Elvira_Nocturna_Imperialis 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 28

Wolfgang und Karla

Karla hatte immer eine beruhigende Wirkung auf ihn.

Wolfgang begegnete Karla im Spätsommer auf dem ersten City-Fest seiner kleinen Stadt. Unter anderem trat die Kelly Family dort auf. Damals waren sie noch relativ unbekannt und verlaust. Karla stand nah an der Bühne und war ganz beseelt von Maite und ihrer Meute. Ihr zerzaustes Haar, die zerfledderten Jeans - Wolfgang war fasziniert. Sie trug ein froschfarbenes LeFrog Hemd, das mindestens drei Nummern zu groß war, die Ärmel umgekrempelt. Darunter das Faith No More 'Angel Dust' Shirt. Und rote Espandrillos. Sie sah genau so aus, wie er sich schon immer fühlte.

Er beobachtete Karla eine Weile. Sie war offensichtlich auch allein auf dem Fest. Als ihr Bierbecher sich leerte, trat er vorsichtig an sie heran und bot ihr einen vollen an. Sie nahm ihn lächelnd entgegen und steckte ihn in den leeren. Die beiden redeten nicht viel, schlenderten nach dem Kelly-Auftritt zwischen den Buden herum, aßen Schupfnudeln und tranken noch ein paar Biere. In einer stillen Gasse setzten sie sich auf einen Bordstein und steckten ihre schweren Köpfe zusammen. Wolfgang streichelte sanft Karlas Hennahände, sie küsste ihn. In dieser Nacht schliefen sie miteinander. Für beide war es das erste Mal. Ein herrliches Chaos herrschte in Karlas winziger Ein-Zimmer-Wohnung. Sie war der Ruhepol in dessen Zentrum. Wolfgang fühlte sich sofort zuhause und blieb seitdem bei Karla.

"Wolfgang?"

Wolfgang liebt nicht und hasst nicht. Wolfgang mag etwas oder eben nicht. Karla mochte er sehr. Er sagte ihr aber immer wieder, dass er sie liebe und zeigte es ihr auch. Das gehört sich in einer Partnerschaft nunmal so, davon ist er überzeugt. Was Wolfgang beispielsweise gar nicht mag, sind Blondinen und Katzen.

Er wuchs in einem Zwei-Familien-Haus auf dem Land auf. Sein Vater verließ ihn und seine Mutter kurz nach Wolfgangs Geburt. Die Mutter kam mit der Trennung nur schwer zurecht. Im Erdgeschoss lebte Hilde, eine ältere Witwe. Wolfgang mochte ihr graues Haar und ihren Geruch. Er freundete sich mit Hilde an und verbrachte viel Zeit mit ihr im Garten. Half ihr beim Blumen gießen und Unkraut zupfen.

Hilde hatte ein Herz für Streuner. Sie päppelte Igel auf, fütterte täglich die Katzen auf Bauer Mälzers Hof und kümmerte sich um das Meisenheim in der großen Birke hinter dem Haus. Wolfgang mochte Vögel, beneidete ihren Gesang und ihren Flug. Er beobachtete mit Hilde einmal, wie sich ein Fischreiher - sie brüteten im kleinen Waldstück in der Nähe - im Sturzflug einen Koi aus Nachbar Röslers Teich schnappte. Die beiden mussten so lachen, als sie Röslers verdutzten Gesichtsausdruck sahen. 

Auf der Nussbaumanrichte in Hildes Wohnzimmer befanden sich ein paar Photos. Wolfgang wollte wissen, wer denn der Mann auf ihnen ist. "Das ist Heinz, mein Ehemann." "Wo ist Heinz denn jetzt, Hilde?" "Er lebt jetzt da oben im Himmel, Wolfi. Weißt du, der liebe Gott hat seine Lebenskerze ausgepustet, damit er tief und fest schlafen kann. Und im Himmel ist er dann aufgewacht und passt jetzt von dort auf mich auf."

Hildes Katze Suse konnte er nicht ausstehen. Bei seiner ersten Begegnung mit ihr - er wollte sie nur streicheln - schlug sie ihm ihre Krallen in den Handrücken. Hilde wusch die Wunde aus und klebte ein Pflaster drüber. "Katzen kratzen, Wolfi. Du musst schon ein bisschen aufpassen. Suse lässt sich nicht gerne anfassen, wenn sie schlafen will. Am besten, du streichelst sie nur, wenn sie zu dir kommt." Und Suse kam zu ihm, als er an einem späten Nachmittag mit seinem Bonanza Rad durch die Feldmark fegte. Er hielt an und schaute sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Suse streifte mit ihrem Kopf über seine Wade. Er streichelte vorsichtig über ihren Rücken, spielte mit ihr Gott und warf sie dann ins Maisfeld. Hilde war etwas traurig, als Suse nicht wieder nach Hause kam. "Ist Suse jetzt auch im Himmel, Hilde?" "Ich glaube nicht, Wolfi. Sie ist bestimmt nur verreist und kommt bald wieder. Katzen verreisen gerne."

