Kwenda.Mzuri 30.11.-0001, 00:00 Uhr 42 23

Wie ein Naturgesetz

Wir liegen zusammen im Bett. Er hat einen Arm sanft um mich gelegt, aber ich fühle mich ungefähr so wohl, als hielte er mich im Würgegriff.

Wir liegen zusammen im Bett. Er hat einen Arm sanft um mich gelegt, aber ich fühle mich ungefähr so wohl, als hielte er mich im Würgegriff. Martin schläft. Ich höre seine ruhigen Atemzüge, während ich mit offenen Augen da liege und in die Dunkelheit starre. Hier sind wir also, endlich zusammen. Verdammt!

Martins „kleine“ Schwester Christina war von frühester Kindheit bis ins Teenageralter meine beste Freundin. Wir waren unzertrennlich. Mit etwa acht Jahren fing ich an, für ihren Bruder zu schwärmen. Als ich älter wurde, verwandelte sich die Schwärmerei in Verliebtheit. Aber ich war nicht das einzige Mädchen, dass ihn toll fand. Er war ständig in festen Händen. Ich lernte andere Jungs kennen, hatte Beziehungen. Für Martin aber hätte ich jeden dieser Jungs sausen lassen. Ohne zu zögern. Aber ich war eben immer nur die beste Freundin seiner kleinen Schwester. Wir haben uns immer gut verstanden, gar keine Frage. Wir konnten über alles reden und hatten den gleichen Sinn für Humor.

Als Martin 17 war, lernte er Ina kennen, ein Mädchen aus Christinas Klasse. Er verliebte sich Hals über Kopf in sie. Die beiden wurden ein Paar. Ich hab ein paar Tage lang die Kissen vollgeheult. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Eines Tages, dachte ich, werden wir zusammen sein.

Martin und Ina waren fünf Jahre lang zusammen. In dieser Zeit verloren Christina und ich uns ein wenig aus den Augen, so dass auch der Kontakt zu Martin nicht besonders intensiv war. Dann feierte Christina ihren 21. Geburtstag. Martin und ich redeten den ganzen Abend, hatten viel zu lachen und tauschten schließlich unsere Handy-Nummern. In aller Freundschaft, denn nach all der Zeit war er für mich nicht mehr mehr als das: ein alter Freund. In den kommenden Wochen trafen wir uns immer häufiger. Irgendwann sagte Christina zu mir: „Ich glaube, mein Bruder ist in dich verliebt!“ Ich hatte es längst vermutet, aber diese Bestätigung machte mich glücklich. Endlich!

Verdammt, verdammt, VERDAMMT! Martin liegt neben mir und obwohl es dunkel ist, könnte ich schwören, dass er ein Lächeln auf den Lippen hat. Er ist so glücklich, mich zu haben. Gestern erst sagte er, wie doof er doch all die Jahre war. Wie er mich ansieht, wie er strahlt! Ach, es ist alles so traurig. Er und ich, wie ein Naturgesetz. Ein gebrochenes. In der Formel steckt ein Fehler. Wenn ich ihn doch nur lieben könnte, ich würde so gern. Martin ist ein feiner Kerl und er würde mich gut behandeln. Ach, was heißt hier würde, er behandelt mich ja bereits gut! Und ich kann es nicht länger ertragen.

Seit zwei Wochen sind wir ein Paar und dies ist nicht die erste Nacht, die ich schlaflos neben ihm verbringe. Aber es ist definitiv die letzte. Ich habe mir eingeredet, ich müsse mich nach so langem Single-Dasein erst wieder daran gewöhnen, mit jemandem ein Bett zu teilen. Ich habe mich angelogen. Man kann 30 Jahre Single gewesen sein, wenn man verliebt ist, gibt es nichts Schöneres, als zusammen einzuschlafen und aufzuwachen. Ich schlafe gar nicht erst ein. Der Ort in meinem Herzen, wo die Liebe für ihn immer gewohnt hat, ist leer und verlassen. Wahrscheinlich in aller Hektik ausgeräumt, denn dort, in der Ecke, steht noch ein Schrank. Bis oben hin voll mit Sympathie aber das reicht eben nicht. So gern ich ihn lieben will, jetzt, wo er mich endlich liebt, es geht nicht. Ich habe mir etwas vorgemacht.

