Wo ist eigentlich die Leichtigkeit hin?
"Irgendwann merkt man vielleicht, dass das Leben nicht nur aus Unverbindlichkeiten besteht.?
."Hast du Angst?"
"Angst?"
"Angst, keinen mehr zu abzubekommen."
Ich blickte Anna nachdenklich an. "Weiß nicht", sagte ich, obwohl ich sehr wohl wusste.
Es war dämmrig geworden und eigentlich zu kalt, um noch länger draußen zu sitzen. Aber Anna schien der Meinung zu sein, dass dieses Gespräch genau jetzt und auf diesem Balkon stattzufinden hatte. Also zog ich meine Beine an den Körper, so gut das eben ging auf dem wackeligen Klappstuhl, und schaute über die Baumkronen und Häuserdächer gegenüber.
Anna ließ mir Zeit. Sie ließ mir immer Zeit, wenn sie eine dieser Fragen gestellt hatte. Sie war diejenige, die sie aussprach, damit ich sie mir endlich selbst stellen konnte. Manchmal glaubte ich, dass das der Sinn unserer Freundschaft war.
"Irgendwie schon", antwortete ich schließlich. "Klingt nach Torschlusspanik. Mit 27. Ziemlich lächerlich, oder?" Ich schüttelte den Kopf und versuchte ein sarkastisches Lachen, aber es klang falsch und zu laut.
"Manchmal denke ich, dass alle Guten schon weg sind. Sie sind ja auch schon 10, 15 Jahre beziehungsreif - genug Zeit, sich ernten zu lassen. Was jetzt noch übrig ist, ist Fallobst, das nicht mal zum Verkauf im Hofladen taugt, obwohl die Kunden dort kleine Makel noch als Beleg für Authentizität zu schätzen wissen.
Mal ehrlich: Wer bleibt denn noch, wenn ich aus meinem Bekanntenkreis alle Vergebenen streiche und alle Schwulen, alle Exfreunde und Exaffären, alle, von denen ich zu viel weiß, und alle, von denen es nichts zu wissen gibt, und alle, die noch bei Mutti wohnen? Dann bleiben höchstens noch ein paar latent-verzweifelte Kumpeltypen, die beim DVD-Abend allen Ernstes einen Disneyfilm mitbringen, und wenn sie das Wort 'lecken' benutzen, ist meine einzige Assoziation 'Briefmarke'."
Ich musste ein wenig schmunzeln, aber falls Anna das gleiche Bedürfnis verspürte, hatte sie es gut unter Kontrolle. Ihre Miene blieb ernst und mir wurde klar, dass sie vorhatte, dies zu einem ernsten Gespräch werden zu lassen. Ich fügte mich.
"Vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch?"
"Was sind denn deine Ansprüche?" fragte Anna zurück und schenkte neuen Wein in mein Glas.
Ich hätte irgendetwas Poetisches sagen können. 'Lachfalten und ein wenig Mut. Mehr braucht es nicht.' oder etwas in der Art. Aber wir wissen alle, dass das Leben nicht viel Platz lässt für Poesie. Also sagte ich lieber nichts, denn alles, was mir sonst einfiel, waren abgedroschene Plattitüden aus Frauenzeitschriften. Und die nicht besonders kurze Liste, die ich mal an einem verregneten Sonntagabend nach dem Konsum einer dieser unsäglichen Liebesschmonzetten angefertigt hatte, erwähnte ich lieber gar nicht erst, da ich ohnehin wusste, welche Reaktion ich darauf zu erwarten hatte.
"Es würde ja schon reichen, wenn die Kerle nicht so auf ihre Freiheit und ein möglichst geringes Maß an Verantwortung bedacht wären. Den nächsten, der mir mit 'Also, eine Beziehung möchte ich eigentlich nicht, aber wir können doch ein bisschen Spaß zusammen haben.' kommt, werde ich mit seiner perfekt sitzenden Diesel-Jeans erdrosseln, bis ihm sein perfekt sitzendes Aufreißergrinsen aus dem Gesicht fällt."
"Ich darf dich daran erinnern, dass du beim letzten Mal, als du Gelegenheit dazu gehabt hättest, die perfekt sitzenden Jeans mit den Worten 'Oh, das ist schon okay für mich.' neben deinen BH auf den Schlafzimmerboden geworfen hast", feixte Anna.
