Phantom.schmerz 07.01.2013, 21:52 Uhr 16 20

Wie ein Vogel im Aufwind

Du hast viel von dem, was alle wollen, aber zu wenig von dem, was stillt.

Du versuchst, dein Fahrradschloss aufzuschließen, deine Finger drehen unruhig an den Zahlenrädern, um die richtige Kombination einzustellen, drei-eins-vier-eins, die ersten vier Stellen von π, deiner Lieblingszahl. Die Haare stehen dir zu Berge, in der Mitte verläuft eine Zickzacklinie, ab der sich die restlichen Haare in die entgegengesetzte Richtung sträuben, als hätte man ein elektrisches Feld angelegt; du hast die ganze Nacht wieder schief darauf geschlafen. Und weil du mal wieder spät dran bist, hast du keine Zeit mehr gehabt, sie zu bändigen. Du schwingst dich auf dein altes silbernes Fahrrad und fährst los, mit deinem Lieblingslied in den Ohren. Du liebst das- beim Fahrradfahren so laut Musik zu hören, dass du nicht mal das lauteste Hupkonzert mitbekommen würdest. Das ist gefährlich, aber das ist dir egal. Du fährst in Schlangenlinien, die Reifen tanzen zur Musik, du schmetterst deine Stimme in den Wind. Die Ampel ist rot, aber keiner in Sicht, also strampelst du ganz schnell über die Straße, und fast hätte dir das Auto, das gerade von rechts herangeschossen kommt, ausweichen können, doch du bist schnell dran, zu schnell, die Bremsen quietschen nicht einmal, sie lassen die Räder des Wagens weiterlaufen, stoppen ihre Bewegung nicht, ihre Bewegung auf dich zu. Du fliegst in die Luft wie ein Vogel im Aufwind, und dann liegst du auf der Straße, es tropft rot aus deiner Nase.

Ein Kreis ist definiert als Menge aller Punkte auf einer Ebene, deren Abstand von einem vorgegebenen Punkt dieser Ebene konstant ist. Der Kreis gilt als vollkommen, seit jeher haben die Menschen versucht, seinen Flächeninhalt zu berechnen, Vollkommenheit endlich berechnen zu können. Durch die Zahl π wurde bewiesen, dass diese Aufgabe unlösbar ist. π ist eine irrationale Zahl; irrational bedeutet reell, aber nicht rational. Und deine Welt ist ein Kreis, sie ist perfekt und rund, aber ich kann sie weder berechnen noch verstehen. Vielleicht  fand ich π deswegen schon immer so passend, zu dir. Du hast damals sogar über den dümmsten meiner Witze gelacht, als ich dir sagte, pi mal pi ergebe "pipi", und deswegen fand ich auch dich sofort unglaublich passend, zu mir.

Ich bin in der Bibliothek und versuche, zu lernen, als mein Handy auf dem Holztisch störende Vibrationsgeräusche von sich gibt. Deine Schwester ruft an. Eigentlich möchte ich nicht rangehen, ich wüsste nicht, was wir uns noch zu sagen hätten. Unter den bösen Blicken aller Anwesenden tapse ich dann doch aus dem Raum. Es würde mich vielleicht interessieren, trotz allem. Du seist im Krankenhaus, es sehe schlecht aus. Mein Stift fällt hinunter, geräuschvoll malt er ein wirres Bild auf den Boden und rollt dann in die hinterste Ecke des Raumes, bis er an der Wand stoppt, er bleibt einfach dort liegen und bewegt sich nicht mehr.

Als ich dich zum letzten Mal gesehen habe, hast du mir gesagt, du wüsstest nicht mehr, irgendwie fühle sich jetzt alles anders an, es sei alles so schwer für dich. Nähe und überhaupt. Mit fester Stimme hast du das gesagt, dein Gesicht hart und verschlossen.Und jetzt, jetzt liegst du da, klein und gebrochen, kannst nicht mal alleine atmen. Ich kann gar nicht mitansehen, wie du röchelst, wie sehr dir jeder Atemzug wehtut, ich muss wegsehen, auf dem Tisch neben dir steht eine Vase, sie ist weiß, darin bemüht sich eine Nelke, den Kopf aufrecht zu halten. Ich glaube, sie knickt bald ein.