"Hast du mitbekommen, was ich dir eben gesagt habe, Wolfgang? Hallo?"

Wolfgang mag keine Blondinen. Überhaupt nicht. Karla ist brünett. Seine Mutter war blond. Sie starb vor drei Wochen. Kehlkopfkrebs. Zwei Schachteln Stuyvesant am Tag und der viele Amaretto waren es wohl. Wolfgang stellt sich aber gerne vor, dass er selbst den Krebs auslöste. Seine Mutter nahm manchmal etwas von Wolfgang in den Mund, was sie nicht hätte in den Mund nehmen dürfen. Sie war ja so einsam, nachdem der Vater sie verließ. Wolfgang war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Manchmal schlich sie sich nachts in sein Bett, nahm seine Hand und steckte sie dahin, wo sie nicht hätte stecken dürfen. Seine Mutter hat ihn halt sehr geliebt.

Leonie aus der 8b war auch blond. Und ein Gesichts-Hrubesch, wie der Klassenheld Frank aus Wolfgangs 8a sie bezeichnete. Er kann sich heute noch über den Gesichts-Hrubesch beömmeln. Wolfgang beneidete Franks freche Art. Er selbst war ja eher scheu.

Leonie machte sich über Wolfgang lustig, weil sie einmal einen Urinfleck auf seiner Hose entdeckte. Pisser schimpfte sie ihn seitdem, am liebsten mit viel Publikum auf dem Schulhof. Er ertrug es mit hochrotem Kopf bis die Beschimpfungen irgendwann nachließen. In den folgenden Sommerferien begegneten sich beide beim Radeln. Sie kam von der Badeanstalt und war auf dem Weg nach Hause. Wolfgang konnte sie aber überreden, eine kleine Entdeckungstour zum stillgelegten Kalksandsteinwerk mitzumachen. Das Werk war eigentlich verbarrikadiert, aber Wolfgang entdeckte bei einer früheren Erkundungstour, dass man ein defektes Rolltor so weit anheben konnte, dass ein Kind locker hindurch passte. Er war überrascht von Leonies Angstfreiheit und Begeisterung. In ihm kam ein wenig Bewunderung für sie auf. Sie begutachteten die riesigen Heizkessel und Kalksilos, öffneten die ausgeschlachteten Schaltschränke und stapften kichernd durch Sandhaufen.

Hildes Katze leistete damals mehr Gegenwehr, was Wolfgang amüsierte. Er verscharrte Leonie in einem Kabelschacht und ihr Fahrrad versteckte er in einem Gebüsch. Gefunden hat man Leonie bis heute nicht.

"Jetzt sag doch auch mal was, Wolfgang!" Unter Wolfgangs Haut fängt es an zu jucken. Was soll er denn sagen? Karla eröffnete ihm eben, dass sie sich in einen anderen verliebt hätte. Es täte ihr ja furchtbar leid, sie könne nichts dagegen tun. Sie möchte zu ihm ziehen. Die Entscheidung reifte die letzten Monate in ihr heran.

Wolfgang ist sprachlos. Zwölf Jahre im Eimer. Er gab den Unfug mit den Blondinen und den Katzen wegen ihr auf. Gut, die ein oder andere vierbeinige Kratzbürste hatte Wolfgang während ihrer Beziehung schon mal mitgenommen, wenn sie sich waghalsig vor seine Autoreifen schmiss. Da konnte er aber natürlich nichts für.

Im Herbst des letzten Jahres musste Wolfgang wegen Rückenproblemen - er zog sich bei einem Leitersturz einen Lendenwirbelbruch zu - zur Reha nach Bad Pyrmont. Er genoss die Behandlungen wie Wassergymnastik oder Massagen, mochte die Ruhe auf seinem Einzelzimmer. Die ersten beiden Wochen verliefen erholsam und entspannend, doch dann bekam die Versehrtengemeinschaft im Brunswiek Zuwachs in Form von Anja, einer blondierten Mittvierzigerin. Und die machte Wolfgang ihre Kurschattenambitionen sofort deutlich. Sie saßen sich zu den Mahlzeiten gegenüber, nur durch zwei Tischreihen getrennt. Lippenleckend und Handküsschen werfend machte Anja ihm Avancen. In Wolfgang brodelte es. Er entschied sich aber, ihr keine Beachtung zu schenken. Bis zum 'Goldenen Sonntag' im Park. Er wollte in Ruhe sein Bierchen trinken und einer Jazzkapelle zuhören, da schlich sich Anja von hinten an ihn heran, kniff ihn in den Hintern und rieb mit einer Hand über seine Brust. Das war zuviel für ihn. Sie würde dran glauben müssen, das war ihm klar. Er sammelte sich, drehte sich zu ihr um und bot ihr an, sich im Schlossgarten ein stilles Plätzchen zum Rummachen zu suchen. Sie wollten gerade los, da rief Karla an. Sagte ihm, wie sehr sie ihn vermisse und liebe. Das war es dann mit den mörderischen Gedanken. Wolfgang ließ Anja kalt stehen und ging auf sein Zimmer.