"War klar, dass du damit kommst. Mein Gott, ich dachte ja auch, dass es okay wäre! Und wenn man nach monatelanger Abstinenz, nur durchbrochen von zwei überaus mittelmäßigen One night stands, in die heißeste Knutscherei seit keine-Ahnung-wann verwickelt ist, dann ist man eben auch als Frau machtlos gegen die niederen Instinkte."
Wütend trank ich mein Glas aus. Ich hätte es gerne auf den Tisch geknallt, aber da ich ein Talent dafür hatte, Dinge bei solchen effektheischerischen Aktionen zu demolieren, und ich darüber hinaus wusste, wie unanständig teuer die Gläser gewesen waren, ließ ich es bleiben.
"Ich glaube, dass wir uns die Männer verderben mit diesen unverbindlichen Geschichten. Wir bieten ihnen Sex, Nähe, vielleicht auch noch ein paar nette Stunden im Restaurant oder Kino, und an besonders guten Tagen analysieren wir für sie sogar noch die Komplikationen ihrer letzten Beziehung. Gleichzeitig fordern wir nicht mehr ein, kein Kümmern, keine Rücksichtnahme, keine Verpflichtungen. Ganz ehrlich: Wenn ich das als Mann mal geboten bekommen hätte, würde ich mir das auch immer wieder suchen.
Aber irgendwann merkt man vielleicht, dass das Leben nicht nur aus Unverbindlichkeiten besteht."
"Also keine Affären mehr, sondern etwas ernstes."
"Das klingt so nach Vernunftehe, aber ja: etwas ernstes. Eine Beziehung eben. Aber wenn man dieses Wort nur ausspricht, rennen 80% der Männer schon panisch davon." Ich rollte mit den Augen.
"...weil ein Mann nicht zu unrecht denkt, dass 'Beziehung' für eine Frau Ende 20 etwas mit Familiengründung und solchen Dingen zu tun hat. Und egal, ob man sich das im Allgemeinen oder mit dieser Frau im Speziellen noch nicht vorstellen kann, ist das durchaus ein Grund, einen Rückzieher zu machen, bevor man sich unversehens mit einem Makler im Garten eines Reihenhäuschens stehend wieder findet."
Ich seufzte: "Darum geht es doch gar nicht."
Anna zog eine Augenbraue hoch. Früher hatte sie das nicht gekonnt, aber sie hatte es sich irgendwie antrainiert und nun machte sie es bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Eine einfache Geste, und sie erreichte ohne viele Worte den gewünschten Effekt, nämlich dass ich zugab, die Nachnamen potentieller Partner schon einmal auf die Verträglichkeit mit meinen favorisierten Kindernamen hin überprüft zu haben.
Danach schwiegen wir. Anna genoss es, mir vor Augen geführt zu haben, dass ich mehr von einem hysterischen Weibchen mit Nestbautrieb hatte, als ich mir eingestehen wollte. Und ich fühlte mich wieder einmal wie ein dummes, kleines Mädchen.
Ich schielte zu ihr hinüber.
Wir waren grundverschieden. Manchmal wunderte ich mich, wie es überhaupt zu unserer Freundschaft gekommen war. Wir teilten nichts außer einer Vorliebe für Schokotoffees und Gedichte von Poe. Aber das hatte für den Anfang gereicht und alles andere war mit der Zeit gewachsen.
Die Gänsehaut auf meinen Armen war mittlerweile schmerzhaft geworden. Ich wollte endlich ins Warme zurück, aber Anna machte keine Anstalten, das Gespräch für beendet zu erklären. Mir kam der Gedanke, dass sie alles so inszeniert hatte, um mir durch diese subtile Foltermaßnahme solche peinlichen Geständnissen zu entlocken. Dafür sprach, dass sie einen Pullover trug, obwohl noch trägertoptaugliche Temperaturen geherrscht hatten, als wir uns nach draußen gesetzt hatten.
