zana 03.09.2006, 19:51 Uhr 4 5

Ypsilon

Es rumort im Bauch. Ich kann es hören, wenn ich mich vom Rücken auf die Seite wälze.

Es gluckert und knufft, außerdem piekst es im Herzen. Es reißt eher, es ist wie ein beständiges Ziehen in der Herzgegend. Irgendetwas passt nicht. Ich fühle mich kraftlos, habe kein Auge zugetan. Die Nacht ist weit fortgeschritten, man ahnt schon, wie sich gleich das blaue Tageslicht durch die Baumzipfel einen Weg zwischen meine Kissen bahnen wird. In wenigen Minuten versinkt das Zimmer dann in diesem morgendlichen Licht, das einen weiteren Tag verheisst, auf den ich keine Lust habe. Einen Tag, an dem sich Liebespaare im Park tummeln, sich an den Ampeln küssen, händchenhaltend Glück versprühen. Einen Tag, an dem ich zu spät zur Arbeit komme, unkonzentrierte Telefonate führe und mich immer mehr in meine Besessenheit hineinsteigere. Einen Tag, an dem ich dennoch ab und zu denke: „Das wird wieder, ich kann schon wieder laufen und Suppe löffeln.“- und im selben Augenblick in die Lethargie zurückfalle, die mich fest gefangen hält und mir ins Ohr flüstert: „Du bist verloren, du kannst nicht geliebt werden, du bist allein, du bist häßlich.“ Und dann tue ich mir furchtbar leid und inszeniere mein Elend, schiebe im Regen das Fahrrad nach Hause, stoße mit dem Fuß an Mülltonnen, reiße ganze Plakatwände runter oder lösche alle Nummern in meinem Telefon. Manchmal drücke ich eine brennende Zigarette auf meinem Arm aus und provoziere dadurch Nachfragen, die ich mit einem schwermütigen Schulterzucken beantworte.

Das geht nun schon länger so und hat wahrscheinlich alles mit diesem Mann zu tun, den ich nun auch schon länger kenne. Er strahlt etwas aus, was meinen Masochismus anspricht. Er bringt mich dazu, zu winseln und zu flehen. Sicher, ich fühle mich ganz furchtbar dabei, vollkommen verloren in den Weiten dieser unerträglichen Welt, doch es ist, als könnte mir niemand helfen, am allerwenigsten ich selbst. Ich habe mich in einem Menschen verloren- oder in der Idee von einer Zukunft mit einem Menschen, der auf die Art, wie ich ihn mir vorstelle, vielleicht gar nicht existiert. Und nun? Wie komme ich da wieder raus?

Ich rufe ihn an, überlege mir vorher genau, wie ich ihn ansprechen werde, was ich ihm sagen möchte und wie meine Stimme dabei klingen soll. Zuversicht, Lebensfreude, Attraktivität. Ich plane die Sätze, doch er hält sich selten an mein Drehbuch. Sage ich A, sagt er nicht B, sondern Ypsilon. Und auf Ypsilon war ich nun ganz und gar nicht gefasst, Ypsilon lässt mich vergessen, dass ich freundlich bleiben und nicht die Fassung verlieren wollte. Um ehrlich zu sein: Ich hätte mich auch mit C, D oder E arrangieren können, nicht jedoch mit Ypsilon. Mir stockt der Atem und ich vergesse meinen Text. Erst nachts fällt er mir dann wieder ein und ich redigiere, probe mit leiser Stimme, was sich am nächsten Tag erneut nicht aufführen lässt. Anrufen geht nicht. Geht gar nicht.

