Wie immer
Ich fühl mich einsam, schreibt sie. Ich fühl mich wie das letzte Arschloch. Wieso, frag ich. Das letzte, mieseste, verlogenste Arschloch.
Ich fühl mich einsam, schreibt sie.
Ich fühl mich wie das letzte Arschloch.
Wieso, frag ich.
Das letzte, mieseste, verlogenste Arschloch.
Eine Woche hab ich es geschafft, dass Funkstille war.
Gut, sie war nicht ganz unbeteiligt, sie war im Urlaub.
Aber ich hab die Vorarbeit geleistet.
Mails nicht beantwortet, und wenn doch, dann erst, wenn sie schon wieder vergessen waren.
Im ICQ nie geantwortet, so getan, als wäre ich nicht da.
Morgens um vier zurückgeschrieben,
oh, schade, ich hab dich leider verpasst.
Verabredet? Null.
Telefon? Geh ich eh nie ran.
Dann eine Woche Funkstille.
Sie hat mich vorm Fliegen noch angeschrieben,
ich war bei einem Freund, diesmal sogar wirklich.
Ihre Nachricht hab ich morgens gelesen, beim Heimkommen,
und mich da schon wie der letzte Arsch gefühlt.
Jetzt ist sie wieder da. Und wir sind verabredet.
Heute.
In ziemlich genau acht Stunden und neunundvierzig Minuten.
Und sie schreibt mich an. Vorher.
Und ich antworte. Vorher.
Acht Stunden und achtundvierzig Minuten,
bevor ich unsere Freundschaft beenden werde.
Und frage, wie es ihr geht. Und reiße Witze, als wäre nichts.
Acht Stunden und siebenundvierzig Minuten.
Ich bin so ein Arschloch, so ein mieses, verlogenes Arschloch.
Dabei ist eigentlich sie der Arsch. Oder Ahsch, wie sie sagen würde. Sie verniedlicht das immer.
Klingt blöde, aber ich mag das. Und sie auch.
Ich mag sie verdammt gerne.
Acht Stunden und zweiunddreißig Minuten.
Du, ich muss los. Hab hier noch, und weißte.
Jo, wir sehn uns ja eh nachher.
Jo, genau.
Acht Stunden und zwei Minuten.
So du, jetzt muss ich aber echt.
Jo, ich auch.
Echt jetzt.
Sieben Stunden und dreißig Minuten.
Mein Skateboard rattert durch die Nacht. Am Rhein gibts da so ne Stelle, ruhig, direkt am Wasser, guter Boden.
Nur Geschäfte und Restaurants, niemand den ich stören könnte, niemand der mich stört.
Nur die Lichter von der anderen Seite, die sich im Wasser spiegeln, ich und meine Gedanken.
Ich bin so ein Arschloch.
Ich hab geantwortet, wie immer.
Wir haben geredet, wie immer.
Es war schön. Wie immer.
Und in sieben Stunden klingel ich bei ihr. Wie immer. Steige die zehntausend Stufen zu ihrer Wohnung hoch, weil ich Angst vor ihrem Aufzug habe. Wie immer.
Werd von ihr begrüßt, umarmt, komm rein.
Wie immer.
Und dann sag ich ihr, dass ich sie liebe.
Und verliere sie.
Ich beende unsere Freundschaft.
Und gehe.
Ich bin so ein Arschloch.
Wie immer..





Kommentare
Ich find den Text nett geschrieben.
26.08.2010, 20:01 von atzepengAber mal ernsthaft:
Sah er so aus?
http://tinyurl.com/29vkx8
haaach wie schööööööööööön :-)
26.08.2010, 19:01 von VanilljeMir gefaellts, kenne die situation, bei mir gings gut aus. Auch wenn ich genauso dachte wie du!
26.08.2010, 17:20 von TanteRosa.Ich liebe es wenn man am Ende erst die wahre Bedeutung des Textes erfährt.
26.08.2010, 16:29 von ChristophMorelloSchön.
lang nich mehr son Arschlock gelesen
26.08.2010, 16:28 von Heartwritingsehr niedlich, toll geschrieben.
26.08.2010, 15:35 von Horizonherz.Interessante Interpretation mit Archlochness-Faktor. Selbststeinigung? Selbstreinigung? Freundschaft und Liebe ist soweso ein Thema, dass im eigenen Keller aufgekehrt werden sollte.
26.08.2010, 15:13 von applebootsAusserdem: Sie weiss schon Bescheid.