?Durchtriebenes Stück!? dachte ich mir und musste grinsen. Ich hoffte, dass Anna es nicht bemerkte, und knüpfte wieder an die letzten Überlegungen an:
"Wo ist eigentlich die Leichtigkeit hin? Die Leichtigkeit, die wir noch vor 10 Jahren hatten, als wir es, ohne mit der Wimper zu zucken, mit dem süßen Kerl aus dem Französischkurs einfach mal probiert haben. Man hat sich im Unterricht Zettelchen geschickt, sich nachmittags mal getroffen, auf einer Party rumgeknutscht und dann war man eben zusammen."
"Das war keine Leichtigkeit, das war Naivität", stellte Anna fest.
Nachdenklich spielte ich an meinem Ohrring.
"Nein", sagte ich dann kopfschüttelnd, "das war keine Naivität. Wer hat denn im Ernst schon geglaubt, dass diese Jugendgeschichten zur einzigen Liebe des Lebens werden? Man war vielleicht etwas blauäugig, aber nicht so naiv zu denken, dass es perfekt werden und für immer halten würde. Dennoch war da diese Leichtigkeit. Eine Mischung aus Neugier, weniger hoch gesteckten Erwartungen und einer Portion Mut."
"Und mangelnde Erfahrung", sagte Anna. "Damals war die größte Enttäuschung, die man je erlitten hatte, das nicht-geschenkte Kaninchen zu Weihnachten. Mit 15 hat man den ganzen Liebesmist eben noch nicht erlebt, ist noch nicht betrogen und verlassen worden, hat noch nie alles gegeben, nur um alles zu verlieren, stand noch nie vor den Trümmern einer bis ins Detail ausgearbeiteten gemeinsamen Zukunft. Aber mittlerweile hat man das alles schon mal durchgemacht und will diese Erfahrungen um keine Preis wiederholen. Du kannst mir nicht erzählen, dass du dich davon losmachen könntest."
"Okay, das kann ich vielleicht nicht ganz. Aber wer will schon verletzt werden?"
"Weißt du, was dein Problem ist?" sagte Anna.
Ich starrte sie an und wartete, während sie ihr Glas leerte und dann auch noch die Dreistigkeit besaß, es wieder aufzufüllen und in aller Ruhe zwei weitere genüssliche Schlucke zu trinken. Sie liebte es, diese triumphalen Momente auszukosten; Sie tat dann immer so, als wäre sie im Begriff, die Weltformel zu verkünden.
Ich hasste sie dafür. Ich hasste sie dafür, dass sie gleich das Bild, das ich mir mühsam aufrecht erhielt, einreißen würde. Ich hasste sie vor allem deshalb, weil ich wusste, dass sie die Wahrheit sagen würde.
"Du redest immer von Mut, aber in Wirklichkeit hast du unglaublich viel Schiss. Du willst, dass sich jemand auf dich einlässt, aber du bist selbst nicht bereit dazu. Du verguckst dich in Typen, von denen du weißt, dass sie nichts von dir wollen. Aber wenn da mal jemand ist, der Interesse an dir hat, findest immer etwas an ihm auszusetzen. Wenn du mal ehrlich zu dir wärst, wüsstest du selbst, dass rote Socken oder eine Pur-CD im Regal nicht entscheidend sind.
Du denkst, du hast Angst es zu riskieren, weil es nicht passen könnte? In Wirklichkeit hast du Schiss, weil es passen könnte und die Enttäuschung dann noch größer wäre, wenn es irgendwann vorbei ist.
Du suchst nach dem großen Gefühl, aber vor lauter Angst davor, kannst du nicht mal das kleine zulassen."
"Was heißt zulassen. Entweder verliebe ich mich halt oder nicht", wendete ich trotzig ein.
"Du klammerst dich an die Vorstellung vom idealen Beginn, und denkst, das wäre der Garant für eine perfekte weitere Laufbahn. Du erwartest den völligen Verliebtheitsoverkill schon beim ersten Treffen, neben Attraktivität und Gesprächsstoff und anderen Selbstverständlichkeiten. Auf beiden Seiten, versteht sich. Wie wahrscheinlich ist das wohl, hm? Und vor allem gibt dir das auch keine Sicherheit. Ob es auf Dauer funktioniert, hängt von vielen Faktoren ab, doch am wenigsten vom Gefühlsflash beim ersten Date.
Es gibt keine Garantien in der Liebe, weder durch Gemeinsamkeiten, noch durch Unterschiede, noch durch Dauer. Liebe ist und bleibt ein Risiko."