Ihm in die Augen gucken. Ihn ins Café bestellen. Er kommt zu spät, verzieht keine Miene, als er mich sieht und lässt sich schwerfällig auf die Bank fallen. Erzählt von einem Schweizer Musiker, den er gerade eben getroffen hat und verdreht die Augen, als ich ihn unbedarft frage, ob er schon einmal in der Schweiz gewesen sei. Sicherlich sei er dort gewesen, wie habe ich das denn schon wieder vergessen können, ob ich denn überhaupt etwas von seinem Leben wüsste. Ich werde kleinlaut und versuche, das Thema zu wechseln. Er hat mich dabei vollkommen in der Hand, fischt mich nicht auf, lässt mich grausam zappeln. Es rumort dann wieder und ich verziehe mich auf die Toilette, wo ich tief durchatme und irgendein Mantra daherbete, weil ich mir einbilde, das könnte helfen, um meine Kräfte zu bündeln.
Wir stehen auf, das Bier ist ihm zu teuer, man könne auch im Park sitzen. Sein Fahrrad ist nicht angeschlossen und er schiebt es etwa einen Kilometer vor, während ich verschwitzt und verzweifelt nach meinem Schlüssel suche, um meines abschließen und ihn einholen zu können. „Ein wunderbares Bild“, denke ich dabei.
Er grüßt die Entgegenkömmlinge auf der Strasse und lächelt den Mädels lasziv und vielsagend zu. Ich habe das Gefühl, dass er das nur macht, damit ich es sehe. Er inszeniert Satzpausen, wenn er etwas erzählt, um zu unterstreichen, wie wichtig seine Information ist. Er weiß, dass ich um ihn bange. Und ich weiß, dass ich ihm total auf die Nerven gehe mit meinen Tränen, meiner Unterwürfigkeit und diesem Schatten auf der Seele, der mich selbst an den strahlendsten Sonnentagen verfolgt.
Im Park schmettert mir dann pure Agression entgegen. So reagiert man auf Menschen, die ihre Würde verloren haben. Man kann sie treten und provozieren, ohne dass man dafür bezahlen muss. Das Gesetz des Stärkeren hat bei uns immer eine große Rolle gespielt und er weiß es zu spielen, kennt alle Regelverstöße und nährt sich daran. Sein Ego ist ein Walfisch, der meines aufgegessen hat.

Ihn vergessen, sagen die Freunde. Es gehe nicht mehr um ihn, nur noch um mich, das sei zu trennen. Absolutes Anruf- und Treffverbot. Eiszeit, Pleistozän. Sie witzeln über meine Selbstzerstörung, klopfen mir wohlmeinend die Schultern und sprechen über die letzte Hausarbeit, die noch vor den Ferien eingereicht werden muss. Ich bin keine gute Zuhörerin, kann mich nur schwer auf mein Umfeld konzentrieren und plane still und heimlich meine Flucht ins Ausland. In Gedanken laufe ich ihm über den Weg und bin strahlend schön. Oder ich erscheine auf dem Titelblatt einer Zeitung und wurde zur tollsten Meeresnixe des Sommers gewählt. Oder ich sitze mit jemandem, den er hasst, im Café und lache mich gerade über dessen Witzchen kaputt. Ha ha. Kaputt, man kann sich auch kaputt lachen.

Ausland. Ich komme an und bin ganz allein, nicht vorbelastet, einfach nur ich. Es ist angenehm, in fremden Strassen zu gehen und fremde Menschen kennenzulernen, die in einer fremden Sprache zu mir sprechen. Ich fahre mit dem Fahrrad durch die Stadt, immer dieses Fahrrad fahren. Die Busse blasen mir ihre Abgase ins Gesicht, sodass ich nach drei Tagen einen ernstzunehmenden Husten vorweisen kann. Ich falle über eine Metallkette und verstauche mir ein Knie, wodurch ich an die Hängematte gefesselt bin. „Endlich wieder richtige Probleme“, stelle ich befriedigt fest und freue mich über die Schwellung. Das Knie wird grün, dann gelb, dann schwillt es ab.

Mein Name klingt wie auferstanden aus diesen exotischen Mündern, man macht mir Komplimente über meine Augen, mein Haar. Ich treffe einen, der sagt, dass er mich liebt. Und eine andere erzählt vom Leben im Exil- in Paris habe sie sich verstecken müssen, man habe die Sprache nicht verstanden und sei in der Bäckerei nicht bedient worden. Ich verstehe auf einmal, worum es sich handelt: Ich bin im Exil, bin Exilantin, auf der Flucht vor dem Ypsilon. Mir gefällt diese Idee, mir gefällt dieses Ausland. Begeistert sauge ich alles auf: Tee in Kürbissen, mit einem silbernen Strohhalm eingenommen; Steaks auf dem Holzfeuer; Vögel mit rotem Köpfchen und überall Tänzer, zeitgenössische Tänzer, die sich zu Melodien bewegen, die ich früher gar nicht wahrgenommen habe. Ich tanze mit ihnen, übersetze ihre Worte in meine Sprache und besuche ihre Parties, auf denen ich Rotwein trinke und erkläre, wo ich meine Pünktchenschuhe gekauft habe. Meine Freundinnen heißen alle Natalia, ich frage schon gar nicht mehr nach ihren Namen. Jeder erkundigt sich nach meinem Knie, betastet es, biegt es hin und her.