Karla hatte immer eine beruhigende Wirkung auf ihn. Er fühlte sich mit ihr frei und sicher. Es war doch alles gut. Es gab fast nie Streit.

"Wolfg..." Er schaut Karla endlich bewusst an und spürt die Äderchen in ihren Wangen platzen. Karlas erschrockene Augen füllen sich mit Blut. Ein leises Zischeln entweicht ihrem schönen Mund, dann ist ihre Lebenskerze erloschen. Wolfgang lässt zitternd von ihrem Hals ab. Schaut seine tote Freundin eine Weile an, bis sie ihn wieder beruhigt hat. Er atmet tief durch und fasst sich in seinen Schritt. Feucht. Wolfgang mochte Karla sehr.

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48 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Frech, Grotesk und Schroff mit Stil...liest man auch nicht alle Tage soviel, finde aber diesen Hauch von Dark Gothic wieder in den verborgenen Zeilen, die man sich in deinem visuellen Schreibtypus erschließen kann, von einer frechen Feder abgetippt,- sehr nice und viel mit wenig, jedoch das groteskhafte schön abgekippt, deswegen auch ein sehr freundliches Like jetzt hierfür mit angeklickt. Authentisch bis hin zum surrealistischem mit Tod, so ist doch das Zeichen der Liebe in Rot, meistens wild und unbeugsam, so wird aber es zweisam und nicht verbleiben im einsam. Gebrochen ist der Schimmer im polarem zwischen Minus und Plus, als gutes Stilelement ruhig und entspannt wirkend für den Leser,- an Hand der schroffen Art für ein weiter verbleib mit der Liebe im Gemeinsam...:-)

    01.09.2016, 18:22 von mr.notice
    • 1

      :D Was ein Kommentar! Danke!

      01.09.2016, 18:30 von Elvira_Nocturna_Imperialis
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Da musst du dich ein bisschen verlesen haben. Ich schrob, dass Karla ihn vermisst und liebt. 


      Nein, die sprachliche Schlichtheit ergab sich einfach so. 

      Die Tötung Karlas geschieht im Affekt, daher das schnelle Ende. Ich finde es okay, wie es ist. 

      Über Klischees mache ich mir keine Gedanken. Verwende den Begriff auch nicht. Ist aber in Ordnung, wenn man es so auffasst. 

      04.08.2016, 20:11 von Elvira_Nocturna_Imperialis
  • 1

    Ein Krampf, das zu lesen. Musste hart überfliegen.

    02.08.2016, 00:53 von An_Alle
    • 1

      War auch krampfig, das zu schreiben.

      02.08.2016, 01:16 von Elvira_Nocturna_Imperialis
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  • 0

    Eine sehr außergewöhnliche Geschichte, liest sich aber sehr gut.

    Der letzte Teil mit der Reha wurde nachträglich hinzugefügt oder?
    Die alte Version hat mir persönlich besser gefallen.

    08.07.2016, 23:10 von airotkiv
    • 0

      Danke dir. Stimmt, den Abschnitt habe ich wieder eingefügt. Naja, bin etwas zufriedener mit Text in dieser Version. Es ist ja so, wie JackBlack weiter unten meinte. Eine Schreibübung. Ist meine erste "Geschichte", verfasse sonst eher kurze Sachen. 

      09.07.2016, 14:33 von Elvira_Nocturna_Imperialis
    • 1

      Kompositorisch gesehen ist Anja ein Gewinn.

      02.08.2016, 23:34 von alter_hund
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Nicely written!

    30.06.2016, 12:28 von ajlondon
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  • 0

    Nicely written!

    30.06.2016, 12:28 von ajlondon
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  • 1

    Schon etwas morbide, v.a. das Finale. Aber nett geschrieben.

    29.06.2016, 22:23 von Justus
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  • 0

    Etwas bemüht. Menschliche Abgründe in romantisierendem Sprachkleid.

    29.06.2016, 16:38 von EC_Lino
    • 4

      Danke Lino.

      29.06.2016, 16:52 von Fin_Fang_Foom
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  • 3

    Ich kenne mich mit Schreibstil und wie man etwas richtig aufbaut usw. nicht aus, ich kann dir aber sagen, dass ich es sehr gut lesen konnte. Ich finde es auch angenehm, dass ich nicht zwischen den Zeilen lesen musste. Alles auf eine sanfte Art sehr schockierend. 


    29.06.2016, 12:06 von PINKmitGlitzer
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