sarahpt_ 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 38

y=mx+t

Und wieder einmal erzählt uns die Mathematik eine der traurigsten Liebesgeschichten.

Du kennst doch sicher den Moment,
Wenn dir jemand direkt entgegen kommt auf der Straße
Und ihr euch so in die Augen schaut
Aber nicht ausweicht,
Bis auf die letzte Sekunde.

Ich, ich schau dir in die Augen,
Aber wenn du zurück schaust,
Und ich diesen kleinen Blitzschlag spür,
Seh ich sofort weg,
Dreh den Kopf und mach nen Schritt zur Seite.

Ich bin nicht bereit dafür,
Dass jemand in mein Leben tritt,
Meinen Weg kreuzt,
Wie eine Tangente,
Und dann wieder verschwindet.
Für immer.

Du und ich, wir sind windschief.
Wir stehen beide im Wind schief.
Wir berühren uns nicht
Und ich lass mich einfach treiben,
Halt dich bitte nicht an mir fest, denn

Ich, ich bin eine Passante,
Ich geh an Menschen vorbei.
Ich geh meinen eigenen Weg,
Ohne Überkreuzungen oder Parallelen.
Das klingt vielleicht sehr einsam,
Aber mein Leben besteht höchstens aus Asymptoten,
Aus sich näher und näher kommen,
Aber niemals berühren.
Eine traurige Sammlung
Aus Vielleichts und Fasts
Und Konjunktiven,
Die nicht zum Präsenz werden.

Und deswegen schaue ich weg,
Schau auf den Boden,
Oder ganz einfach an dir vorbei.

Gib mir ein Kompliment
Und ich geb dir nen verunsicherten Blick.

Greif nach meiner Hand
Und ich zieh sie weg.

Schau auf meine Lippe
Und ich beiß drauf.

Ich bin eine Momente-kaputt-macherin,
Ich zerplatze Seifenblasen
Und unterbreche die Stille,
Ich mach Schatten,
Ich mach kaputt.

Warum ich das tue?

Ich denke, aus Angst.

Das erscheint mir ziemlich logisch,
In meinem kleinen verkorksten, verdrehten Kopf,
Etwas kaputt zu machen,
Bevor es sich selbst zerstört,
Oder am Ende sogar noch mich.

Ich will die Kontrolle behalten,
Und mich nicht gehen lassen.

Ich will nicht, dass du länger hinsiehst,
Aus Angst, dass du dann vielleicht Fehler entdeckst
Oder schlimmer: das siehst, was ich selber sehe.

Ich will nicht wieder ein Schloss aufsperren,
Aus Angst, dass alles dahinter dann flieht,
Und ich danach wieder ein größeres, besseres brauch.

Ich will nicht meine kleine Welt in deine Hände legen,
Aus Angst, dass du dann damit weg gehst.

So als Passante ist man eher unspannend,
Nicht mal die Mathematik kümmert sich besonders um einen,
Man wird kurz mal in der Einführung erwähnt,
Aber dann geht es eigentlich meistens nur um die Tangenten, Sekanten oder ähnliches. 
Klar, Begegnungen und Berührungen sind ja auch spannender,
Als eine Linie ohne Besonderheiten,
Die so scheinbar am Kreis des Lebens vorbeizieht,

Man kann nichts von ihr berechnen,
Weil da nichts ist, so um sie herum.
Da ist der y-Wert,
Der sich aus ihrer Steigung, dem x,
Und einem y-Achsenabschnitt ergibt.
Der ist bei ihr hier 0,
Das heißt, sie geht also durch den Ursprung,
Nur war sie da schon allein.
Und ihre Steigung bleibt immer gleich,
Es gibt keine Abweichungen,
Entweder ein stetiges Auf,
Oder ein stetiges Ab.
Irgendwo fängt sie an,
Und irgendwo hört sie auch wieder auf.
Und was dann am Schluss noch übrig bleibt,
Ist das x.

Eine Variable, die sich nicht variieren möchte,
Denn sie ist unabhängig,
Sie ist allein,
Aber sie ist auch einsam.

