unicorna 16.11.2007, 16:27 Uhr 10 2

Wiedersehen

Ungeduldig trete ich von einem Bein auf das andere, starre zum x-ten mal auf die Uhr.

Und dann, dann sehe ich ihn.
Zum ersten mal seit fünf Jahren.
Sein Blick wandert suchend umher,
während er an mir vorbei läuft.
Leise lache ich in mich hinein, nehme
die Verfolgung auf und tippe ihm auf
die Schulter. Er fährt herum, seine
Augen werden groß. Ich strahle ihn an.
„Mensch!“, ruft er aus, „schön dich mal
wieder zu sehen! Sorry, ich hab dich
wohl nicht gleich bemerkt. Du.. siehst..
irgendwie.. verändert aus. Aber gut,
sehr gut sogar!“ Seine Augen wandern
erstaunt und bewundernd an mir herab.
Seit unserer letzten Begegnung bin ich
um einige Kilo leichter, die Haarfarbe ist
anders, die Klamotten sowieso.
Wahrscheinlich hat sich mein ganzes
Auftreten verändert.
„Wow“, sagt er. Ich grinse zufrieden.
Seit Jahren hatte ich auf ein Wiedersehen
gehofft, hatte ich genau diese Reaktion
herbei gesehnt. „Wie läuft´s in deiner
Beziehung?“ frage ich so lässig und
beiläufig wie möglich. „Ach, die..“, er macht
eine wegwerfende Handbewegung, „ist
schon ne Weile wieder passé.“ Sein Blick
bohrt sich in meinen. Ich spüre ein leichtes
Kribbeln. „Komm, lass uns was essen gehen.“,
schlage ich vor. „Nach der langen Fahrt musst
du doch am Verhungern sein.“ Als wir
losgehen, verschränken sich unsere Finger
ganz selbstverständlich ineinander, gehen
wir ganz selbstverständlich Hand in Hand
durch die Welt. In einer Bar lassen wir
uns nieder, rechtzeitig zur Happy Hour.
Wir reden, lachen, trinken und stibitzen
uns gegenseitig Leckereien vom Teller.
Dem ersten Cocktail folgt ein zweiter,
dann ein dritter. Wir flirteten, als sähen
wir uns heute zum ersten mal. Und ein
wenig habe ich auch das Gefühl, dass
wir uns gerade neu kennen lernen.
Unsere Blicke und Hände finden sich, halten
einander fest, lassen wieder los, finden
sich erneut. Ein Symbol für unsere (Nicht-)
Beziehung. Gehen, gehen lassen und doch
nicht voneinander los kommen. Seine Augen,
diese wunderschönen, Augen fesseln mich
genau wie früher, sein Charme und seine
Attraktivität haben über die Jahre an nichts
eingebüßt. „Deine Haar sind deutlich länger.“,
stelle ich fest. „Deine aber auch.“, sagt er und
zupft spielerisch an meinem Pferdeschwanz.
„Mach sie doch mal auf!“ Und noch ehe ich
reagieren kann, hat er meinen Zopf geöffnet
und lässt einzelne Haarsträhnen durch seine
Finger gleiten. Er beugt sich vor, schnuppert,
saugt den Duft ein. „Riecht gut“, raunt er und
seine Stimme klingt plötzlich etwas rauer,
„nach Rosen.“
In diesem Augenblick verfliegt alles Spielerische.
Würde das Licht jetzt ausgehen, man sähe
garantiert die Funken zwischen uns, könnte
ihren Widerschein in unseren Augen glitzern
sehen. Und dann fallen sie. Nicht die Hemmungen,
sofern diese überhaupt wirklich existieren, sondern
die Sätze, auf die ich all die Jahre so sehnsüchtig,
so vergeblich gewartet hatte. „Es tut mir leid.“,
murmelt er in mein Ohr, sein warmer Atem ist
wie eine Liebkosung, seine Hand ruht auf
meinem Nacken. „Ich wollte dir nie weh tun,
ich konnte damals einfach nicht anders. Ich
hab´s dir erklärt oder zumindest versucht, es
dir zu erklären. Aber vielleicht habe ich auch
immer nur versucht, mir selbst etwas einzureden.
Du bist mir nie aus dem Kopf gegangen..“ (Ich
lege die Hand auf seine Brust), „..ja, und auch
nicht aus dem Herzen.“ Ein langer Blick. „Es tut
mir leid.“, wiederholt er. „Du fehlst mir.
Wirklich.“ Er nimmt meine Hand in seine, führt
sie zu seinem Gesicht, drückt es fest gegen
meine Handfläche wie eine zutrauliche Katze.
Triumph erfüllt mein Herz, überflutet es, dringt
aus jeder Pore, hüllt mich ein wie eine warme
Decke. Lange, so lange musste ich warten,
habe ich gewartet. Und es hat sich gelohnt.
Endlich hat es sich gelohnt. „Wir sollten gehen.“,
flüstere ich verheißungsvoll. Er nickt. Er bezahlt.
Wir gehen. Unsere Finger verhaken sich.
Alles ganz einfach. Wir brauchen lange, ehe wir
den kurzen Weg bis zu mir zurückgelegt haben.
Zu oft bleiben wir stehen um uns zu küssen,
um unsere Körper aneinander zu drängen.
Schließlich stehen wir vor meiner Tür. Die Zeit
ist gekommen. Das große Finale steht
unmittelbar bevor. Ich fisch den Schlüssel aus
der Tasche, stecke ihn jedoch nicht ins Schloss.
Stattdessen bohre ich meine Hände tief in die
Jackentaschen, samt Schlüssel, und drehe mich
zu ihm um. „Danke, dass du mich heim gebracht
hast.“ Sein Blick flackert kurz. „Natürlich komme
ich mit dir nach Hause!“ Leichtes Erstaunen
schwingt in seiner Stimme mit und er macht
Anstalten, mich wieder an sich zu ziehen.
Doch seine Hände greifen ins Leere. „Nein,
du verstehst nicht.“, sage ich kühl. Das
Verlangen in seinen Augen macht kampflos
der Verwirrung Platz. „Wa.. Wieso? Ich..“
„Es wird Zeit für dich, zu gehen. So wie du
es schon vor langer Zeit getan hast.“
Meine Stimme ist kaum hörbar. Ein Hauch
von Erkenntnis legt sich über seine Verwirrung.
Ich setze wieder an: „Glaubst du wirklich ich
lasse zu, dass du mir wieder so weh tust?
Denkst du IM ERNST, ich will die ganze
Scheiße noch einmal mitmachen?? Ich wollte
dich wieder sehen. Stimmt. Ein letztes mal
wieder sehen.“ Ich hole zum finalen Schlag
aus. „In der Hoffnung, dir ein wenig von
dem zurückgeben zu können, was du mir
in den vergangen Jahren angetan hast.
Vielleicht findest du jetzt endlich heraus,
was Leid ist. Wie MEIN Leid sich anfühlte.“
Er öffnet den Mund um etwas zu erwidern,
doch kein Laut dringt über seine Lippen.
Dieser schöne Mund...
Ich wende mich ab, öffne die Tür, schlüpfe
blitzschnell hindurch. „Wo soll ich denn
schlafen?!“ höre ich ihn verzweifelt rufen.
„Mir doch egal.“, denke ich und knalle die
Tür zu. Dann schließe ich ab.
In jeder Hinsicht.

