pardon_me 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 14

Wieso es niemals klappen wird

„Hast du mehr als freundschaftliche Gefühle für mich? Weil… also… all unsere Freunde denken das.“ „… Nein, habe ich nicht.“

Vor knapp einer Woche saß ich da, in deinem Drehstuhl dir gegenüber und du bist im Bett gesessen und hast den Tee getrunken, den ich dir mitgebracht habe. Außerdem hast du eine Blume, Hello Kitty Tempos und „Zombieland“ bekommen, um dich von der Langeweile, welche sich automatisch während einer Grippe einstellt, abzulenken. In meinem Rücken läuft der Fernseher ohne Ton, ich sehe nur die bunten Schatten an der Wand und in deinem Gesicht. Du siehst schrecklich aus, zerzaust und blass und deine Haare kleben verschwitzt an deinem Kopf. Ein milder und liebevoller Ausdruck liegt in meinen Augen.
Wir beginnen, uns über Belanglosigkeiten zu unterhalten. Ich verknote vor Nervosität meine Beine ineinander, knete meine eiskalten Hände, höre dir nur halbkonzentriert zu und muss bei jeder Frage selbst noch mal fragen, worum es geht. Aber wir wissen beide, worum es eigentlich geht.
Nur zwei Tage zuvor haben wir uns beim Feiern getroffen und ich wollte ein klärendes Gespräch mit dir führen und dir sagen, was das Problem ist. Weil du es nicht verstehst und weil ich sehr gut im Erklären bin. Leider kam mir der Alkohol dazwischen und als wir versucht haben miteinander zu reden, redeten wir, wie schon alle Jahre zuvor, einfach aneinander vorbei und das war traurig weil ich mich kurz gefragt habe, ob wir uns überhaupt verstünden, würde wir mal in die gleiche Richtung reden. Ich habe schließlich gefragt, ob für dich zwischen uns alles in Ordnung sei.
Ja.
Ob denn alles so sei zwischen uns, wie es sein sollte.
Ja.
Natürlich konntest und kannst du nicht in meinen Kopf sehen und hast wahrscheinlich deshalb nicht verstanden, warum mir eine riesengroße, bittere Krokodilsträne die Wange runterfloss während ich dir ins Gesicht schrie, dass ich nicht mehr mit dir befreundet sein kann, weil ich es satt habe. Satt, auf dich zu warten.
Ich sitze also auf dem Drehstuhl und versuche, die richtigen Worte zu finden. Zu Hause habe ich sie mir bereits zurechtgelegt. Ich wollte sagen, dass wir wirklich super als Freunde sind und wir noch besser als Paar wären. Dass ich seit Jahren warte, bei jedem Mädchen das kommt und geht sofort weiß, dass es nicht lange halten wird, weil sie nichts für dich sind. Weil es jeder sieht, jeder in unserem Freundeskreis, außer dir, dass du nach jemandem suchst der ist wie ich. Alles, was wir tun – es ist wie eine Beziehung und du siehst es nicht. Du bist sofort gekommen, als ich dich verzweifelt angerufen habe weil mein Auto nicht mehr ansprang. Ich bin wortlos mitten in der Nacht aufgestanden und 30 km gefahren um dich abzuholen. Du nimmst mich auf Wohnungsbesichtigungen, Geburtstage deiner Freunde und Hochzeiten mit. Ich nehme dich auf Weihnachtsfeiern und Geburtstage mit. Wenn du weißt, dass ich mit Georg unterwegs bin, rufst du mich 15 Mal an, bis ich da bin, bei dir bin, wo du dich liebeskrank zu „Purple Rain“ an mich klammerst. Als wir danach nach Hause fahren und uns streiten habe ich dir gesagt, dass du oft distanziert bist und gedankenlos und dass du mir weh tust weil das alles nicht so läuft, wie ich es mir wünsche. Und da hast du mich angesehen, die Augen schwer vom Alkohol und du hast angefangen zu weinen und in diesem Moment  wusste ich wie es sich wirklich anfühlt, wenn einem das Herz bricht. Ich habe etwas in dir so tief erschüttert und berührt, dass es Tränen ausgelöst hat. In dir, wo du sonst nie Gefühle zeigst, wo du sonst jeden Menschen auf einer Armlänge Abstand hältst. Ich bin in dein Herz einmarschiert und habe so lange gerüttelt, bis es sich einen Millimeter bewegt hat und das tut jetzt weh. Und ich fühle mich sofort schlecht und beginne selbst zu weinen, denn schließlich bist du ein gestandener Mann, groß mit breiten Schultern und es schockiert mich, deine heißen Tränen an meinem Hals zu fühlen. Nicht, weil du weinst sondern weil mir klar ist, was für eine Gewalt ich ausübe und weil ich sie ausgeübt habe und ich mich schlecht fühle. Als du dich beruhigt hast, deinen Klammergriff löst und mich ansiehst, sagst du, kein Mädchen, welches du bisher geliebt hattest, außer mir, habe dich jemals zum Weinen gebracht. Und ich sehe in deinen Augen und ich sehe, dass sie klar sind und ich sehe, dass du endlich offen bist. Und ich sage dir, dass ich so, nur mit einer Freundschaft, nicht mehr glücklich bin und dass du nachdenken sollst, was du eigentlich willst. Dann bringe ich dich heim.
Ich sitze in deinem Drehstuhl und sehe dir in die Augen, suche nach einer Spur Offenheit, nach Zuneigung und Liebe aber ich kann nichts sehen. Du kannst dich an unser Gespräch nicht mehr erinnern, sagst du. Zu betrunken. Wie bequem. Ich halte es nicht mehr aus.
„Hast du mehr als freundschaftliche Gefühle für mich? Weil… also… all unsere Freunde denken das.“
„… Nein, habe ich nicht.“
Weißt du, wenn ein Herz bricht, dann wird es kein glatter Bruch sein. Es wird immer Splitter geben, komische Risse, Unebenheiten und es wird eben nie wieder so sein wie früher. Manche deiner besten Tage waren meine schlimmsten Tage. Du weißt oft nicht, wie du mit mir umgehen musst und das verstehe ich. Du bist an meinem Geburtstag mit deinem besten Freund in einen Vergnügungspark gefahren. Du warst nicht auf meiner Abschlussfeier, du hast meine ehemalige, beste Freundin nicht mit mir gehasst, du hast mich gezwungen mir am Valentinstag „Wolf of Wallstreet“ anzusehen, du glaubst, dass Gedichte und Poesie Schund sind, du hast aufgehört zu rauchen und ich kann dir nicht glauben, ich kann dir einfach nicht glauben und ich frage dich, ob du ehrlich bist und du sagst ja. Und ich frage dich, ob es an dem liegt, was das Wochenende zuvor zwischen Georg und mir passiert ist und du sagst nein und ich fühle mich innerlich leer und wenn man innerlich leer ist macht ein brechendes Herz ein sehr hässliches Echo.
Ich springe ruckartig auf, der Stuhl rollt gegen die Tischplatte, ich nehme meine Schuhe in die Hand, meine Jacke und Tasche und verabschiede mich. Als du dich aus dem Bett gekämpft hast, habe ich meine Schuhe schon an und kämpfe mit meiner Jacke. Die Tränen brennen mir schon in der Kehle und den Augen. Als ich dich kommen höre, werfe ich meine Jacke einfach über die Schulter und mach mich auf den Weg. Du holst mich ein, du umarmst mich von hinten und sagst nichts und ich weine die erste Träne auf deinen Handrücken und du lässt mich los und ich gehe.
Als ich im Auto sitze beginne ich zu lachen. Dann fühle ich nichts. Da ist absolut nichts und ich wundere mich.
Als ich zuhause bin schreibe ich noch mal, frage ob du ehrlich warst und du sagst ja. Und du fragst, was du damals, vor zwei Wochen zu mir gesagt hast. Und ich sage es dir.
„Hm, ok, das war echt blöd formuliert.“

