mondscheingeschrei 25.05.2012, 09:01 Uhr 5 7

wir? ich. du.

“Wars das jetzt?”, fragst du mich. Unter deinen Augen hat sich der Staub vergangener Tage abgesetzt und dein Atem riecht nach Alkohol.

“Wars das jetzt?”, fragst du mich. Unter deinen Augen hat sich der Staub vergangener Tage abgesetzt und dein Atem riecht nach Alkohol. Man sieht dir an, dass du nichts mehr isst. Man sieht dir an, dass es dir nicht gut geht. Man sieht es, übersieht es aber lieber. Man erkennt nur das lachende Mädchen, das auf die Frage “Pimpern?” mit gezücktem Mittelfinger antwortet. Die Frage steht zwischen uns und langsam zieht das Schweigen eine unüberwindbare Mauer vor uns hoch. Ich stehe einfach da. Drohe zu fallen, versuche verzweifelt mit rudernden Armen im Leben Halt zu finden, während deine Frage mir Löcher in den Bauch nagt, aus dem langsam das Blut rinnt. Ich stehe einfach da. Gelähmt. Ich beobachte, alles um mich herum scheint sich in Zeitlupe zu bewegen. Die Erde scheint die Luft anzuhalten, um meine Antwort nicht zu verpassen. Eine Antwort auf eine Frage, die ich nie habe aufkommen lassen wollen. Eine Frage, die mir den Boden unter den Füßen wegzerrt und mich jetzt hier stehen lässt. Reglos. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als meine Finger bereits  beginnen sich zu Symphonien der Trauer zu bewegen. Ich kann dir nicht mehr zuhören. Verschließe mich innerlich. Möchte schreien, singen, lachen, kreischen, um das zu übertönen, das jetzt sicher bald kommen wird. Dieser eine Satz, der mehr zerstört als alles andere: Lass uns Freunde bleiben. Lass uns Freunde bleiben. Freunde. Wie kann aus Liebe Freundschaft wachsen? Wird aus einem schönen Schwan doch irgendwann wieder ein kleines hässliches Entlein? Ich habe aber Angst vor Schwänen, denke ich und schweife ab. Du wartest. Auf was, weiß ich nicht. Ich möchte ex- und implodieren. Meine  Asche soll vom Wind, der mir den Pony ins Gesicht weht und meine Sicht verschleiert, fortgetragen werden. So als hätte ich nie existiert. Es wäre vielleicht einfacher. Du müsstest nicht warten, während ich mich in Melodien der Hoffnung auf ein Happy End verliere und vergesse, dass du hier stehst und immer noch wartest. Ich kann dir nicht antworten. Will dir nicht antworten. Habe keine Kraft dazu. Mein Hals kratzt. Ich muss würgen. Die Galle steigt mir meine Kehle hinauf und vermischt sich mit dem Salz der Tränen, die mein Gesicht hinabgleiten, während ich mich umdrehe und beginne zu rennen. Stumm. Einfach weg. Ich möchte Flüsse durchdringen. Vergessen. Meinen Kummer. Vergessen. Die Erinnerungen an deine Stimme. Vergessen. Die Erinnerungen an dich. Sicher vergraben, um sie irgendwann einmal ausgraben zu könnnen und zu wissen: Ich war dir wichtig. Ich bin dir wichtig. Nein ich  bin verwirrt. Nein ich möchte nicht. Nein. Egal wo ich mich drehe und wende du starrst aus jeder Ecke und schreist stumm nach einer Antwort. Aber ich verschließe Türen, Augen und Ohren. Und ertrinke. In mir selbst. In meinem Wunsch alles gut werden zu lassen, in meinem Wunsch dich glücklich zu machen. Dich glücklich zu sehen. Aus einem Wir soll also wieder ein Ich und ein Du werden? Einfach so. Einfach so soll alles anders werden. Einfach so, soll ich dich plötzlich hassen, weil das so von mir verlangt wird. Einfach so, soll der Kontakt abbrechen. Einfach so soll ich nicht mehr sagen dürfen wie viel du mir bedeutest. Einfach so, darf ich dir keine Gute Nacht mehr wünschen. Einfach so, keine Mitternachts- ihc in betrunkn aebr liebe dch-SMS mehr versenden. Einfach so. Von jetzt auf morgen. Aber scheiß auf das, was normal ist. Scheiß doch auf das, was besser für mich ist. Scheiß doch auf das, das andere denken. Scheiß doch auf diesen beschissenen Konjunktiv.

Mein Kopf möchte zerbrechen. Mein Gehirn sich aus der Zwangsjacke der Gedanken befreien. Plötzlich weiß ich was richtig ist und ich renne und renne. Ich renne und bekomme kaum Luft. Ich renne so schnell ich kann. Japse nach Luft, die meine Lunge schmerzhaft wie mit Messerstichen füllt. Ich stolpere, falle, stehe aber wieder auf. Renne weiter. Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Ich renne. Zu dir.

Aber du stehst nicht mehr da. Du bist weg. Einfach gegangen. Und so ist es der Wind, der mein geschrieenes “ICH LIEBE DICH!” hoffentlich noch rechtzeitig zu dir trägt.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "Aber ich verschließe Türen, Augen und Ohren. Und ertrinke. In mir
    selbst. In meinem Wunsch alles gut werden zu lassen, in meinem Wunsch
    dich glücklich zu machen. Dich glücklich zu sehen."

    Wunderbar auf den Punkt gebracht. <3

    01.06.2012, 14:06 von Fruehjahrstraum
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  • 0

    Aber du stehst nicht mehr da. Du bist weg. Einfach gegangen. Und so ist es der Wind, der mein geschrieenes "ICH LIEBE DICH!" hoffentlich noch rechtzeitig zu dir trägt.

    25.05.2012, 11:59 von doppelkinnd
    • 1

      sehr sehr schöner text!!! und der letzte satz gefällt mir ganz besonders!

      25.05.2012, 11:59 von doppelkinnd
    • 0

      danke- und mit einem Rechtschreibfehler drin :D 


      25.05.2012, 13:19 von mondscheingeschrei
    • 0

      kann passieren :)

      26.05.2012, 10:42 von doppelkinnd
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