Mit dem Blick zur Decke liege ich auf meinem
Bett, alleine, und fahre mit den Fingern die
Schatten nach, die das hereinfallende Mondlicht
an die Decke zeichnet. Ich greife nach der
Flasche neben meinem Bett und nehme einen
großen Schluck von der dunklen Flüssigkeit.
Sie ist lauwarm und schäumt unangenehm,
dennoch trinke ich alles aus. „Prost!“ rufe
ein paar imaginären Werbegenies zu und
wedle mit der leeren Flasche. „Ihr habt ja
so Recht! Das Leben wie es sein sollte!
Ganz genau! Aber leider ist dieses Leben
kein verfluchter scheiß Werbespot!!“

Im richtigen Leben liegt der männliche
Hauptdarsteller vielleicht auch gerade
im Bett. Weit weg von hier. Und mit ihr.

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10 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Verstehe ich das falsch?
    Die anderen Kommentatoren (ein paar davon) gehen davon aus, dass es wirklich so passiert ist. Ich dachte wegen dem Ende, dass es nicht so gewesen wäre. Sondern eben ein Traum?

    23.07.2009, 13:53 von Escondida
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  • 0

    haaaammmma :D einfach zu geil. ich will auch so handeln können.

    25.02.2008, 17:56 von Starbuckswhore
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  • 0

    sorry, aber das ist echt geile scheiße...!

    21.11.2007, 20:04 von schockinszenierung
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  • 0

    boah wie fiiiies ^^ aber sehr gut beschrieben.
    liebe es deine texte zu lesen

    20.11.2007, 18:32 von miry
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  • 0

    Hui, fiese Rache. Hat er das wirklich verdient? Ja, hat er bestimmt...

    19.11.2007, 02:50 von Tankstellenpoet
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich möchte auch diesen triumph verspüren... -_-
    schöner text, der mut macht!
    danke!

    17.11.2007, 01:27 von Chen
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  • 0

    Genial geschrieben!! Pahh, das wär's.... :-)

    16.11.2007, 22:13 von XeNia79
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wie meinen??
    wie alt warst du nochmal?

    16.11.2007, 17:24 von E605
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