Nach einigen Wochen beginne ich, in ihrer Sprache zu denken. Ich kaufe mir einen Rüschenrock, wie er hier Mode ist und erkläre Stadtfremden den Weg zum Wochenmarkt. Ich halte mich an den, der sagt, dass er mich zu lieben versucht. Wir laufen gemeinsam durch die Stadt, erkunden fremde Wohnungen, in die wir uns selbst einladen und enden in heruntergekommenen Bars, in denen wir Rum bestellen, der in der Kehle brennt. Wir reden zu viel über Tiefgründigkeiten und bestätigen uns in unserer Angst vor dem anderen. Nach wenigen Tagen halte ich ihn für einen Dämonen. Er taucht in meinen Träumen auf, in denen er in Taxis einsteigt, deren Scheiben verdunkelt sind oder mich in Parkhäusern die Gänge entlanghetzt. Dennoch geht es mir gut: Ich tanze zeitgenössisch, trinke Tee aus Kürbissen, fachsimple über die silbernen Trinkröhrchen und geniesse das Exil.
Mein Geliebter wacht eines Morgens auf und notiert seinen eigenen Traum, in dem er sich im Dschungel drei Jaguarn gegenüber sah. Er sei ihnen gefolgt und an eine Quelle gekommen, deren Wasser er getrunken habe, weil er so durstig gewesen sei. Sie hätten ihn nicht attackiert, sondern nur forsch und eindringlich angesehen. Ich hole ihm ein Glas Wasser aus der Küche, doch er beruhigt sich nicht.
Noch Tage später kommt er auf den Dschungel zurück: Es sei eine Einladung gewesen, er sei gerufen worden und müsse nun dringend nach Mexiko, wo seiner Meinung nach alles voller Dschungel und Jaguare sei. Ich solle ihn nicht aufhalten, er werde mich ewig lieben. Und reißt die Tür ins Schloss. Wochen später taucht er wieder auf. Nein, der Dschungel sei zu weit weg, aber er werde demnächst nach Brasilien reisen, um mit einem Segelboot die Welt zu erkunden. Er hätte seine Schiffscrew schon zusammen, ein Blinder sei der Kapitän und ein Meeresbiologe würde nach Walen Ausschau halten. Was er denn mit den Walen vorhabe, frage ich noch dumm, als es mir wie Schuppen von den Augen fällt: Die Wale verfolgen mich.

Dann ein Anruf: Man hat mich gefunden. Die Eltern erkundigen sich nach dem werten Wohlbefinden und räuspern sich anerkennend, als ich meine beruflichen Erfolge schildere. Die Schwester sendet Küsse und einen Geburtstagsgruß. Sie will auch einen Rüschenrock, lässt sie ausrichten. Für einige Momente fühle ich mich zurückversetzt in jene Morgende, die ich zu fürchten gelernt habe. Ob man ihn gesehen habe, frage ich scheinbar selbstbestimmt. Ob er glücklich ausgesehen habe, ob er begleitet gewesen sei. Nein, man wolle mir nichts erzählen, ja, man habe ihn gesehen, ja, an denselben Orten wie immer, was das denn jetzt für eine Rolle spiele. Ich lege auf und mein klopfendes Herz lässt den ganzen Körper vibrieren. Wenige Tage später reiße ich meine Zelte ab, küsse die Tänzer auf die heißen Wangen und erkläre, dass mein Exil beendet sei. Dass ein Exil nur ein Exil sei, wenn man irgendwann zurückkehre. Innerlich stelle ich betrübt fest, dass auch das Ausland nicht funktioniert.