Anna stand auf und ging nach drinnen. Wenn dies Hollywood wäre, würde sie das tun, um mich zu zwingen, über das Gesagte nachzudenken. In Wirklichkeit musste sie vermutlich nur auf die Toilette, aber ich hakte auch nicht weiter nach, als sie zurückkam.
Ich drehte meinen Ohrring zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, während sie wieder ihren Platz einnahm.
"Ach verdammt, ich will doch einfach mal wieder mit jemandem glücklich sein. Ich will nicht noch länger rumsuchen müssen, Zeit und Mühe in eine Sache nach der anderen stecken, nur um sie den Bach runter gehen zu sehen, bevor sie richtig angefangen hat. Ich merke, dass ich mir selbst verbiete, mir Hoffnungen zu machen, weil sie enttäuscht werden könnten, und doch wünsche ich mir nur das: Hoffnung auf mehr. Ich will es ja versuchen, aber mit dem sicheren Gefühl, dass es mehr ist als nur ein weiterer Versuch. Meinst du, das ist zu viel verlangt?"
Ich blickte sie erwartungsvoll an. Anna ließ einige Sekunden verstreichen, bevor sie sich dazu entschloss, etwas zu erwidern:
"Würdest du bitte aufhören, ständig an deinem Ohrring rumzufummeln. Das macht mich wahnsinnig."





Kommentare
hmmmm.... ich weiß nicht....
06.08.2010, 15:25 von highwaymanBesser als jede Folge von Sex and the City!
27.06.2010, 00:30 von MadameHildeAber mich würde interessieren, ob in der fiktiven Geschichte nich doch ein bisschen von der Erfahrungen der wahren Erzählerin steckt?;-)
Liebe Grüße und weiter so!
@MadameHilde Ich hasse Sex and the City, aber ich nehme an, der Kommentar war als Kompliment gemeint ;-)
27.06.2010, 10:59 von dasLaechelnIn der Ich-Erzählerin, aber auch in Anna, steckt natürlich etwas von mir, aber auch von (z.T. männlichen!) Freunden.
jetzt weiß ich wieder, warum ich die neon nicht mehr lese..
25.06.2010, 12:49 von gluecklich21"Ich glaube, dass wir uns die Männer verderben mit diesen unverbindlichen Geschichten. Wir bieten ihnen Sex, Nähe, vielleicht auch noch ein paar nette Stunden im Restaurant oder Kino, und an besonders guten Tagen analysieren wir für sie sogar noch die Komplikationen ihrer letzten Beziehung. Gleichzeitig fordern wir nicht mehr ein, kein Kümmern, keine Rücksichtnahme, keine Verpflichtungen. Ganz ehrlich: Wenn ich das als Mann mal geboten bekommen hätte, würde ich mir das auch immer wieder suchen.
24.06.2010, 22:33 von CarinchenCarbonAber irgendwann merkt man vielleicht, dass das Leben nicht nur aus Unverbindlichkeiten besteht."
Besser kann man es nicht umschreiben! Die Wahrheit auf den Punkt mit bzw. aus den Augen einer Frau!
Wunderbarer Text mit sehr viel Ich-finde-mich-wieder-Gefühl und genug Leichtigkeit um das Thema mit einem Lächeln zu sehen...
Gefällt mir sehr :)
@CarinchenCarbon Danke schön :-)
25.06.2010, 16:06 von dasLaechelnnetter text :) ... und die hoffnung stirbt eh zuletzt...!
23.06.2010, 00:26 von stylistberlinIch mag solche Gespräche.
21.06.2010, 21:22 von LilCookieDer Text fesselt :)
Schön wenn man solche Freunde hat mit denen man soche Gespräche führen kann.
@[Benutzer gelöscht] LOL man man man
23.06.2010, 00:27 von stylistberlinDanke für den Artikel!Alles sehr gut nachvollziehbar und authentisch!!!!
21.06.2010, 18:43 von missninaWunderbar!
21.06.2010, 14:15 von no_steady_homeDie Jeans, der nicht vorhandene Mut und die Erwartung auf Verliebtheitsoverkill. Leider ist es so.
Danke für den tollen Text.