whytepony 30.11.-0001, 00:00 Uhr 71 113

Zehn Monate

Über das Versuchen und was das bringt.

Zehn

Zehn Monate hab ich verschwendet an dich, eine Zeit, in der andere Kinder kriegen oder um die Welt reisen. Ich hab die Welt aber nicht gesehen, sondern meistens deinen geschlossenen Mund. Weißt du, wir sterben irgendwann. Und ich hab viel zu viel Zeit damit verbraucht, mit dir ein Leben aufzubauen, das du niemals wolltest. Hättest du ja mal sagen können, wäre fair gewesen. So fehlt mir jetzt ein Stück, das du mir weggenommen hast. Alles, was ich nach zehn Monaten von dir zurückbekomme, ist eine E-Mail. In der steht, dass du mich vermisst, dass es dir leid tut. Zwei Dinge, die sich ausschließen. Das Schlimmste ist dabei, dass ich um diese E-Mail gebeten habe. Ich weiß nicht, wer von uns beiden erbärmlicher ist. Trotzdem kann ich nicht aufhören, auf deine eine Nachricht tausend Mal zu antworten. Ich habe mich daran gewöhnt, Emo-Pingpong mit einer Wand zu spielen. Das gleichmäßige Geräusch meines Kopfes, wie er gegen deinen Beton knallt, hat mich träge gemacht. Vielleicht schieß ich morgen mal mit einer Panzerfaust auf diese Wand, damit ich endlich den Weg wieder sehen kann. Vielleicht schreib ich dir aber auch, dass ich traurig bin. Oder wie lächerlich man sich vorkommt, wenn man jemandem hinterher heult, der es nicht verdient hat. Ich will niemanden mehr lieben in Zukunft, nachdem du mir gezeigt hast, wie verzichtbar meine Liebe ist. Und wie falsch etwas sein kann, das sich so richtig anfühlt. Am Ende stand bisher immer die Hoffnung, jetzt steht dort nur mein Schatten, mit geballten Fäusten und krummem Rücken. 

 

Neun

Irgendwie ist es besser geworden, aber auf eine seltsame Art. Wir sind wieder beieinander, unsere Arme halten sich, unsere Lippen berühren sich, aber zwischen unseren Vorstellungen über die Liebe könnten drei Panzer parken. Tun sie auch. Wir haben einen Waffenstillstand geschlossen, nachdem wir uns die Beine weggeschossen haben, kann nun keiner mehr wegrennen. Der Frieden schmeckt nach deinem letzten Bier. Aus meinem Mund fliegen weiße Motten, deren Flügel knistern, deinen habe ich noch nie offen gesehen. Manchmal spät abends komm ich zu dir, klingele an deiner Tür aber du machst nicht auf. Weil du die Klingel nicht hörst, weil du so tief schläfst, wie dein Herz vergraben ist, weil du dein Telefon leise gestellt hast. Und ich kann nicht zurück zu mir durch die ganze Stadt, weil die S-Bahn nicht mehr fährt, und mache deine Mitbewohnerin wach. Alles kein Stress eigentlich. Nur dass du wusstest, dass ich noch komme, und dass es dir egal gewesen wäre, hättest du allein geschlafen. Was einem wichtig ist, das geschieht auch. Ich bin dir nur passiert. Mit meiner großen Liebe bin ich neben dir so klein, wie eine hohle Walnuss, die man am Hang eines Achttausenders herunterrollen lässt. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll, aber ich würde mir wünschen, dass es weiter geht. Nur wenn ich eins gelernt habe, dann dass man sich von Menschen wie dir nichts wünschen kann. Also man kann schon, aber Geschenke verteilst du höchstens mit den Augen. Gerade sitze ich mal wieder bei mir und warte auf dich. Du wolltest vor über einer Stunde da sein. Und ich schon lange etwas ändern. 

  

Acht

Ohne dich ist es besser, dieses Warten hat aufgehört. Ich hab so viel gewartet, ich hatte schon fast vergessen, dass auch ich mich bewegen kann. Ich hab vor ein paar Tagen draußen gestanden und tief eingeatmet, das war der Moment, an dem ich mein Herz wieder schlagen gehört habe, zum ersten Mal seit Wochen. Und gestern Nacht hat es geklingelt, es waren die ersten beiden Stunden nach deinem Geburtstag. Ich hab mir schon gedacht, dass du es bist. Aber ich wollte nicht, dass du betrunken den ersten Schritt auf mich zu gehst. Ich wollte nicht unter deiner wehenden Gintonic-Fahne zurück zu dir kriechen. Nein, ich wollte schlafen und ohne dich aufwachen, weil dann der Tag voller Möglichkeiten ist, und nicht voller Zweifel. Seit du weg bist schreiben mir andere Mädchen, dass sie mich mögen. So langsam erinnere ich mich wieder daran, dass ich etwas wert bin. Weißt du, um zu verstehen, warum ich das wieder lernen muss, solltest du dir selbst mal einen Liebesbrief schreiben. Das Warten auf deine Antwort wird dir das Herz brechen. Hin und wieder leuchtet mein Telefon. Du schreibst dann manchmal, dass du mich vermisst. Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben kann. Vielleicht geh ich dich irgendwann mal besuchen, wenn das alles vorbei ist. Vielleicht aber auch schon eher.

