schriftstehler 13.02.2013, 09:22 Uhr 55 57

Wie ich bin, wenn ich bin

Ich habe nicht einmal etwas gesagt, ich habe ihr nicht einmal zugehört, als sie etwas erzählte, weil meine Gedanken ganz woanders waren.

»Wie kannst du nur so sein?«, wimmert sie in meine Richtung, ehe sie das Gesicht in ihre Hände wirft, die in solchen Momenten immer bereit sind. Ich verdrehe die Augen, weil sie es nicht sehen kann und zucke mit den Schultern aus demselben Grund. Ich frage mich auch oft, wie ich denn bin, aber warum ich gerade so bin, wie sie meint, dass ich es sei, kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Weder ihr noch mir. Ich atme ein und setze an, eine Antwort zu improvisieren, doch kommt sie mir zuvor. »Du bist ein gedankenloser Mensch«, schluchzt sie durch die Hände.

Ich denke über den Satz nach und denke, dass ich nicht gedankenlos sein kann, wenn ich jetzt darüber nachdenke, ob ich gedankenlos sein könnte. Außerdem denke ich auch sonst wirklich sehr viel nach, ich mache mir viele Gedanken über die Formel 1, über die Fußball-Bundesliga, über mein Segelboot und über den Mann meiner Mutter. Aber so ist das wohl im Zusammenspiel mit Frauen: Sie denkt, dass ich gedankenlos bin, aber ich habe eben meine eigenen Gedanken, sie kauft mir Pullover und Hosen, weil sie denkt, dass ich keinen Geschmack habe, aber ich habe eben einen eigenen Geschmack.

Ich sehe, dass ihre Schminke zwischen den Fingern hindurchläuft. Das ist der Vorteil an den Tränen, denn anschließend sieht sie einfach nur schön aus, ohne irgendwelche Malereien in ihrem Gesicht. Vielleicht, denke ich, vielleicht inszeniere ich diese Dramen auch nur deswegen, damit alles mal sauber wird. Unwillkürlich muss ich lächeln. Es ist genau der Moment, in dem sie ihre Hände sinken lässt und mich hoffnungsvoll ansieht, um bei meinem Lächeln laut aufzuschluchzen und wieder ihr Gesicht zu verbergen. »Du nimmst mich nicht ernst«, weint sie leise und ich schüttle den Kopf, doch das sieht sie ebenso wenig wie mich, und ich mochte das Lied von Xavier Naidoo.

Ich überlege, einfach den Raum zu verlassen, aber das würde nichts ändern. Zum einen würde ich gern einmal wissen, wie ich denn bin, zum anderen habe ich gar kein Interesse daran, sie allein zu lassen. Ich weiß, dass ich sie jetzt nicht umarmen sollte, sie hält die Hände vor ihrem Gesicht, sie will gar nicht, dass ich ihr zu nahe komme, weil ich ihr zu nahe gekommen bin. So viel ist mir klar, aber den Rest verstehe ich wieder einmal nicht. Ich habe nicht einmal etwas gesagt, ich habe ihr nicht einmal zugehört, als sie etwas erzählte, weil meine Gedanken ganz woanders waren. Wo, das kann ich ihr nicht sagen, weil sie es nicht versteht, deswegen sage ich nichts, deswegen bin ich aber auch nicht hier, wenn ich dort bin. Sie schluchzt etwas lauter, ich weiß nicht was ich sagen will und wünschte, ich wäre gedankenlos, denn dann hätte ich ein paar ruhige Momente in meinem Kopf, während sie weint.

Durch die Hände spricht sie, ich verstehe die ersten Sätze nicht, weil ihre Handballen den größten Teil des Schalls aufhalten. Aber ich kann hören, wie sie sagt: »So will ich nicht weiterleben.« Ich atme aus, so als hielte mich ein Riese in seiner Hand und presste die Luft heraus. Fast klingt es wie ein Schnaufen, was ich gar nicht möchte, aber vielleicht doch so meine, weil ich die Ankündigung eines Freitods immer ermüdend lästig finde. Ich würde ihr gern etwas sagen, etwas, das ich so meine, etwas voller Weisheit, zum Beispiel dass sie etwas ändern muss, wenn sie etwas verändern will. Doch ich weiß auch, worauf das hinausläuft und deswegen schweige ich.

