einfachMarie 30.01.2017, 01:49 Uhr 3 3

Winterluft

Kommend und gehend wie Ebbe und Flut, aber immer da wie das Meer.

Ich fühle mich gläsern seitdem du gegangen bist, ich versuche nicht zu zerbrechen, obgleich die Risse überall zu spüren sind.

Ich durchstreife den Ort, den ich Zuhause nenne, gehe entlang dem Deich, über scheinbar endlose Felder bis es dunkel wird. 
Ich bin auf der Suche nach mir selbst, wissend mich vor einiger Zeit verloren zu haben. 
Die Kühle des Wintereinbruchs tut ein wenig weh auf der Haut, aber ich mag die klare Luft. Vielleicht weil sie so viel von dem ist, was ich gern wäre. Kühl, klar und sichtbar.
Ich weiß, dass es am Ende allein meine unerfüllten Erwartungen waren, die mich wie ein Holzboot an der Brandung zerschellen ließen, trotz dessen tut es kein Stück weniger weh. 
Es scheint mir so oft schon das Gleiche zu sein. Man fängt an zu fühlen, man spürt dieses Kribbeln und auf einmal fängt man an sich vorzustellen, was wäre wenn... wenn ich deine Hand hielte, wenn du mich an deine Seite stelltes, wenn  man gemeinsam, wenn man zweisam... und schon hat man hunderte Farben zusammen auf eine Leinwand geschmissen und wiegt sich in der Erwartung, dass dies ein zauberhaftes Bild ergibt. Bis einem einfällt, dass alle Farben zusammen schwarz ergeben.
Schwarz wie die Nacht in die ich laufe, weil ich keine Ruhe finde, weil ich nicht nach Hause will.
Es ist schon Wochen her, Wochen, die mir vorkommen wie etliche Monate. Monate, in denen jede Phase des Schmerzes durch meinen Körper lief. Kommend und gehend wie Ebbe und Flut, aber immer da wie das Meer. Der Alltag entriss mir die Zeit, die ich gebraucht hätte um das Land neu zu bepflanzen, welches du brandgerodet hinterlassen hast. So kommen nur ganz zaghaft kleine Sprösslinge zum Vorschein, die bei jedem Anflug von Kälte wieder eingehen und ich mir den milden Herbst zurück wünsche, in dem sich alles gold färbte und so auch unsere Träume glänzten. 
Jedes Mal, wenn ich unserer Zeit lausche, in Form einer Handvoll Songs die wir hörten, wird der Ort an dem ich bin zu deinem. Weil du da bist. So präsent in meinen Gedanken, in all meinem Tun.
Jeden Tag denke ich darüber nach, in der Bahn sitzen zu bleiben. Die drei Stationen und 15 Minuten weiter zu fahren, die zwischen uns liegen. Zum Glück sind meine Beine stärker als mein Kopf.
Ich hasse es, dass ich mir immer wieder dein Profil aufrufe, um mich immer wieder an dich zu erinnern, dein Bild anzusehen und mich zu fragen, wer und was ich eigentlich für dich war. Während du noch bist. Für mich.
So stehe ich auf dem verbrannten Land meiner Selbst und versuche mich festzuhalten. Festzuhalten an irgendetwas, dass mir sagt, dass du mich nicht gänzlich vergessen hast, dass du nicht weiter machst, als hätte es mich nie gegeben. Das ich Jemand für dich war. Auch wenn dies heute nur noch eine Erinnerung sein mag.
Sichtbar wie die Luft im Winter, wiederkehrend und niemals ganz vergessen.


Tags: Liebeskummer
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3 Antworten

Kommentare

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  • 2

    da der Winter draußen viel Farbe nimmt
    kommen die innen mehr zum Vorschein.

    ohne jede Farbe ergibt Schwarz.
    Schwarz ist das nichts. 
    alle Lichtfarben zusammen ergeben Weiß.
    alle Körperfarben ein dunkles Grau.

    Jeder ist eine einmalige, individuelle Mischung unzähliger Einflüsse von Nuancen. 
    Die können je nach Sättigung und Helligkeit stark oder schwach reflektieren und konstrastieren durch die anderer.
    Welche Tonwerte das Selbst hat, erkennt man nur ungemischt... allein.


    "Liebe und Freundschaft vieler Menschen ist ein Füllen der eigenen Leere mit fremden Inhalt."
    Christian Friedrich Hebbel 

    30.01.2017, 11:49 von schauby
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  • 1

    Ein guter Text. Mit der Zeit wird es besser werden. Ablenkung tut gut und Neues. Herzliche Grüße.

    30.01.2017, 10:47 von EC_Lino
    • 0

      Grade nochmal gelesen. Wieder anderes entdeckt. Nachfühlend. Kenne es. Schon zu oft.

      30.01.2017, 21:19 von EC_Lino
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