 

Sieben bis zwei

Es läuft. Positiv denken fängt ja oft mit positiv reden an. Also sage ich, was stimmt, nämlich dass ich dich liebe, weil du klug bist, schön, weil ich lachen muss über die alten Fotos in deinem Zimmer, auf denen du Bierbong rauchst. Ich sage, dass es sich richtig anfühlt, wenn du bei mir bist. Aber ich sage auch, dass es nicht leicht ist, weil du nicht oft bei mir bist, zumindest nicht mit allen Teilen. Weil du dich so gut wie nie meldest, weil du nicht mit mir redest, weil du mir deine Freunde nicht vorstellst, sowas bedeutet etwas, weil deine Mutter immer noch denkt, dass du mit meinem Vorgänger zusammen bist, sie mochte ihn sehr, weil du nachts besoffen auf mein Bett kotzt, weil du immer zu spät kommst, weil du nie bei mir ankommst, das ist das Hauptproblem, weil du lügst, weil du nicht weißt wie es ist, wenn man ein Kind hat, weil du trotz all der Zweifel sicher sein kannst, dass ich dich liebe, weil ich es ernst meine mit dir und du nicht mal weißt, wie man das ausspricht. Sollte das mit uns irgendwann enden, meine Lehre aus all dem wird sein, dass man die anderen Menschen nie zu sehr in Sicherheit wiegen sollte. Sie fangen dann still und heimlich damit an zu schauen, ob man dich austauschen kann. Und außerdem wollen wir ja immer irgend einen Krieg, um das Blut im eigenen Mund zu schmecken, als Lebensbeweis. Meine Mutter hat mir über Frauen mal beigebracht, dass sie Sicherheit wollen. Warum ich ihr ausgerechnet das geglaubt habe, verstehe ich bis heute nicht. Heute wird man für sowas ja auch gern mal ausgelacht. Alles was ich wollte, war ein bißchen Sicherheit für mich und mein Kind. Sicherheit dafür, dass wir nicht wieder verlieren müssen, was wir gern haben. Die Sicherheit, dass da keiner nachts bloß mal den richtigen Ton treffen muss, um mit dir den Mond anzusingen. Meine Mutter hätte mich vor dir warnen sollen, vermutlich hat sie das sogar. Manchmal sehe ich dein Gesicht und das Unverständnis darin, darüber, dass einer wie ich so ist wie ich bin. Du hast in deinem Leben noch niemals ein Tal durchlaufen, du bist immer in einem Hubschrauber über die Gipfel gedonnert und hast die Wolken fotografiert. Vermutlich bin ich dein erstes Tal. Aber wenn du mich küsst, das ist das Irre, dann vergesse ich das alles, dann werde ich gefühlsdumm, wenn du neben mir liegst, gibt es nur noch einen Ort auf der Welt, an dem ich sein will. Und das ist dort, wo wir sind. Du fühlst dich richtig an, bei allen Unterschieden. Das ist das, worauf ich hoffe. Niemand hat sich bisher so richtig angefühlt.

 

Eins

Ich habe jemanden kennengelernt. Sie ist ganz anders als ich, blond, groß, stark, sie hat so weiche Lippen und unser erster Kuss war auf einem Sofa in einer Bar, in der das Licht rot und die Musik laut war. Ich wundere mich, dass eine wie sie mich mag und andersrum. Aber zusammen sind wir ein Wunder. Ich glaube ich kann sie mal lieben. Und ich hoffe, dass ich ihr das beibringen kann. 

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71 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich liebe diesen Text, und muss ihn mir immer wieder durchlesen. Danke dafür!

    06.02.2015, 11:05 von WeAreNever
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    Ich lese es gerade zum hundertsten Mal und kann nur sagen...wow... 


    Ehrlich, das ist einer der besten Texte, die ich je gelesen habe und ich schaue jeden Tag erneut, ob es was Neues von dir gibt. Ich würde im Moment alles von dir lesen wollen.

    Unglaubliche Bilder...

    22.07.2014, 21:38 von Crazyblu
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  • 0

    Du schreibst unheimlich gefühlsintensiv, ehrlich und wirkst dabei schon ein wenig weise. Sehr schöner Text, Hut ab!

    29.01.2014, 13:55 von Tora
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  • 3

    Aus meinem Mund fliegen weiße Motten, deren Flügel knistern, deinen habe ich noch nie offen gesehen.
    hat mich völlig geflasht!!! hammer! 

    24.09.2013, 11:07 von pro-fi-neuro.tiker
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  • 0

    so viel wahres drin. so ehrlich. so gut.

    23.09.2013, 23:21 von nirgendsueberall
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    berührt

    23.09.2013, 21:29 von wonderchild.
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  • 3

    den Text kann man sich ausdrucken und an die Wand hängen

    22.09.2013, 22:21 von sarilove
    • 0

      das kann man ja nun mit allen Texten machen...

      23.09.2013, 09:22 von Tanea
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  • 1

    verdammt. wie gut du schreibst was ich gefühlt habe...

    22.09.2013, 20:40 von aetna
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      kannst meine haben

      22.09.2013, 21:38 von aetna
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  • 0

    der ist aber schön!

    20.09.2013, 00:55 von yuhi
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  • 1

    Macht irgendwie Bauchweh, dein Text..

    19.09.2013, 23:15 von nousenavonsrideboncoeur
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