Wisch die grüne Farbe ab!
„Ach wenn ich nur Dein Leben hätte…“, sagte Kalim. „Na gut, lass uns tauschen“, sagte ich.
„Hach ja“, seufzte Kalim und setzte ein weiteres mal seine Bierflasche an, obwohl diese schon lange leer war. „Wenn ich nur Dein Leben hätte...“ Sein Finger zog endlose Kreise über das obere Ende des Flaschenhalses. „Na ja.“ Wieder ein Seufzer. „Müßig darüber nachzudenken.“ Ein Lächeln erschien und für einen kurzen Moment reckte sich sein Körper, als wäre Hoffnung in ihn gefahren. Dann sank er wieder zusammen. Die grüne Farbe in seinem Gesicht macht es mir schwer seine Schönheit und meine Liebe zu erkennen.
Als ich Kalim kennenlernte, war seine Haut noch beige, klar und rein. Im Sommer verfärbte sie sich leicht braun, roch nach Sonne und lies seine weißen Zähne strahlen. Das erste Grün in seinem Gesicht entdeckte ich noch in unserem ersten Jahr. Ich kam von der Arbeit nach Hause und erzählte ihm von der neuen Aufgabe und der Aussicht auf noch mehr neue Aufgaben. Kalim ging wortlos ins Bad und malte sich zwei grüne Streifen auf jede seiner Wangen. Der gekaufte Sekt blieb noch mehrere Tage in der Einkaufstüte im Flur liegen und wir gingen wortlos ins Bett. Am nächsten Morgen hatte sich das Grün von Kalims Gesicht in die Bettbezüge verwischt und als ich das kleine Töpfchen Farbe im Badezimmerschrank entdeckte, warf ich es einfach in den Müll. Doch ein paar Wochen später kaufte Kalim neue Farbe und malte sich dieses Mal gleich vier Streifen auf jede seiner Wangen und direkt über die Nase einen großen grünen Punkt. „Wenn ich nur Dein Leben hätte...“ Niemals brachte er den Satz zu Ende.
An diesem Abend war sein komplettes Gesicht mit grüner Farbe vollgeschmiert und ich war mir sicher, dass er sich die Glatze nur rasiert hatte, um auch seinen Hinterkopf bemalen zu können. Er seufzte noch einmal und blickte mich an. „Na gut“, sagte ich und nippte vor dem Ende des Satzes noch einmal zur Beruhigung an meinem Gin Tonic. „Wisch Dir die grüne Farbe ab! Wir tauschen. Du bekommst mein Leben und ich nehm’ Deins.“ Er lächelte wie ein kleines Kind, das nun endlich nach all den Jahren des Wartens ein Fahrrad bekommt. „Und dann trennen wir uns, Kalim!“, schob ich hinterher. Noch immer grinste mir die Fratze des Glücklichen entgegen und ich war ein bisschen betrübt über seinen fehlenden Einspruch.
Noch am selben Abend holte ich all meine Sachen aus seiner Wohnung, packte sein Leben vorsichtig in meine Reisetasche zu der Zahnbürste und einigen Büchern und gab Kalim und meinem alten Leben, die es sich gemeinsam bereits auf dem Sofa gemütlich gemacht hatten, einen Abschiedskuss. In meiner Wohnung setze ich Kalims Leben erst einmal in die Wanne, schäumte es von oben bis unten vorsichtig ein und duschte es mit lauwarmem Wasser ebenso vorsichtig ab. Wie ein kleines Baby tupfte ich es trocken, cremte die schuppigen Stellen mit Bodylotion ein und wickelte das kleine erschöpfte Ding in ein Handtuch bevor ich es in mein Bett trug. Ich selbst schlief auf dem Sofa. Ich kannte zwar Kalims Leben gut, aber so gut nun auch wieder nicht.
Am nächsten Morgen brachte ich Kalims Leben Frühstück ans Bett und bemerkte zu meiner Freude, dass es schon viel besser und kräftiger aussah. „Aber sicher ist sicher“, dachte ich mir und packte das kleine Ding nachdem es aufgegessen und ein kleines Verdauungsschläfchen gehalten hatte, in meinen Fahrradkorb und radelte mit ihm zur Werkstatt. „Uiuiuiuiuiui“, sagte der dicke Mann mit der blauen Latzhose. „Da ist aber mehr als nur ein Ölwechsel nötig.“ Er kratze sich am Kopf und überschlug schon mal in Gedanken die Kosten. „Nicht so laut!“, zischte ich. „Ich will es nicht verschrecken oder entmutigen.“ Als er mir den Kostenvoranschlag unter die Nase hielt, musste ich kräftig schlucken. So viel Geld konnte ich nicht mal ansatzweise auf einmal aufbringen. „Können wir es auch nach und nach machen?“ Der Meister zeigte sich einverstanden und unterzog Kalims Leben einem Ölwechsel - soviel Geld hatte ich noch dabei.