Sie hält den Atem an, nimmt die Hände vom Gesicht und sieht mich an. Ich versuche in meinen Blick Zuversicht zu legen, weil ich glaube, dass er sich dann wie eine Umarmung anfühlen wird. Nur befürchte ich, dass wir unterschiedliche Ansichten haben, was das Interpretieren meiner Blicke anbelangt. Meine Mundwinkel zucken, aber ich verkneife mir das Lächeln, weil wir das Thema schon hatten und aufgewärmte Differenzen haben einen ähnlichen Effekt wie aufgewärmter Spinat: Sie werden zunehmend giftiger. »Und du hast mal wieder nichts zu sagen«, presst sie heraus und sieht mich wütend an. Es könnte auch Verzweiflung sein, aber ich bin mir nicht sicher.

Ich würde gern alles aufschreiben, damit sie weiß, wie ich so bin, damit sie, wenn wir uns das nächste Mal in der Küche gegenüberstehen, einfach lächeln kann und weiß, dass ich sie liebe, auch wenn ich manchmal ganz weit weg bin. Warum ich so bin, weiß dann keiner von uns beiden, aber das spielt auch keine Rolle, es wäre immerhin eine Antwort darauf, was ich so tue, wenn ich so bin, wenn ich bin, wie ich bin.

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Kommentare

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  • 2

    'Ich sehe, dass ihre Schminke zwischen den Fingern hindurchläuft. Das ist der Vorteil an den Tränen, denn anschließend sieht sie einfach nur schön aus, ohne irgendwelche Malereien in ihrem Gesicht'

    da geht einer Frau das Herz auf. Der Kern der Geschichte rührt zu Tränen.

    28.02.2013, 20:10 von Jujiii
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  • 2

    guter text. bekannte situation, schön lakonisch beschrieben.

    20.02.2013, 14:30 von Talent_Borrows
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  • 1

    es ist nur ehrlich und fair dem Partner (im Text angesprochene Person) die Wahrheit/ eigenen Gedanken mitzuteilen ... eine Beziehung braucht eine Vertrauensbasis ... hier scheint zu mindest eine Seite sich unverstanden zu fühlen!

    18.02.2013, 23:09 von ff1013
    • 0

      Wer nicht ausspricht, was er denkt und fühlt, wird sich immer unverstanden fühlen. 

      19.02.2013, 06:51 von schriftstehler
    • 0

      Dann fühlen sich beide Seiten unverstanden ... wenn du sie so liebst, versuch auf sie einzugehen ...

      19.02.2013, 09:34 von ff1013
    • 1

      Ich bin immer die andere Seite.

      19.02.2013, 10:05 von schriftstehler
    • 1

      Nach deinem Kommentar schriftstehler gefällt mir der Text sogar noch besser, große Klasse!

      19.02.2013, 18:48 von aniuaniu
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  • 0

    Dieser Text erinnert mich so an einen Text, den ich selbst mal geschrieben habe... Ich muss ihn dir unbedingt zeigen, wenn er hier ist. Der Kern der Situation ist bei beiden gleich.

    Aber sag mal, wenn das aus dem Leben gegriffen ist, mit wem redest du da? Das finde ich unheimlich interessant irgendwie, ich hoffe dass ist nicht zuviel gefragt, aber ich bin so neugierig.

    In meinen Augen war es eine Mutter.

    18.02.2013, 21:21 von Schlafmatz
    • 0

      Ursprünglich kommt der Text ohne Rollenzuweisung aus, ich habe für Neon Geschlechter hinzugefügt. Es ist eine Kurzgeschichte, die ich teilweise erlebt habe oder gefühlt habe, aber vollkommen real ist die Situation nicht. In meinem Kopf und in meinem Herzen natürlich schon.

      19.02.2013, 06:50 von schriftstehler
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  • 1

    Oh man, ich weine. Ich kenne es nur zu gut. Sehr schön geschrieben.

    18.02.2013, 17:09 von nurluftundluegen
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    • 0

      Kommunikation ist alles. Nicht nonverbal, sondern klare Worte. 

      17.02.2013, 10:28 von schriftstehler
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  • 2

    Zu leicht. Zu oberflächlich. Zu gehaltlos. Für mich. Vor allem, weil du ganz anders und einhundertmillionenmal besser kannst.

    "Ich würde gern alles aufschreiben, damit sie weiß, wie ich so bin,..."
    Mach doch.

    15.02.2013, 10:31 von Melliteratur
    • 1

      Es ist aber genau das passiert, was ich vorausgesagt habe. Das finde ich prima. Alles andere stimmt.

      15.02.2013, 10:55 von schriftstehler
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