Am nächsten Tag sage ich ihm, was los ist. Mache Schluss. Er ist ruhig, beinahe stoisch. Aus traurigen Augen blickt er mich an, während ich nach Worten suche. Gott, ist das schwer! Es hätte so schön sein können. Scheiße! Schließlich habe ich gesagt, was kaum in Worte zu fassen ist. Meine Umarmung zum Abschied lässt er reaktionslos über sich ergehen. Ich mache die Tür auf und gehe. Nach ein paar Metern muss ich den heftigen Impuls unterdrücken, zurückzublicken. Er soll meine Tränen nicht sehen.

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42 Antworten

Kommentare

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    ...und wieder ne Kwenda-Perle.

    15.06.2008, 15:11 von Kiyan
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    Wie traurig! Aber bevor es eine unglückliche und lange Beziehung wird ist es doch besser Schluss zu machen.
    lg

    20.01.2007, 12:11 von magda
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      @[Benutzer gelöscht] Gibst bei euch keinen Spielplatz, wo du ein paar Blagen verprügeln kannst?

      16.08.2007, 13:51 von Kwenda.Mzuri
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    Schwärmerei kann zu Verliebtheit werden, Verliebtheit zu Liebe, aber es muss nicht.
    Mutig, dass du es durch gezogen hast.
    LG

    19.01.2007, 16:48 von GottimHimmel
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      @GottimHimmel Mutig?! So hab ich das noch gar nicht gesehen. Aber: danke, lieber Gott!

      19.01.2007, 16:55 von Kwenda.Mzuri
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    So ging's mir auch immer, wenn ich mit meinen Freunden Schluß gemacht hab. Monatelang angeschmachtet, kaum gegessen, kaum geschlafen und stundenlang geträumt. Endlich geht der vermeindliche Traum in Erfüllung und plötzlich fphlt sich das alles gar nicht toll an.

    Wir suchen so lange weiter, bis wir gefunden werden.

    05.01.2007, 15:08 von engelchen_1980
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    Ja , kenne das auch! Das ist echt kein sehr schönes Gefühl.
    Aber am besten, man ist, wie du, in so einer Situation ehrlich und sagt, dass man nichts mehr von der Person will, an statt immer rum zu drucksen und hin zu halten. Das ist für beide besser. Zwar schmerzhafter, aber ehrlich.
    Gruß

    30.12.2006, 16:39 von Unikat
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    ich bin mir nicht sicher, ob es helge schneider oder marcel proust war (ich tendiere allerdings zu letzterem), der gesagt hat:"die schönsten paradiese sind die, die wir verloren haben."
    umgekehrt wird auch ein schuh draus. mir erging es vor vielen jahren ähnlich - ich dachte, dass ich meine traumfrau schon seit vielen jahren kenne. aber ich konnte nicht mit ihr zusammen sein, weil sie einfach nicht wollte. das hat mich kirre gemacht damals!
    irgwendwann dann geschah es aber doch! ich hab keine ahnung, ob ich es "geschafft" habe, dass sie mich liebt, oder ob die liebe quasi freiwillig und mit der zeit in ihr gewachsen ist. ist jetzt auch egal.
    aber es funktionierte dann nicht.
    und es gibt wohl sogar eine moral (von der geschicht): Du hättest es niemals herausgefunden, wenn es nicht passiert wäre.
    und Deine sehnsucht wäre weiter unerfüllt geblieben, verbunden mit dem unwissen darüber, ob er nicht doch der traummann hätte sein können...
    so bleiben die tränen. und aber auch die gewissheit!

    27.12.2006, 22:57 von tomeck
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    Sehr schön Geschrieben. Diese Zeilen spiegeln meine Momentane Situation wieder. Nur wir fehlen Momentan die richtigen Worte bzw die Gefühle die richtige Entscheidung zu treffen. Aber deine Zeilen werden mir denk ich helfen die richtige Entscheidung zu treffen.....

    24.12.2006, 16:29 von Man-on-Fire
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    So ähnlich hab ich das auch schon erlebt. Ich fand das wirklich erschreckend, wie sich etwas so falsch anfühlen konnte, obwohl ich Ewigkeiten darauf gewartet habe...
    Schön geschrieben :o)

    24.12.2006, 01:38 von Casiopaya
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