Die nächsten Wochen verbrachte Kalims Leben in meinem Bett oder auf dem Balkon, um frische Luft zu schnappen. Ich sparte jeden Cent, hörte auf Schokolade zu essen und untersagte mir fast jeden verzichtbaren Luxus, um genügend Geld für die Reparaturarbeiten zusammen zu kratzen. Auf unserer vierten Fahrt zur Werkstatt war Kalims Leben schon so kräftig, dass es statt im Körbchen auf dem Gepäckträger Platz nahm und laut „Ich steh auf der Brücke und spuck in den Kahn“ sang. Ich entschied, dass es Zeit war, es in meinen Freundeskreis einzuführen. An einem Samstag badete ich es besonders gründlich, deckte die letzten verbliebenen Pickelchen mit einem Abdeckstift ab und wir liefen zu Karins Einweihungsfeier gleich um die Ecke.
„Was ist das?“, fragte Karin überrascht als sie uns die Tür öffnete. „Darf ich vorstellen“, sagte ich etwas zu übertrieben feierlich. „Mein neues Leben.“ Ich lächelte. Zum ersten Mal hatte ich MEIN Leben gesagt und aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass mein neues Leben ebenso überrascht und glücklich über diese Formulierung war wie ich. Leicht angetrunken und selig mit der Welt kehrten wir Hand in Hand erst am frühen Morgen nach Hause. Ich nahm mein Bettzeug vom Sofa und schlief fortan mit meinem neuen Leben gemeinsam im Bett.
Zwei Jahre vergingen. Mein neues Leben und ich zogen in eine neue, größere Wohnung, ich nahm einen neuen Job an und immer häufiger schliefen wir nun zu dritt in meinem Bett: Ich, mein neues Leben und Thomas. Kalim traf ich in einer warmen Sommernacht wieder. Obwohl die Welt in dieser Zeit nur draußen tobte, hockte er drinnen am Tresen in ein Bar. Ich hätte ihn gar nicht gesehen, hätte ich nicht unbedingt noch Kippen holen wollen. „Hey“, sagte er mit müder Stimme, als er mich endlich bemerkte. Sein Finger zog endlose Kreise um den Hals der Bierflasche, die wohl seit geraumer Zeit schon leer war. „Wie geht’s Dir?“ Ich erzählte ein wenig und sparte besondere Glücksmomente und Thomas einfach aus. „Ihr seht toll aus“, sagte Kalim als mein neues Leben zur Tür eintrat und sich neben mich stellte. „Ich wollte wissen wo Du bleibst“, flüsterte es mir zu und bedachte Kalim mit einem etwas unbeholfenen „Hi, lange nicht mehr gesehen.“ Erst jetzt bemerkte ich die Maske in Kalims Gesicht. Statt der Farbe schien er nun eine zweite Haut aus grünem Silikon zu tragen, die seinen gesamten Kopf umgab und auch am Rande des T-Shirts nicht zu enden schien. Plötzlich tauchte hinter ihm eine Gestalt aus der Dunkelheit auf und zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass es mein altes Leben war. Grau und träge sah es aus, aufgedunsen und schäbig. Es lächelte mich müde und traurig an, so als wollte es sagen „Lass mich nicht hier! Nimm mich mit!“
„Ja Mensch, wirklich toll seht ihr aus“, wiederholte Kalim noch einmal und versuchte einen gefassten Eindruck zu machen. Es gelang ihm nicht. „Hach ja“, seufzte er. „Wenn ich nur Dein Leben hätte...“ Wieder beendete er den Satz nicht und setzte stattdessen die Bierflasche an. Mitten in der Bewegung hielt er inne und wendete sich mir zu. „Meinst Du, wir könnten noch mal tauschen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Kalim. Wir hätten damals teilen können. Aber Du wolltest unbedingt tauschen. Du hattest Deine Chance.“ Dann drehte ich mich um, vergaß die Kippen und ging zum Ausgang. Bevor ich ins Freie trat, ging ich noch ein letztes Mal zurück, ignorierte Kalims hoffnungsvollen Blick und streichelte stattdessen meinem alten Leben über den Kopf. „Ich werde Dich nie vergessen“, flüsterte ich in sein Ohr und lief in die Nacht hinaus.





Kommentare
very schick!
04.05.2009, 15:47 von sophietrauerschön!
24.03.2009, 19:45 von IamTheMovieUnd ich versteh ihn nicht. Mist.
19.03.2009, 07:38 von Dunnaghalso: Warum grüne Farbe?
Und wer war/ist Kalim? Ein Ex? Aber man trennt sich doch nicht nur, weil er neidisch auf Dein Leben war. Man trennt sich vielleicht, weil er lethargisch und träge ist.
hmm...
@Dunnagh öhmm... ich verstehs auch nich. es ist sehr sehr schön geschrieben, aber ...... bin ich zu dumm? :(
20.03.2009, 11:26 von AloisiaWirklich toll!!!
18.03.2009, 18:35 von Buecherdiebingenial :)
17.03.2009, 00:00 von pirliegrün ist trotzdem meine lieblingsfarbe ;)
16.03.2009, 19:00 von AnnaEckeWow, gute Idee, feiner Text. Gefällt mir.
16.03.2009, 17:01 von Maibowle