Wintersommer
Und während die Schulschwänzer sich krachend fallen lassen, erinnere ich dein Gesicht und mir wird warm.
Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe mir gedacht, dass es mir eigentlich gut gefällt, so wie es ist. Dann habe ich mich warm angezogen und bin aus der Tür hinaus, in diese Stadt.
An der U Bahn Station verkauft der Obdachlose die Hinz & Kunzt.
Ihm ist kalt und mir ist warm.
Das ist keine Poesie, das ist ein Protokoll.
Seltsame Gestalten fahren in der Bahn von A nach B. Alle verbunden mit Menschen, die sie gerade nicht sehen können. Sie schreiben und sprechen mit Maschinen und meine Ohren berieselt eine andere Maschine. Viele von diesen Menschen sehen so blass aus, als ob sie verkalken, von innen nach außen. Und während die Schulschwänzer einsteigen und sich krachend und provozierend fallen lassen, erinnere ich dein Gesicht und mir wird warm.
Sie sind blass. Ich werde rot.
Hektisches Treiben im Hauptbahnhof. Ich kaufe Zigaretten und ein Franzbrötchen. An der Treppe zum Gleis 7 möchten mich Pendler überreden, mit ihnen zu fahren. So nutzen sie ihr Ticket den ganzen Tag. Ich verneine, in der Stadt war ich schon oft und dort gibt es nichts mehr, das mich anzieht. Auf meinem Spaziergang entlang den Fressbuden halten mich zwei Punks an.
„Entschuldige, haben Sie vielleicht etwas Geld dabei?“
Ich antworte: „Natürlich, ohne Geld gehe ich doch nicht zum Hauptbahnhof“. Dann gehe ich weiter.
Sie sind verdutzt. Ich bin zufrieden.
Ich gehe durch die leeren Gärten und Parks. Erleuchtete Lungen im Inneren der Stadt. Die Bänke sehen nicht besonders einladend aus, nun, da noch Eis und Schnee das Holz aufbrechen und die Sitzflächen langsam aber sicher aufsplittern. Die Schachspieler haben noch Winterpause, die Bäume sind kahl. Ich atme kühlen Sauerstoff und heißes Nikotin. Ohne nachzudenken erblicke ich einen alten Mann, der mir schwer keuchend entgegentritt und nach Erbrochenem stinkt. Stumm nicken wir uns zu, wie zwei alte Bekannte. Dabei sind wir uns niemals begegnet.
Er ist am Ende, ich bin am Anfang.
Auf dem Gemüsemarkt frieren die russischen Frauen hinter der Fischauslage. Ein Polizist führt sein Gespräch mit einem der Inhaber. Sonnenlicht lässt die Eiszapfen an den Markisen schmelzen, überall tropft Wasser auf Asphalt. Ich kaufe Obst und sehe es als Ausgleich für das Rauchen. Zwei Hunde toben und zerren um einen Müllbeutel, bis er zerreißt und den Gestank freigibt.
Zuhause schneide ich Äpfel und setze Tee auf. Die Uhr schlägt dreizehn und ich schreibe und schreibe. Während das Weiß zu schwarz wird, wird draußen grün zu weiß.
Noch schneit es, noch ist der Winter überall. Überall, doch nirgends.
Draußen ist Winter. Drinnen ist Sommer.
Seitdem ich dich kenne.





Kommentare
Erinnert mich an den Film " Die fabelhafte Welt der Àmelie" . Es ist tatsächlich fabelhaft.
17.02.2013, 17:29 von Katze.PunktGanz ehrlich? Diese Franzbrötchen sind das aller Beste. Zu Schade, dass es hier keine vernünftigen gibt.
16.02.2013, 19:04 von Freiheitxoxosehr ehrlich. Schön!
16.02.2013, 00:13 von gedankenschwerFalls es dich interessiert, wie deine Zukunft aussieht, frag mich doch einfach (;
Nüchtern und doch erfrischend.
15.02.2013, 20:26 von smn_Welche Stadt?
15.02.2013, 18:26 von ABC101Ja, habe ich mich auch gefragt..
15.02.2013, 18:48 von Buttercup12Ist eigentlich egal.
16.02.2013, 10:47 von TaneaHamburg, erkennt man.
17.02.2013, 17:48 von topfbluemchenNur wenn man Hamburg kennt :-)
18.02.2013, 08:38 von Tanea:D stimmt auch wieder...
18.02.2013, 11:16 von topfbluemchenSchön ohne Überzuckerung. Ehrlich ohne Aufdringlichkeit.
15.02.2013, 15:48 von SasaliSchöne Sprache, die Episoden aus der Stadt gegen das innere Befinden. Liest sich schnell und bleibt hängen
13.02.2013, 19:29 von Streetlife