Du sitzt am Fenster. Dort sitzt du am liebsten, in der Ecke dieses kleinen Cafés, und siehst hinaus, zu den Menschen, die sich alle so sehr beeilen, sie laufen geschäftig irgendwohin, du fragst dich immer, wohin sie gehen, was ihr Ziel ist. Dann denkst du, wie wenig du sie verstehst, die Menschen, oder auch die Welt, und sie erscheint dir fremd. Ich setze mich dir gegenüber, deine Augen tasten mich ab, auch ich bin dir fremd, gerade. Du hast schon für mich bestellt, also kann ich nicht mal die Karte in die Hand nehmen, ich fingere an meinem Hals herum, ich spüre es genau, ich habe überall rote Flecken, meine Nerven flattern. Ich hatte mir die Worte ganz genau zurechtgelegt, hatte geplant, was ich dir alles sagen will, doch wie bei einem Foto, das nichts geworden ist, ist meine Erinnerung verschwommen, unklar. Also falle ich direkt mit der Tür ins Haus, weißt du, sage ich, und meine Stimme klingt ganz hoch und eigenartig, weißt du, du hast vielleicht viel von dem, was alle wollen, aber zu wenig von dem, was stillt. Fast möchte ich sagen, dass du deswegen auch nicht stillen kannst, merke aber noch rechtzeitig, dass das ziemlich falsch klingen würde. Wenn du so weitermachst, sage ich stattdessen, dann kann ich so nicht weitermachen. Du hast überlebt, aber wir beide nicht. So schließt sich der Kreis, sagst du, und ich lächle ein bisschen. Ich lege ein paar Münzen auf den Tisch, für die Tasse Tee, die ich nicht angerührt habe, und du siehst mir nicht hinterher, du starrst auf meinen Tee, siehst zu, wie sich das Sonnenlicht auf seiner Oberfläche bricht.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Oh ich liebe diesen Text :) Sehr authentisch, der Schreibstil gefällt mir super und die Vergleiche mit der Kreiszahl machen mir die Personen total sympathisch.. Also ich hatte kein distanziertes Verhältnis zu den Protagonisten wie sonst oft bei kurzen Texten!

    24.01.2013, 19:22 von So_Gewollt
    • 0

      ich danke dir vielmals. freut mich sehr. :)

      27.01.2013, 15:41 von Phantom.schmerz
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  • 3

    "Du hast überlebt, aber wir beide nicht"

    Der Satz bleibt hängen. Schrecklich schön. Traurig, aber schön.

    14.01.2013, 07:49 von ...Lia
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  • 1

    "dann liegst du auf der Straße, es tropft rot aus deiner Nase." den Reim fand ich irgendwie unangebracht auffällig... Der Schluss war mir dafür dann irgendwie zu uneindeutig für die sonst so klare und deutliche Sprache. Und die mochte ich wirklich! Die Pi-Idee finde ich auch ziemlich super durchgehalten!

    10.01.2013, 20:23 von MissesBiscuit
    • 1

      lieben Dank für die gute Kritik, ich werde darüber nachdenken.

      12.01.2013, 14:24 von Phantom.schmerz
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  • 1

    Wow. Das hat mich sehr berührt. es hat alles wunderbar zusammen gepasst. Die Methaphern waren sehr passend und ich musste es alles ganz schnell und mit hoher Spannung weglesen. Super. :-)

    09.01.2013, 17:00 von FrauLiebestrunken
    • 0

      das freut mich sehr, lieben Dank. :)

      12.01.2013, 14:23 von Phantom.schmerz
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  • 0

    Der erste Teil scheint mir der beste zu sein... Rest ist eher so, naja.

    09.01.2013, 14:47 von Tanea
    • 0

      Der erste Teil scheint dir der Beste zu sein?! Das kligt alles so ziemlich danach, als hätte das alles so stattgefunden und dir gefällt nur der Teil, wo er hinfliegt?! Bizar. Aber naja,  Menschen sind so.

      09.01.2013, 16:58 von FrauLiebestrunken
    • 0

      Nimm's mir nicht übel, is nur meine Meinung. Und Katze frisst Vogel würde ich mal sagen. ;-)

      09.01.2013, 17:01 von FrauLiebestrunken
    • 0

      Der war stimmig und berührte, außerdem war er verständlich.... aber vielleicht habe ich den Text auch gar nicht verstanden?

      10.01.2013, 08:31 von Tanea
    • 0

      Er hat bietet mehrere Interpretationsmöglichkeiten, denke ich mal triggert mich auf jeden Fall sehr an, wegen menem Ex. Was ging dir so durch den Kop? :-)

      10.01.2013, 18:55 von FrauLiebestrunken
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Bewegend...

    09.01.2013, 02:46 von Nihan
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  • 1

    Traurig. Schön. Elegant.

    Davon will ich mehr.


    08.01.2013, 20:56 von cosmokatze
    • 1

      ich danke dir.

      12.01.2013, 14:22 von Phantom.schmerz
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