Wie Pflaster abziehen
Als ich ein Kind war, zog meine Mutter Pflaster immer mit den Worten "Kurz und schmerzlos" ab...
Ich wollte Pflaster immer noch tragen, wenn die Wunde darunter schon verheilt war. Wollte sie verdrecken und sich durchnässen lassen, bis sie irgendwann entweder in meine Haut einwuchsen oder von selbst abfielen. Hauptsache schmerzfrei. Und außerdem hatten sie auch ein bisschen was von Stärke und Risiko. Zeigten, was für ein wildes, überhaupt nicht wehleidiges Kind ich war. Meine Mutter war immer die, die sie mit einem Ruck und diesem alten Sprichwort abriß. Das natürlich eine Lüge war. Und wenn ich ihr das empört entgegenbrüllte, sagte sie nur: "Lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende".
Ich hoffe, dass du mir zumindest diese leere Phrase ersparst. Sonst würde ich vermutlich doch noch dramagleich losheulen und toben. Weil es keinen Schrecken gab. Für mich zumindest nicht. Klar hatten wir ab und zu - Selten eigentlich! - Streit, aber die Gesamtbilanz unserer Beziehung bis jetzt war positiv. Weit im Positiven.
"Ich will nicht drumrumreden. Um es kurz und schmerzlos zu sagen: Ich habe mich in eine andere verliebt."
Das war kurz. Verdammt kurz. Und das mit dem erschreckenden Ende hast du auch gut hinbekommen. Sogar so gut, dass im Moment der Schmerz ausbleibt. Mein Kopf ist leer gefegt. Ich starre dich nur mit offenem Mund an und fühle: Nichts. Wie sollte ich mich denn fühlen? Sollte ich jetzt nicht rumschreien? Heulen? Mitleid erregen? Betteln? Zumindest irgendwas realisieren?
Ich bin nicht gut im Verlassen werden. Nicht, weil ich eine dieser einsamen, selbstmitleidigen Singles bin, die alleine nicht zu Recht kommen. Sondern weil ich zu verdammt stolz bin. Wütend und trotzig werde, mit dem Fuß aufstampfe und mir schwöre, nie mehr zu vertrauen. Mich zu öffnen. Die ganze Menschheit verfluche. Und heimlich selbstzweifle. Und selbstbemitleide.
Vielleicht ist es gut, dass du mir Einzelheiten ersparst. Ich will wirklich nicht hören, was ich alles falsch gemacht habe und wie schrecklich die für mich schönen Zeiten eigentlich waren. Ich sollte auch gar nicht wissen wollen, was sie alles besser macht als ich und wo du sie kennen gelernt hast und wann und wie oft du dir vorgestellt hast, ich wäre sie. Ich fürchte nur: Du könntest einer dieser Menschen sein, die sich alleine immer nur als Hälfte fühlen. Und dem deswegen nicht so wichtig ist, wer die andere Hälfte füllt. Hauptsache keine Leere. Und da war ich vielleicht die Erste, die auf dich reingefallen ist. Habe dir dann geholfen, die Einsamkeit zu überbrücken und dir selbst zu beweisen, was für ein toller Kerl du bist. Bis eine andere kam. Besser. Hübscher. Wer weiß was noch- er. Mein Komparativ. Ich hätte wirklich gerne, dass du das Gegenteil beteuerst. Mir nachvollziehbar begründest, so dass ich verstehen kann, dass das alles überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Du könntest mir gerne auch erzählen, wie toll ich doch bin und das es die Entscheidung für sie eine vollkommene unlogische und unnachvollziehbare ist. Und was für ein schlechtes Gewissen du doch hast. Und das alle deine Freunde dich für verrückt erklären. Du könntest dir Zeit nehmen, um zu zeigen, dass dir das hier wichtig ist. Ich dir wichtig bin. Möglichst lange. Lange, aber schmerzfreier.
Nachdem das Pflaster ab war, habe ich immer furchtbar geheult. Nicht einmal so sehr wegen dem Schmerz, sondern vorallem wegen meiner Empörung angesichts der Lügen und leeren, beruhigenden Versprechungen meiner Mutter. Der Unterschied ist: Sie hat mich danach immer in den Arm genommen und die Schmerzen wieder gut gemacht, in dem sie tröstend sang:
"Heile, heile Segen, 3 Tage Regen, 3 Tage Schnee und schon tut´s nimmer weh."
Ich habe das Gefühl, das hier wird länger als 6 Tage gehen. Und du schließt die Tür. Von außen.





Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Nein, nein, absolut nicht.
04.03.2007, 19:21 von flyingtoohigh