lela. 15.07.2012, 22:41 Uhr 11 13

Willst du mit mir gehen?

Über die Schwierigkeiten des Kennenlernens.



In einer Berliner S-Bahn samstagmorgens um kurz nach halb drei. Etwa jeder dritte Platz ist besetzt, der Großteil der (vornehmlich jungen) Menschen ist auf dem Heimweg. Auf der Bank gegenüber nimmt eine junge Frau Platz. Sie ist etwa 21 Jahre alt, hat feuerrot gefärbte Haare und ein freundliches Lächeln, in ihrem rundlichen Gesicht zahlreiche Piercings. Kaum ist die Bahn angefahren, tritt ein Mann aus dem übernächsten Vierersitz heraus, Jeansjacke, Bierflasche in der Hand, kurzes Haar, etwa Mitte dreißig. Er setzt sich auf den freien Sitz und legt den Arm auf die Rückenlehne hinter ihr, unter den Umsitzenden macht sich gespannte Erwartung breit. Die rothaarige Frau schaut skeptisch von ihrem Handy auf. „Ey Süße, hast du Facebook?“ Damit hat sie nicht gerechnet, doch er lässt sich von ihrem verwirrten Schweigen nicht beirren. „Na, sach mal, haste Facebook? Du gefällst mir nämlich echt gut!“ Was soll man dazu sagen? Sie scheint es auch nicht zu wissen. An der nächsten Station steigt er aus, ohne ihren Facebooknamen herausgefunden zu haben.

Eine andere Geschichte, ebenfalls passiert im öffentlichen Personennahverkehr, allerdings nicht in Berlin, sondern in einer Freiburger Straßenbahn der Linie 1. Sie, Studentin, wohnt in der Nähe der UB. Er, ebenfalls Student, hält sich sehr viel in der UB auf. Die beiden begegnen sich in unregelmäßigen Abständen in der Straßenbahn, irgendwann spricht er sie an.  „Fährst du auch in die UB?“ Irritation ihrerseits, es ist immerhin Freitag, noch dazu kurz vor Mitternacht, in Gedanken ist sie bereits im Bett und schläft. Doch er gibt nicht auf. „Vielleicht können wir ja mal zusammen lernen?“ Nein, können wir nicht.

Die Beispiele derartig schöner Anmachsprüche sind zahlreich. Sie beginnen in der Fußgängerzone bei dem dickbäuchigen Mann, der in einem weiße T-Shirt mit dem Aufdruck „Willst du mit mir gehen?“ durch die Stadt läuft und enden auf der Party, auf der sie, ein volles Bier in der Hand, gefragt wird, ob sie nicht etwas trinken wolle. Es muss ja nicht gleich ein Minnesänger sein, aber ein bisschen mehr Aufmerksamkeit wäre schön.

In Zeiten von unzähligen Frei-SMS, kurzweiligen Nachrichten per Messenger und sozialen Netzwerken ist die Kontaktaufnahme anscheinend nicht etwa leichter geworden, sondern steht vielmehr vor ganz neuen Herausforderungen. Bevor wir jemanden in der Realität ansprechen, „stalken“ wir ihn im Internet, klicken uns durch seine Fotos, lesen auch die unsinngisten Kommentare, suchen nach Makeln, Vorlieben und Gemeinsamkeiten. Wenn der Beziehungsstatus auf „es ist kompliziert“ umspringt, werden wir unruhig. Fragen uns, ob derjenige es Ernst meint oder mit all denen in eine Schublade zu stecken ist, die sich damals im StudiVZ als „kronloyal“ geoutet haben. Irgendwann, nach Wochen virtueller Freundschaft, treffen wir uns ganz unverfänglich zum Eis essen. Nächtelange Chat-Konversationen liegen hinter uns, wir haben das Gefühl, nicht nur das Internetprofil des anderen, sondern auch ihn selbst in- und auswendig zu kennen. Trotzdem sind wir unheimlich nervös. Warum? Weil es in der Wirklichkeit eben doch alles ein bisschen anders ist. Jemandem ein Kompliment ins Gesicht zu sagen ist einfach schwerer als einen Smiley zu posten oder auf Like zu klicken.

Natürlich gibt es auch andere Geschichten. Die von denen, deren Blicke sich über dem Kopierer zum ersten Mal kreuzten und die durch den gemeinsamen Kampf mit den dicken Skripten zusammenfanden. Von ihm, der sie ein Jahr lang in die Mensa ausführen wollte, bis sie schließlich Ja sagte. Von ihr, die jeden Mittwochabend neben dem Sportpark wartete und ihn dann doch auf einem Konzert ansprach. Für jeden Topf gibt es einen Deckel, aber nicht für jede Anmache einen, den sie in den siebten Himmel katapultiert.

Amor hat weder Handy noch Facebook und den Prinz mit Gaul will jenseits der Pferdephase im Teenageralter auch niemand mehr. Vielleicht sollten wir uns einfach ins Bächle stellen und warten, bis der versprochene Freiburger vorbeikommt. Aber bitte nicht jeder X-Beliebige.

 

* Das „Bächle“ ist ein Kanalsystem in der Freiburger Innenstadt. Es stammt aus dem Mittelalter und war wohl ursprünglich für den Abwassertransport gedacht; heute dient es vor allem Kindern als Bootsstraße. Wer hineintritt, heißt es, muss einen Freiburger heiraten.

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11 Antworten

Kommentare

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      Hihi, ja, ich bin auch schon reingetreten, als ich mein Fahrrad rückwärts ausgeparkt habe...

      17.07.2012, 18:29 von lela.
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      Das ist wirklich eine passende Geschichte. Es istcdoch schön, wie das Leben manchmal so spielt! Eine Freundin von mir lernte ihren Freund übrigens tatsächlich am Kopierer kennen :)

      16.07.2012, 01:34 von lela.
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