Und alles wird schwarz.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Stark sein und loslassen.
    Kein Widerrede, das geht.

    10.03.2014, 21:35 von Gedanken.art
    • 0

      Der Unterschied zwischen dem was geht und was man will.

      11.03.2014, 09:51 von pardon_me
    • 0

      Ist die Frage, ob man das wie es gerade ist denn eigentlich will...

      11.03.2014, 19:50 von Gedanken.art
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  • 0

    Kommt mir leider auch bekannt vor.

    09.03.2014, 18:57 von Emil_Empire
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vielleicht brauch ich noch mal sechs Jahre um es endlich zu verstehen.

      09.03.2014, 19:32 von pardon_me
    • 1

      Manche Sachen kann man nie verstehen, weil sie nicht zu verstehen sind. Aber ich weiß seitdem, dass Luftschlösser vergänglich sind.

      09.03.2014, 19:41 von Emil_Empire
    • 0

      Es ist kein Luftschloss, denn ich glaube ihm nicht. Ich habe einen Fehler gemacht und ich glaube, dass er mich diesen jetzt büßen lässt.
      Vielleicht wache ich eines Tages auf, hoch über den Wolken und finde mich im freien Fall wieder weil mein Luftschloss sich nun endgültig aufgelöst hat aber noch bin ich nicht bereit aufzugeben.

      09.03.2014, 19:48 von pardon_me
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