fsocietytxt 16.12.2016, 03:20 Uhr 1 10

Wir gegen die Welt und gegen uns

Heute weiß ich, dass ich deine Abwesenheit nur genießen konnte, weil ich wusste, dass du wiederkommen würdest.

An irgendeinem Weihnachten lief „Zusammen ist man weniger allein“ im Fernsehen. Heiligabend war schon vorbei, es muss der 1. Weihnachtsfeiertag gewesen sein. Am 1. Weihnachtsfeiertag fuhren wir eigentlich immer um die Mittagszeit zu deiner Familie, nach Hause zu deiner dauergestressten Schwester. Heiligabend gab es dann Kartoffelsalat und Würstchen aus dem Glas und ich habe mich jedes Mal die meiste Zeit mit dem Axolotl-Becken im Wohnzimmer beschäftigt und die Menschen so freundlich wie möglich ignoriert. Ich glaube, du hast das immer süß gefunden, auch wenn du mir oft das Gefühl gegeben hast, ein hoffnungsloser Therapiefall zu sein. Dir sind andere Leute meistens genauso auf die Nerven gegangen wie mir. Es war ein bisschen Wir-gegen-den-Rest-der-Welt, aber das hat einfach nicht funktioniert, weil es auch zu sehr Ich-gegen-dich-und-du-gegen-mich war. An diesem Weihnachtsmorgen, an den ich mich heute, in meinem ersten Dezember ohne dich, erinnere, war ich in einer depressiven Wolke gefangen und ließ dich alleine zu deiner Familie fahren. Es ging mir nicht gut, ich hatte Schmerzen und wollte mich nur verkriechen. Ich nahm eine Schmerztablette und kochte mir Kaffee. Unsere Beziehung war damals schon nicht mehr unbefleckt von negativen Schwingungen, wir stritten zu oft. Ein bisschen froh war ich, dass ich etwas Zeit ohne dich genießen, deine Abwesenheit auskosten konnte, einfach mal nur mit mir allein sein, in den Tag starten und sich so fühlen, als ob da kein anderer Mensch wäre außer mir. Niemand der mir sagte, dass ich eine Vollidiotin sei, weil ich Energydrinks für 1,79 kaufte, obwohl ich kein Geld hatte, niemand der mir einredete, ich hätte ein gestörtes Essverhalten, nur, weil ich manchmal drei Tafeln Schokolade auf einmal aß. Ich zappte durch das schnöde Feiertagsprogramm und blieb bei „Zusammen ist man weniger allein“ hängen, ein Film, den ich ohnehin gern mochte. Er passte perfekt zu meiner Stimmung an jenem Tag und ich freute mich und träumte mich noch weiter weg von dir, in das aufregende Beziehungsgerüst der Protagonistin. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ein Mann mich einfach so akzeptieren würde, wie ich bin. Ein erleichterndes Gefühl. Heute ist alles anders. Bald ist wieder Weihnachten. Mein erstes Single-Weihnachten seit zehn Jahren. Ich bin allein, ich habe dich verlassen. Im Juli schon. Es war zu viel kaputt, es war richtig, das weiß ich. Damals jedenfalls war es richtig. Jetzt weiß ich, dass man auch andere Konsequenzen hätte ziehen können, wenn man das Verhalten des Partners nicht mehr ertrug; aber ich war dafür zu schwach, ich musste ganz weg. Ich bin dir immer wieder in die Arme gefallen als ob nichts wäre, obwohl ich innerlich eigentlich total unzufrieden war. Ich vermisse dich und kann dir das nicht mal schreiben, weil du mich immer noch liebst und erst vor wenigen Wochen weinend bei mir angerufen hast. Du denkst viel an mich und machst eine Therapie. Das Alleinsein hältst du kaum aus. Die Male, die wir uns gesehen und gesprochen haben als wir schon getrennt waren, hast du immer angemerkt, wie eiskalt ich doch sei. Ich wünsche mir, dass du eines Tages siehst, dass ich nie eiskalt gewesen bin. Ich wollte nur nicht leiden und hab es sogar eine Weile geschafft. Wer will schon gerne den Schmerz willkommen heißen? Heute habe ich keine Wahl. Heute ist der Schmerz da. Überall. Die Kälte von draußen frisst sich bis in meine Knochen und bringt die Erinnerungen an dich mit. Ich erinnere mich an den Weihnachtsmorgen und jetzt weiß ich, dass ich deine Abwesenheit nur genießen konnte, weil ich wusste, dass du wiederkommen würdest. Am liebsten möchte ich zu dir zurückgehen, aber ein Teil von mir ist überzeugt davon, dass das nicht richtig ist. Ich weiß nicht mal, ob ich dich noch liebe. Solange es mir gut ging, solange ich den Sommer lang feiern, saufen und in der Sonne verbrennen konnte, solange dachte ich, ich bin frei von Gefühlen für dich. Aber jetzt, jetzt will ich einfach nur in deinen Armen liegen, einschlafen und an einem Tag vor fünf Jahren aufwachen, als du mir noch Frühstück und Kaffee ans Bett gebracht hast, ein Tag, an dem all das was passieren würde noch nicht passiert war und wir beide überglücklich waren und glaubten, den Begleiter fürs Leben gefunden zu haben. Ich weiß nicht mehr, was Liebe eigentlich ist, aber ich weiß, dass ich mir gerade nichts mehr wünschte, als dich nie verlassen zu haben. 

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Kommentare

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  • 2

    ich lese grundsaetzlich keine Texte mehr, die "Absaetzemangel"  vorweisen.

    25.12.2016, 12:11 von Dr_Lapsus
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