Und zurück. Ich drehe mir wilde Zöpfe ins Haar und male die Lippen rot. Auf einem Schiff tanze ich bis in die Morgenstunden, die mich mit demselben Licht wie früher begrüßen und auch ihren Schrecken nicht verloren haben. Man lädt mich ein zu Bier und Caipirinha, nichts hat sich verändert, die Häuser stehen noch, das Schiff schwankt noch immer. Ich murmele dieselben Mantras wie seit jeher und versuche, dabei an denjenigen zu denken, der mich ewig lieben wird. Wir haben uns „auf immer“ verabschiedet und die Mailadressen ausgetauscht. Ab und an finde ich eine Nachricht von ihm in meinem Briefkasten: Das Boot sei zu weit weg, er würde nun Tätowiermaschinen bauen und ganz groß rauskommen. Eine andere besagt, dass er ein Flugdrachen sei, dem die Schnur abgeschnitten wurde. Und letztlich schreibt er gar nicht mehr, sein Bild löst sich in Rauch auf und hinterlässt einen bitteren Geschmack im Rachen.

Ich stürze alles gut gelaunt hinunter, in großen Schlucken, ohne zu schmecken, alles, was man mir in die Hand gibt. Der Taumel setzt ein, auf ihn habe ich gewartet. Tage-, wochen-, monatelang schwanke ich von einer Laterne zur nächsten, in blaues Morgenlicht gehüllt, mit Beschützern an der Seite und auch ohne. Die einzigen Momente, die ich geniessen kann, sind jene auf dem Fahrrad: Wenn mir der Wind entgegenstiebt und meine Augen tränen, die Waden schmerzen, ich die rote Ampel ignoriere und in Gegenrichtung auf große Alleen abbiege, das Hupen ist wie Musik in meinen Ohren. Es ist ein gräßliches, wunderbares Gefühl, nichts zu verlieren zu haben. Ich spiele mich auf wie eine Wahnsinnige, balanciere auf Brückengeländern, blase Prüfungen ab, die einen Universitätsabschluss bedeutet hätten und ziehe mir weiße Linien Aspirin in die Nase.
Die Nacht ist meine Freundin, ich zähle auf sie und vertraue ihr. Mit ihr kann mir nichts passieren, in ihr muss ich nicht existieren, sie konfrontiert mich nicht mit meinem Seelenschatten, sie ist der Schatten. Ich sitze stundenlang auf S-Bahnhöfen und sehe den Zügen nach, beobachte andere Randgestalten und zucke zusammen, wenn sie mich ansprechen. Sie bitten mich um Feuer, das ich nicht habe.

Sich in die Arbeit stürzen. Ich unterschreibe drei Arbeitsverträge auf einmal und nehme die unkonzentrierten Telefonate wieder auf. Brötchen verdienen, dabei esse ich gar keine Brötchen. Blusen kombiniere ich mit eng anliegenden Röcken, die Badeschlappen tausche ich gegen schwarze Pumps. Ich lächele das Lächeln vom Dienst, bis ich in einer Zeitung lese, dass vorgetäuschte Freundlichkeit krank macht. Wieder stürze ich mich in die Nacht, werde von ihr aufgefangen und kann mein Tagwerk nicht verrichten, weil ich zu erschöpft bin. Seit Ewigkeiten bin ich nun schon so müde und kann dennoch nicht loslassen. Auch die Anrufe habe ich wieder aufgenommen, diesmal sage ich nicht mehr „Ich bin´s.“, sondern nenne meinen vollen Namen, damit er meine Stimme zuordnen kann. Es fällt ihm merklich schwerer, deutlich spüre ich, dass auch mein Bild nur noch aus Rauchschwaden besteht, die er nicht mehr greifen kann. Die Arbeit kündigt mich wegen Unzuverlässigkeit und ich nehme es natürlich persönlich, fühle mich wieder einmal betrogen, trotte traurig von A nach B, vermeide das Ypsilon nach wie vor.
Eines Nachts rufe ich ihn volltrunken an und frage weinerlich, ob er mich jemals wahrhaftig geliebt habe. Das ist der einzige Gedanke, den ich noch zu denken fähig bin; wie besessen knabbere ich an ihm herum und lasse ihn auf der Zunge zergehen. Ja, das habe er, vor langer Zeit. Und er betont das a in „langer“, damit ich es auch wirklich verstehe. Tu ich trotzdem nicht, lieber werde ich bockig und trete aus wie ein wildes Pferd. Es erreicht ihn nicht mehr und zeigt nur zu deutlich, in welch einem erbärmlichen Zustand ich mich befinde. Mein wütendes Schnauben lässt die Tränen dahinter nur allzu deutlich erahnen. Sehr unsexy. Ich bestehe auf einem Treffen, an dem ich sexy sein möchte.

