Kurthie 08.05.2009, 17:51 Uhr 4 0

Zeit-Leben | Moment-Tod

Der Mensch entsteht in einem Moment. Mensch lebt durch Momente. Der Mensch stirbt in einem Moment.

GEDANKENKREIS um das Theaterstück *Die Befristeten* von Elias Canetti.

Gibt es ein bestimmtes Schicksal, oder leben wir bis zu einem unbekannten Zeitpunkt ?

Der Moment des Entstehens – geplant, im Vorhinein ersichtlich.
Der Moment des Endens – ohne Gewissheit des „Wann“.
Gibt es ein bestimmtes Schicksal, oder leben wir bis zu einem unbekannten Zeitpunkt ?

Stell dir vor, ein Kind kommt zur Welt und erhält einen Namen, der sein ganzes Leben formen wird. Sein Name ist mehr als nur ein Rufname, dieser Name legt die Dauer seines Lebens fest. In einer Kapsel um den Hals gehängt wird niemand diesen Namen anzweifeln, obgleich jeglicher Beweise fehlt, ob wirklich sein Todeszeitpunkt – sein „Moment“ – in der Kapsel enthalten ist.

Fortan besteht das Leben des Menschens aus seinem in der Kapsel enthaltenen Lebenszeit und seiner Entscheidung, ob er anderen seinen Namen verrät oder nicht.
Seine Freunde entscheiden sich danach, ob sie mit jemanden zusammen sein wollen, der unumgänglich nur so alt werden kann, wie es sein Name verrät. Möchte man man mit jemanden leben von dem man weiß, dass er sehr jung sterben wird? Möchte man sich auf eine feste Beziehung zu jemanden einlassen wenn man weiß, dass der Partner 10 Jahre früher sterben wird?

Das Leben nur auf den Moment des Todes hin hat Vor- und Nachteile.
Man könnte sich von einem riskanten Abendteuer ins nächste stürzen, denn sterben würde man nur, wenn der vorbestimmte „Moment“ erreicht ist. Man wäre durch das Gefühl von Sicherheit frei. Man könnte sein Leben bis zu seinem „Moment“ - seinem Tod – genau planen, es würde nie sowas wie ein Schicksal geben, das unsere Pläne aus der Bahn wirft.
Doch gibt es noch die Kehrseite dieser Sicherheit.
Wäre man nicht ewig einsam – immer im innersten allein? Denn wer könnte dem anderen mit Sicherheit trauen, dass er den richtigen Namen sagt? Würde man nicht selbst, wenn man „17“ hieße zu seinen Freunden sagen, sein Name sei „30“ oder gar „68“? Einzig und allein aus dem Grund, dass man durch seine längere Lebenszeit einen höheren Stellenwert bekommt?

Was wäre mit der Möglichkeit zu träumen? Wie sollte man von Zielen schwärmen, von Träumen die vielleicht nie erreicht werden können, deren Vorstellung aber großes Glück verbreitet, wenn man weiß, dass man sowieso mit 17 sterben würde?
Würde uns nicht das vielleicht menschlichste genommen – das Leben im Ungewissen, das Leben ohne genau ein Ende vorraus sehen zu können?

Wenn man mit dem Denken der vorbstimmten Lebenszeit leben würde, es von Anfang an nicht anders kennen würde, könnte man die Stärke besitzten sich diesem Bann zu entziehen? Seine Wirklichkeit anzweifeln oder gar den Mut zu besitzen, die Kapsel öffnen zu wollen? Nicht an seinen Todesmoment glauben zu wollen und sich zu fragen, ob es nicht auch ein Leben ohne Kapseln – ohne ein festes Sterbedatum zu wissen – geben könnte? Hätte man den Mut vielleicht in ein ungeplantes und somit „zeitloses“ Leben zu geraten, ohne jegliche Kontrolle über seinen Todeszeitpunkt?

Stelle man sich also vor, einer hätte die Kraft und den Mut diesen Bann zu brechen, die Kapseln mit allen ihren Folgen anzuzweifeln und den Menschen um ihn herum zu beweisen, dass die Kapseln leer und das ganze System nur erfunden sei, um den Menschen besser kontrollieren und beeinflussen zu können.

Die Menschen würden merken, dass dieses Gefühl von Unsicherheit sie mehr leben lässt ,dass es sie mehr fühlen lässt, dass es sie mehr Mensch sein lässt. Ein neues, menschliches Leben würde beginnen.

Erst die Ungewissheit in unserem Leben ist es, was uns immer wieder den Mut gibt uns auf neue Dinge zu freuen – den neuen Tag, die neue Stunde, die neuen Minuten und Sekunden zu erwarten – in der Frage was geschehen wird.
Die Ungewissheit der Zeit ist das, was uns leben lässt.

4 Antworten

Kommentare

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    schön :)

    24.05.2009, 13:17 von juliaz
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    gerne doch :)

    09.05.2009, 13:47 von Lunchen
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    oh, danke für die Anmerkung

    08.05.2009, 18:15 von Kurthie
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    ehm der Autor heißt Canetti..nicht Tanetti!!!

    08.05.2009, 18:10 von Lunchen
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