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Wilde Herzen aus Knallpapier

Wir sind ein Geheimbund aus wilden Herzen voller Knallpapier, aus lauen Winter-Nächten im April und Bordstein-Bier.


Wir sind ein Geheimbund aus wilden Herzen voller Knallpapier, aus lauen Winter-Nächten im April und Bordstein-Bier. Wir sind die, die immer alles fragen, wie machst du das, wie geht es dir, bist du glücklich hier, wovor hast du Angst und glaubst du noch an irgendwas? Wir sind die, die lachen, wenn wir durch Regenpfützen rennen, wenn wir in fremden Betten brennen für etwas, das wir noch gar nicht gefunden haben, aber am Morgen danach leise sagen: Danke, es war schön mit dir, ich gehe jetzt, deinen Geruch nehme ich mit und das Gefühl deiner Bartstoppeln wie Schmirgelpapier auf einem Gesicht, das leise gelächelt hat, als es sagte: du gefällst mir.

Wir sind die, die in Telefone heulen, die Tage wie Wochen vergeuden, weil das unsere Vorstellung von Leben ist: dass man manchmal schreit und manchmal lacht und manchmal einfach vergisst, wie zuckersüß dieser Blues am Morgen danach ist. Wir sind die, die ständig Angst haben und trotzdem in jeden Fluss springen, mit dem Kopf voraus und das Herz habe ich doch gerade auch noch irgendwo gesehen, wir sind die, die morgens um drei in einem Club stehen, das Glas in der Hand, die Wut in den Beinen, und schreien: Es ist mir egal, aber das würde ich nie zugeben, auf die Wahrheit, auf die Liebe, auf das Leben. Wir sind die, die danach über uns selbst lachen und nichts davon glauben, aber alles genau so machen.

Wir sind die, die immer versuchen zu verstehen, warum brennen nicht besser sein soll als aufgeben, warum man nicht auch mal einfach immer alles aussprechen kann: Ich finde dich schön, ich finde dich toll, ich hasse dich, ich langweile mich, ich glaube ja nicht. Wir sind die, die küssen, die beben, die gieren und weinen, die alles sehen, alles nehmen, alles wieder verlieren wollen, wir sind die, die vor brennenden Brücken stehen und uns erst einmal eine Zigarette anmachen, während wir uns schon wieder auf den Weg machen.

Wir sind die, die morgens zu einer Arbeit schleichen, Coffe to go, Zucker, Sachen machen, lächeln und funktionieren und nicht an die Dinge denken, die wir vermissen, wenn wir mal ehrlich sind. Wir sind die, die enttäuscht werden und trotzdem weitermachen, die hinfallen, aufstehen und weitergehen, die sich in fremde Augen verlieben und sich danach wieder verlieren, die Bilder von Nächten machen und Status-Meldungen von Tagen, die immer weiter wollen und alles ertragen, so lange es sich nur anfühlt, als wäre es echt, wir lieben, wir vergessen, wir hassen, wir waren es einfach nicht.

Wir sind verloren, wir sind ängstlich, wir lassen nicht gerne los. Vielleicht drehen wir uns dann weg und vielleicht gehen wir aus dem Haus, vielleicht fängt alles wieder von vorne an und hört dann nicht mehr auf, aber wilde Herzen wollen weiter, wollen immer alles und zwar sofort, wie wunderbar dieses süße, wilde Leben ist und dieser eine Ort, an dem wir uns treffen und uns dann in die Augen sehen, weil wilde Herzen sich kennen und sich verstehen und wissen — das ist unser verrücktes, böses, schlimmes, gutes, wildes Leben, nimm meine Hand und spring, drück alle roten Knöpfe dieser Welt, trink das eine Glas zu viel und küss den Mund von jedem, der dir gefällt, tanz nächtelang zu jeder Musik der Stadt, weine, wenn du weinen musst und schrei, wenn du nicht mehr kannst, gib einfach nicht auf und gib dich nicht her, such die dunklen Spelunken und die traurigen Trinker, die Angeber und Geschichtenerzähler, such dir einen Platz, an dem du bleiben willst, einen zum Weiterziehen und einen, an dem dir die Decke auf den Kopf fällt, nimm alles mit und lass alles wieder fallen, das gehört alles dir, denn versprochen: jedes Ich ist ein Teil von Wir.

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73 Antworten

Kommentare

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    Wunderschöner Text.

    10.04.2015, 15:53 von imissfreddy
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    Wir bist du.

    24.12.2014, 02:49 von mirror87
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    So so schön! 

    24.12.2014, 00:24 von Lindarella
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  • 1

    mitreißend, hoffnungsvoll, ehrlich!

    06.10.2014, 20:06 von frl.sommersprosse
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  • 0

    Bei diesem Text bekommt das Wörtchen fabelhaft eine ganz neue Bedeutung.


    Danke für diesen großartigen Text!

    31.07.2014, 21:26 von Flowers_in_December
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  • 0

    das schönste was ich seit langem gelesen habe.

    dankedankedanke <3

    05.07.2014, 13:57 von knoepfchenchaos
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  • 0

    Grandios, ganz grandios :)

    04.06.2014, 21:22 von SmillaE
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    Am liebsten würde ich mir deinen Text an die freien Wände meines Zimmers schreiben, ihn auf Flyer drucken und an die ganze Weltbevölkerung verteilen oder mich in ein Flugzeug setzen und den Himmel damit verzieren…. kurzum mein Lieblingstext auf Neon, danke dafür <3

    26.05.2014, 23:32 von anna-mirl
    • 0

      Sich erschießen wäre auch eine Möglichkeit.

      26.12.2014, 18:35 von Grumpelstilzchen
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    Man will den Text mögen ,doch irgendwie gerät
    das Ich bei soviel Wir unter die Räder

    20.05.2014, 16:19 von oliverka
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    bis zum terminus wilde herzen war's ein echt netter text vom girl next door, danach mutierte es zu rosamunde pilcher. oder wahlweise stadion rock.

    18.05.2014, 08:38 von HerrJemine
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      schade... ich dachte, jetzt wird gefetzt ^^

      19.05.2014, 17:03 von HerrJemine
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