Wir begegnen uns an einem neutralen Ort, auf unseren Fahrrädern. Ich habe die Haare hochgesteckt und mir die schwarzen Pumps angezogen. Er hat Bier und seine Freunde mitgebracht, die hauptsächlich weiblich sind und jeden Blick von ihm dankbar auffangen. Wir könnten reden, wann immer ich wolle; ich könne mich jederzeit bei ihm melden, sagt er noch, bevor er ins Getümmel einer Party verschwindet. Als er später wieder auftaucht, den Kopf aus den Massen streckt, reicht er mir bloß energisch die Hand und bittet mich, zu gehen. Er wolle nicht mit mir zusammen auf derselben Party sein, es gebe ihm kein gutes Gefühl, wir beide sollten unser eigenes Leben leben. Ich bin schon viel zu besoffen, um diese Botschaft überhaupt an mich ranzulassen, weil ich mich mit seinen Freundinnen unterhalten habe, die mir von ihren Bettgeschichten mit ihm berichteten. Natürlich füge ich mich, ziehe den Kopf ein und schlüpfe kleinlaut durch dasselbe Loch im Maschendrahtzaun, durch das wir auch gekommen sind.

Ich versuche es mit Drogen. Was für eine glänzende Idee. Marihuana schickt mich auf unendliche Reisen, auf denen Zeit und Raum keine Rolle spielen. Für die Zeit des Fluges erklärt sich alles von selbst und nicht ein einziges, letztes Rätsel bleibt bestehen. Hochbefriedigt stille ich meinen Hunger mit Schokolade, die ich in heißer Milch auflöse oder analysiere nächtliche Fernsehprogramme. Anhand eines Werbespots verstehe ich den Kosmos. Zu faul, um meine tiefschürfenden Erkenntnisse zu notieren, haben sie sich am nächsten Tag in einer tiefen Depression verfangen, die mich in einen dichten Nebel hüllt. Kokain reißt mich in die Höhe, dass ich den Kitzel im Bauch spüre. Ich diskutiere stundenlang mit Unbekannten darüber, ob die Amerikaner wirklich auf dem Mond waren, erläutere die Folgen des Bürgerkriegs in Guatemala und stelle gewagte Zukunftsvorhersagen auf, in denen die Indianer Amerikas eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Knallhartes Kalkül wird mir nachgesagt, der Zuhörer nickt bestimmt und erklärt seinerseits, dass man das Aussterben der Robben nicht nur anhand der Sternenkonstellation erklären könne. Wir sind uns einig bis auf die Frage, ob die U-Bahnen die Nacht am Wochenende durchfahren, weil wenn nicht, dann könnte man ja zu ihm gehen, denn das sei gleich um die Ecke…
Ich zelebriere die Abstürze, verlasse tagelang das Bett nicht und beschmutze meine Laken mit Nasenbluten. Mir geht es wunderbar dreckig und alle Welt kann es sehen. Meine Mitbewohnerinnen beschweren sich über den stehengelassenen Abwasch, klopfen immer forscher an meine Zimmertür, hinter der ich mich mit herabgelassenen Vorhängen verbunkert habe, und verlieren langsam die Geduld. Ich verliere das Interesse. Abgründe kenne ich schon, auch die Hölle ist mir nicht fremd und in Selbstzerstörung habe ich eine Eins plus.

