why_pourquoi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 10

"Wir haben nicht damit gewartet..."

...sondern wir haben's einfach nicht getan." Das hast du zu mir gesagt.

Seit einer Woche und zwei Tagen gibt's ein Update unserer Beziehung. Eine Beziehung, die schon vier Jahren dauert, aber nie eine Beziehung war. Sie spielte sich in meinen Gedanken ab. Großes Kopfkino. Verheulte Kopfkissen. Pochende Kopfschmerzen. Wie du dich fühlst, weiß ich gar nicht.

Sommer 2003. Du stehst vor mir, ich will dich interviewen. Das Mikro zittert in meinen Händen, meine Augen verlieren sich in deinen und ich weiß nicht mehr, was ich fragen soll. Ist doch schon alles klar. Ab sofort muss ich regelmäßig mir dir telefonieren – und wir treffen uns wieder. Rein beruflich, versteht sich. Doch es hat "klick" gemacht.

Sommer 2004. Du rufst mich privat an, wir sehen uns mal morgens, mal mittags, mal abends. Ich spüre die unglaublichste Anziehung, doch wir kommen uns nie zu nahe. Bussibussi – und schon rast mein Herz, und ich möchte dich am Kopf packen und deinen Atem auf meinem Körper spüren. Du lädst mich zu deiner Pool-Party ein, ich verabschiede mich von dir in deiner Garage. Du bringst ein Teelicht, damit ich genug sehe, damit ich im Dunkeln mein Fahrradschloss öffnen kann. Wir stehen uns im Kerzenlicht, mutterseelenallein, gegenüber. Ganz nah. Ich kann deinen erhitzten Körper riechen, du duftest, dass mir ganz schwindelig wird. Ich bedanke mich für die Einladung, du für mein Kommen. Bussibussi – und ich radele nach Hause. Zugedröhnt – von dir.

Herbst 2004. Eines Tages stehst Du vor meiner Haustür und bringst mir – ich fass es nicht! Mit 31 Jahren! – eine selbstgebrannte CD vorbei. Ich bin verzückt. Und wir reden. Und reden. Und reden. Wir sind uns so vertraut, dass wir uns schon nach zehn Minuten die Hände streicheln. Zärtlich. Vorsichtig. Aufmerksam. Aber es passiert nichts.

Sommer 2005. Du fragst mich, ob ich zum Rotwein vorbeikomme. An einem schwülen Sommerabend. Ich öffne die Flasche, du deine Lippen, ich meine Bluse – und wir versinken in Leidenschaft. Allerdings ohne das, was man gemeinhin "Sex" nennt. Wir bleiben bei der Vorstufe und ich fahre im Auto nach Hause. Es ist das Auto meines Freundes, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt seit sieben Jahren zusammen bin. Der nie bei mir ist. Weil er als Consultant arbeitet und monatelang in den USA bleibt. Oder in Spanien, Mexiko oder Frankreich. Und du lehnst im Türrahmen und schaust mir nach. Der Türrahmen, an dem auf dem Klingelschild dein Name und der deiner Freundin steht. Mit der du seit vier vier Jahren zusammen bist.

Winter 2006. Wir sehen uns nach langer Abstinenz auf dem Weihnachtsmarkt. Ich möchte dich am liebsten küssen. Denn ICH habe kein schlechtes Gewissen mehr. Mein Freund ist weg. Weil er findet, dass wir nicht zusammen passen. Und ich sehe dich und denke, dass du der Richtige bist. Doch du erzählst mir von deiner Hochzeit. Von deiner Frau und zeigst mir deinen Ring.

Winter 2007. Du willst mich sehen, mit mir um die Häuser ziehen. Ich mache dir zur Begrüßung einen heißen Tee, nehm' dich in die Arme und atme tief durch. Ich weiß, was heute passieren wird. Und es passiert. Wir reden. Und reden. Und reden. Wir gehen weg, tanzen, fahren zu mir und schlafen miteinander. Zärtlich. Vorsichtig. Aufmerksam. Ich drehe mich um und kann nicht mehr aufhören, zu weinen. Du schläfst und hältst mich fest im Arm. Um neun Uhr morgens fährst du nach Hause und küsst mich vorher wie (d)eine große Liebe.

Tage später stellst du die E-Mail-Kommunikation ein. Und ich möchte schreien vor Enttäuschung. Aber ich hätte es wissen müssen, oder?

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9 Antworten

Kommentare

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    einfach schön. verzaubernd.

    19.05.2007, 23:47 von BK
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    Ach Männer, wieso schaffen die es immer wieder, uns in diesen Zustand süßer Verrücktheit zu versetzen?

    Meine Empfehlung und alles Liebe!

    04.03.2007, 18:49 von Hild
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    Das ist ein schöner Text. Ich hab euer Bild richtig vor Augen und kann mir vorstellen, wie du jetzt dasitzt. Man wartet ja trotzdem immernoch auf ein Zeichen. Eine Sms, E-mail oder einen Anruf. Auch wenn er jetzt die E-mail Kommunikation eingestellt hat.
    Hab das alles genauso auch mal erlebt das dauerte aber "nur" 1 1/2 Jahre. Trotzdem zu lang eigentlich, wenn man bedenkt, dass sich das Warten nicht wirklich gelohnt hat...
    Enttäuschend ist sowas immer. Immerhin bleiben die Erinnerungen.
    Die Liebe ist schon so eine Sache. Kompliziert, schön, traurig und enttäuschend.
    Ich find den Text klasse und du bekommst (m)eine Empfehlung.!
    Alles gute für die Zukunft- und
    vielleicht seht ihr euch ja doch nocheinmal wieder und dann macht es zum 2 Mal klick. Denn man soll, ja nie nie sagen.

    LG zuckerlischen

    27.02.2007, 22:26 von zuckerlischen
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      @zuckerlischen Lieben Dank für Deine Empfehlung – und Deine Aufmunterung. In der Tat hat er sich wieder gemeldet. Leider nur, um zu sagen, dass er nur in seinen Träumen bei mir sein kann (???). LG why_pourquoi

      27.02.2007, 22:34 von why_pourquoi
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    Die Hoffnung ist ein süßes Leiden.

    Kann mich nur anschließen, ein echt klasse Text.

    26.02.2007, 19:51 von lavida
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    das tut weh, sogar beim lesen. man kann nie wirklich wissen. man hofft.

    25.02.2007, 22:13 von alicewonderland
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    Empfehlung auf jeden Fall!
    Mir stellt sich eine große Frage: Wie hält man sowas fast 4 Jahre lang aus???
    Wissen müssen? Was weiß man denn schon? Die Wege der Liebe sind wie Gottes Wege unergründlich!
    Schade das es nicht geklappt hat, aber alles Gute für die Zukunft...

    22.02.2007, 00:58 von Schaefchenfisch
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    ach mensch, wie schade, hättest ihn vllt gleich am anfang packen müssen. klar: er hätte weglauefn können. aber nen versuch wärs wert gewesen. wir männer sind komisch manchmal...
    sehr schöner und gut geshriebener text im übrigen.
    alles in allem ne klare empfehlung,
    lg
    pdk

    22.02.2007, 00:45 von PDK
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    schöner und doch so trauriger Text.
    Ich gebannt und konnte nicht mehr aufhören zu lesen.
    Dein Text ist perfekt !
    Wünsche dir alles gute.

    21.02.2007, 23:23 von jemandanderes.
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