Und so hofft sie naiv,
Dass sie irgendwann,
Irgendwo,
Irgendwie
Mal eine Linie findet,
Mit der sie rechnen kann,
Mit sich gleich setzen
Und einen Schnittpunkt finden kann,
Der nicht nur ein Punkt ist,
Nicht nur für den Moment ist,
Sondern länger als ein Atemzug dauert,
Und eine gemeinsame Schnittmenge ist,
Ein Intervall in ihrem Leben,
Der gegen unendlich geht.

Und so hofft sie naiv
Auf eine Unmöglichkeit.

Und wieder einmal erzählt uns die Mathematik
Eine der traurigsten Liebesgeschichten.


Tags: mathematik, immer mathematik ey
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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Immer diese Mathematik! Grandios geschrieben!

    18.06.2016, 03:57 von Drittesbinom
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  • 2

    Gänsehaut pur!

    02.03.2016, 11:47 von ella_m
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  • 0

    scheiß Mathematik!

    01.03.2016, 21:01 von zuckerhorn
    • 0

      Wirklich?

      04.03.2016, 18:46 von FrankFrangible
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    • 0

      Warum?

      07.03.2016, 03:05 von PartyFreak
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Und Physik ist ihr Bruder.
      Gabs da nicht mal so einen Spruch?

      12.04.2016, 13:55 von sarahpt_
    • 0

      Im Land der Dummen muss es jede Menge Arschlöcher geben.

      02.06.2016, 14:48 von quatzat
    • 1

      Mathe ist ein Arschloch "


      Das ist sexistisch. Mathe ist eine Arschloch*IN. Soviel Zeit(un)(geist) muss sein.

      18.06.2016, 12:15 von Hattori-Hanzo
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  • 5

    Berechenbarkeit klingt häßlich, nennen wirs Planbarkeit, Vorhersehbares, Verstandenes, Wissen wies funktioniert: schafft Vertrauen. Vorteil, Sicherheit. Orientierung. (oder die wärmende Illusion davon.. manche hält drei Tage, andere 300 Jahre.) Deutsche sind da Meister, weil sie die good old Dschörman Ängst zu bezwingen haben. Überregulation, Kontrollzwang, Zweifel und Neurosen sind die eine Seite, Genauigkeit, Einfallsreichtum, Trennschärfe und Sorgfalt die andere.

    Je mehr Variablen du kennenlernst, desto geforderter deine Mitte, deine Konstante(n), die deine Werkseinstellungen mitbringen.

    Es gibt kein Ende, endlich ankommen und dann Ruhe, everything's fine for eternity

    Mathematik, wie die Liebe:
    Immer wenn man eine Lösung gefunden hat, fangen die Probleme erst richtig an.

    01.03.2016, 18:42 von schauby
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  • 6

    Mathematik ist so schön logisch aufgebaut ... ihre Formeln und Regeln gelten, man kann sie abarbeiten und kommt zu den gleichen Ergebnissen zum Anwendern der Formeln.
    sie ist wie ein toter Baum, ein relativ großer toter Baum, mit vielen Verstellungen, die immer die selben bleiben.
    Die Liebe und das Leben lassen sich aber mit einem lebendigen Baum vergleichen. Da entstehen laufend neue Verästelungen, niemand kann neue Verzweigungen genau voraussagen. Da gibt es keine Sicherheit, keine bis ins letzte Detail festgelegten Wege. Diese Tatsache mag ängstigen, oder, je nach Sichtweise auch Hoffnung machen. Kein Zustand ist für die Ewigkeit, das einzig zuverlässige ist die Veränderung. Und so kann gerade die Liebe noch so manche positive Überraschung parat haben :) Wenn man sie lässt. Schließlich kann man sich den anderen Gefühlen auch schlecht dauerhaft verweigern, würde das gelingen, wäre es der Tod.

    29.02.2016, 16:02 von Cyro
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    • 1

      oder das Leben

      04.03.2016, 18:42 von FrankFrangible
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