bauch und das Gras kitzelt unsere Beine, während in mir drin die Raupen schlüpfen.
Juni. Die Sonne wendet sich wieder uns zu. Die Tage können nicht lange genug sein, für all die Geschichten und Berührungen, die wir auszutauschen haben. Wir lernen jede Schicht des anderen kennen und graben immer tiefer. Ich lerne, dich auf mehr und mehr Arten zu lieben. Wir ertränken die Sorgen in verschiedenen Seen und Schwimmbädern, während du mich untertunkst und jedes einzelne Mal wieder rettest. Das Jahr läutet zur Halbzeit und die Pause bietet beste Unterhaltung. Wir ahnen noch nicht, wo wir in sechs Monaten sein werden, weil wir keinen Gedanken daran verschwenden. Wir verschwenden lieber unsere Zeit zusammen, weil es keine bessere Art gibt, sie zu nutzen.
Juli. Wir entscheiden uns dagegen, in den Urlaub zu fahren, weil wir die Zeit unmöglich noch mehr genießen könnten. Der Alltag kehrt in seinen schillerndsten Farben ein und vergeht mit einem Grashalm zwischen den Zähnen. Pfeifen ist nicht das einzige, was du mir beibringst, aber selbst die kleinsten Dinge erscheinen diesen Monat unersetzlich. Irgendwo trifft mich der Gedanke, dass ich mir später niemals vorwerfen muss, die Zeit nicht richtig genutzt zu haben. Und „später“ klingt in diesem Moment noch so weit weg, dass ich mir keine Sekunde lang Sorgen mache.
August. Wir feiern den Start eines neuen Lebensjahres, das wir ununterbrochen zusammen verbringen wollen. Ich backe dir einen Kuchen, der ganz voller Kerzen ist. Im Schein der Flammen, stelle ich wie beim ersten Mal fest, wie wunderschön du bist und fühle mich nicht einmal kitschig dabei. Als du sie ausbläst, schließe ich die Augen und wünsche mir hundert Jahre wie dieses. Dabei bedenke ich nicht, dass zu diesem Jahr noch vier unbekannte Monate mehr gehören.
September. An meinem Geburtstag streiten wir über unordentliche Küchen und Schlafenszeiten. Wir werfen uns Dinge an den Kopf, mit denen ein Jahr nicht beginnen sollte. Als ich weinend am Küchentisch sitze, bin ich tatsächlich überzeugt, dass dies ein schlechtes Zeichen für die Zukunft ist. Als ich die Kerzen ausblase, wünsche ich mir mit verbittertem Gesicht, dass du mal die Klappe hälst. Und stelle fest, dass du mit vom Rauch geröteten Augen hässlich bist. Ich laufe nicht weg, ich sitze es neben dir aus und nach ein paar Tagen schweigen kehren wir zum Alltag zurück. Wir sprechen uns nicht aus, und wir sprechen nicht aus, was wir wirklich denken.
Oktober. Ein Monat so unaufgeregt, dass mir die Worte fehlen. Wir halten uns an den Händen, weil wir daran gewöhnt sind. Wir küssen uns zur Begrüßung und zum Abschied, weil man das so macht. Wir treffen uns regelmäßig, aber nicht mehr ins Herz. Doch immer wieder überkommt mich die Liebe zu dir wie ein unerwartetes Gewitter. Dann verbringen wir Stunden vergraben in einer Höhle und beobachten die Blitze in den Augen des anderen. Und dann wieder fallen die Gefühle von uns ab wie verbrauchtes Laub. Schon ein paar Tage vor Halloween verwandelst du dich in ein Monster. Nachdem wir uns tagelang nicht wiedererkennen und tief verletzen, nutzen wir das Ende des Monats, um die Geister zu vertreiben. Mehr als all die Süßigkeiten, genieße ich den Optimismus, den wir irgendwo im Dunkeln wiederfinden und mit dem wir in den November starten.
November. Es scheint, als könnten Gefühle und Stimmungen täglich wechseln. Die Welt um uns herum wird immer trister und ich beginne, an unsere Beziehung zurückzudenken wie an einen Verstorbenen. Ich spreche stundenlang gegen Wände, die dein Gesicht haben und du starrst durch mich hindurch. Es kostet mich wochenlang all meine Kraft, gegen das Verlangen anzukämpfen, dich kräftig zu schütteln. Als ich es doch endlich tue, fallen die letzten Blätter von dir ab und du blickst mich völlig kahl an, bevor du dich umdrehst und gehst. Ich wünsche mir, ich könnte dein Haus überschwemmen, aber weine nur ein paar unbedeutende Tränen. Dann packe ich meinen Mantel aus und grabe mich tief ein. Ich wünsche mir, ich könnte Winterschlaf halten.
Dezember. Es ist der erste Monat, den wir nicht zusammen beginnen. Ich beginne zu realisieren, dass es der erste von vielen ist. Du kommst noch einmal in meiner Höhle vorbei, aber weigerst dich, mich wach zu küssen. Dein Atem beschlägt mein Fenster und du malst ein Herz hinein. Dann wischt du es fort und schüttelst leise den Kopf, bevor du mir erzählst, mit wem du das nächste Jahr verbringen willst. Dieses Mal verwandle ich mich zur Wand und lasse alle Phrasen an mir abprallen. Du verschwindest im Schnee wie ein Gespenst und ich laufe nach draußen und versuche, mich zuschneien zu lassen. Mein Atem malt das Ende in die Luft. Irgendwann friere ich ein und beginne das neue Jahr in Schockstarre.
Januar. Der Kreis schließt sich nicht. Es scheint, mein Leben besteht nicht aus Kreisen. Diesen Januar verbringe ich damit, zu fürchten, dass mein Leben eine Spirale ist.






Kommentare
ich bin hin und weg! In der Geschichte hätte ich Du sein können. Traurigkeit verbindet..
16.02.2010, 21:36 von Al_SopranoWirklich schön geschrieben. Obwohl mir soetwas noch nie in der Art passiert ist, hatte ich das Gefühl es zu verstehen!
22.08.2009, 03:04 von Nadoudewow...beeindruckende Gefühle, die rüberkommen; beeindruckender Aufbau, beeindruckende Ausdrucksweise!!
19.07.2009, 00:19 von Ca-Surfer-DudeSchön, so schön, so schön.
19.07.2009, 00:18 von FensterviechWems nicht gefällt, dem gefällts nichts. Aber dann doch auch mal begründen. Welchen Autor interessiert denn der Kommentar von User unbekannt, dass diesem der Text nicht gefällt, wenn er nichtmal eine Kritik enthält.
Wunderbarer Endabsatz, der schließt den Kreis wirklich.
schön.
13.07.2009, 15:00 von toeneeEinfach heftig
11.07.2009, 15:19 von Dina-Lisawunderschön/schmerzhaft
10.07.2009, 15:50 von Dodi89gut getroffen. echt schön
08.07.2009, 20:28 von gluecklich21rolfradolfski RE: Zeitrechnung oh tschuldigung die autorin ist ja erst 19. 06.07.2009 13:08 Uhr
07.07.2009, 21:31 von tessa.likehallo ?