Langsam, ganz langsam, habe ich vergessen, worum es eigentlich ging. Mir fällt ein Buch in die Hände, danach noch eins, jemand schenkt mir ein Video, auf dem kleine Jungs mit Jojos Kunststücke vollbringen. Ich habe Blumen am Briefkasten kleben, mit Tesafilm wurden sie befestigt, und ich weiß nicht, von wem. Der Fahrkartenkontrolleur lässt mich laufen, weil ich so charmant sei. Jemand hebt in der Straßenbahn meinen Schirm auf und gibt ihn mir mit einem tiefen Blick zurück. Ich beginne, schwimmen zu gehen und werde bald süchtig danach. Manchmal ertrinke ich fast, weil ich nicht bemerke, wie mir die Kräfte schwinden.
Ich bekomme einen Job angeboten: Kinder sind zu hüten, ein Junge, ein Mädchen, nein, Windeln seien nicht zu wechseln. Wir bauen Höhlen im Parkgestrüpp und verfangen uns kichernd in den Ästen. Dinosaurier reichen bis in den fünften Stock, lerne ich, und die größten sind die Pflanzenfresser. Um Helikopterpilot zu werden, muss man nicht als Soldat arbeiten, man kann auch Leute aus den Bergen retten, die sich verlaufen haben, erkläre ich meinen dankbaren Zuhörern. Oder aus dem Meer, oder bei einer Überschwemmung, oder aus der Wüste oder aus einer Lawine. Prinzessin zu werden ist etwas schwieriger, man müsste einen Prinzen heiraten und davon kann ich nur abraten. Vielleicht ist Krankenschwester doch besser? Ich werde mit Toilettenpapier verarztet, weil ich mit dem Roller gegen den Stuhl gefallen bin- ein schwerer Autounfall. Das Blut kann man nachher noch aufwischen, erst einmal muss mich der Helikopter ausfliegen. Und der Fallschirmspringer konnte mich gerade noch auffangen, weil ich ja den Autounfall in den Bergen hatte, unter einer Lawine, um genau zu sein. Natürlich hat mich ein Bernhardiner entdeckt, der von einem vorzüglichen Hundetrainer ausgebildet wurde. Es ist ein Bernhardiner, der nicht beisst und in seinem Fässchen Zitronenlimo hat. Dann kommt die Mama von der Arbeit nach Hause, findet mich auf dem Fussboden eingehüllt in Toilettenpapier, und bezahlt mich.

Ich erwische mich immer öfter dabei, wie ich kichere. Über einen Witz, eine lustige Annonce, die neuesten Nachrichten. Eine Nackte hat den G8-Gipfel gestürmt, der neue Schimpanse im Zoo verweigert den Sex und eine Societydame hat sich selbst die Lippen aufgespritzt, um Geld zu sparen. Ich lach mich tot.

Eines Morgens wache ich auf und stelle fest, dass der Sommer zurückgekehrt ist. Ich drehe mich im Bett, vom Rücken auf die Seite und zurück, drehe mich und drehe mich, doch das Pieksen, das Reißen, das Rumoren bleibt aus. Wie schön ist doch dieses besondere Morgenlicht: noch ganz rein und verheißungsvoll. Ein leerer Raum, den man auffüllen kann. Ich habe keine Angst mehr vor der Leere, ich begreife sie als meine große Chance. Im Kleid gehe ich auf die Strasse, durchquere den Park barfuss, atme die weiche Sommerluft. Noch bin ich ganz allein, der Rest der Welt liegt in den Betten. Es ist still und meine weichen Schritte hallen sanft an den Häuserwänden wider. An der roten Ampel biege ich in die Allee ab, kein Auto kommt mir entgegen, ich laufe mitten auf der Strasse. Der Bäcker hat schon auf und ich kaufe drei Körnerbrötchen, die ich mir selbst verdient habe.

Rechts huscht ein Schatten vorbei, ich erkenne seinen Gang sofort. Mit fernem Blick steht er vor mir und versucht ein Grinsen. Wir schauen uns an, nach und nach wird das Grinsen zu einem Lächeln und der Blick kommt auf meinem Gesicht zur Ruhe. „Und sonst so?“ fragt er in meine Richtung und zieht an seinen Koteletten. Nichts, gar nichts. Es ist schön, ihn zu sehen. Es ist nicht mehr grausam.
„Ach, alles Ypsilon.“ kichere ich und komme mir wahnsinnig schlagfertig vor. Das war ein Insider-Insider-Witz, ein Gag von mir für mich. Damit lasse ich ihn stehen, lasse ihn hinter mir zurück und drehe mich kein einziges Mal um, ohne dass es mir besonders schwer fällt.

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4 Antworten

Kommentare

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    Hammer! Der Text hat mich derbe geflasht...respekt!

    16.02.2009, 16:23 von JamesConway
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    oohhhhhhh. Was für ein wunderschöner, atemberaubender Text. Kriegt ne Empfehlung.

    Geschrieben wie getanzt :)

    16.02.2009, 14:48 von Madame_Frosch
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    ich mag vor allem das genugtuende gefühl am ende

    sehr schön (und lang xD)

    14.09.2008, 23:47 von AnAnyAnya
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