GoettinUndHeldin 01.02.2013, 18:39 Uhr 1 12

Wie ein Kind

Für M. Numero 7

Besuch im Krankenhaus.

Ich stehe an deinem Bett. Du schläfst. Es ist unglaublich still. Alles steril. So viel Ordnung in einem Raum, alles hat seinen Platz. Das passt überhaupt nicht zu dir. Auch das etwas, das uns immer vereinte: das Chaos. 
Du regst dich kaum, einzig deine kurzen Atemzüge beweisen mir, dass du lebst. 
Deine blonden Haare sind zerzaust. Ich widerstehe dem Drang, sie zurecht zu machen, wie so oft.
Deine Hand liegt schlaff an deiner Seite. So leblos sah ich dich nie. Nie, als du noch lebtest.

Wie ich da stand, neben dir, du so nah - und doch so fern, da spürte ich Schmerz. Deinen Schmerz.
Nie habe ich mir so sehr gewünscht, du zu sein, wie in diesem Moment.
Dir all deine Schmerzen, all dein Leiden abnehmen zu können. Dieses zerstörte Leben. All deine Wut. All das. 
Mit dir tauschen. Ja, das wollte ich. Hätte viel, vielleicht alles, dafür gegeben in diesem Moment. Mein Leben gegen deines. 
Wenn das nur alles so einfach gewesen wäre.

Dein Gesichtsausdruck war gequält, auch im Schlaf. Und trotz alle dem war es ein Anblick des Friedens. 
Man sagt so oft, Kinder sähen im Schlaf aus wie Engel. 
Und obwohl du eigentlich schon ein junger Erwachsener warst, der so unglaublich unbedingt groß sein wollte, warst du Kind in diesem Moment. 
Es gab wenige Augenblicke, in denen es mir so derart wehgetan hat, dich so zu sehen.
So verletzlich. Es hat mir wehgetan, weil ich wusste, dass du nicht willst, dass ich dich so sehe. Du wolltest, dass ich sehe, dass du stark bist, damit ich stark sein kann. Du wolltest, dass ich sehe, dass du mich beschützt. Aber in diesem Moment warst du der Schutzbedürftige von uns beiden, der Wehrlose, der Ausgelieferte. Das Kind. 
Doch auch ich war Kind. Hilflos. Wusste nicht, wohin mit mir. 
War alleine, obwohl du da warst, neben mir.

Schließlich stelle ich ein Glas mit Sand auf das Tischchen neben deinen Bett. Meersand. Sammelte ich damals, von allen Stränden, an denen ich war. Du wolltest immer ein Glas mit Sand von allen diesen Stränden haben, hast das Meer geliebt - wie ich. 
Und weil es im Alltag immer untergegangen war, brachte ich es an diesem Tag mit ins Krankenhaus, das Glas mit Sand von vielen Stränden.
Ich weiß nicht, ob du es mitgenommen hast. Du hast jedenfalls nie darüber gesprochen. Aber ich hoffe, du hast es gesehen. Ich hoffe es sehr.

So stand ich da. Und wollte dich erlösen. Und konnte es nicht. Und nichts war schmerzhafter, als diese Tatsache.
Ich habe mich gesetzt, auf den hässlichen Stuhl neben deinem Bett, und dich angeschaut.
Ich hab deine Hand genommen, ganz vorsichtig, damit du nicht aufwachst. Wie du da vor mir lagst, zogen Momente an mir vorbei, Bilder von uns. Deine großen Träume. Amerika. Du wolltest ganz weit weg von hier, irgendwann. Wolltest raus. Freiheit, das war immer dein großer Traum. Zu diesem Zeitpunkt hattest du schon aufgehört, darüber zu sprechen. Als wären deine Träume nie gewesen, als hättest du die Zukunft schon aufgegeben, insgeheim. Vermutlich war es so.
Es tat mir unendlich leid, wie du da lagst und ich an deine Träume dachte und wusste, dass du aufgehört hattest, sie zu träumen. 

Das war eines der wenigen Male, das ich in deiner Anwesenheit weinte. Weil ich nicht wollte, dass du leidest. Weil ich wollte, dass du jung sein darfst und unbeschwert. Dass du Träume hast, dir eine Zukunft ausmalst. 
Weil ich wollte, dass du lachst. Dass du lebst. 

Plötzlich hat sich deine Hand bewegt, dann hast du deine Augen geöffnet: Du bist aufgewacht. Ich habe mir die Tränen weggewischt, wollte nicht, dass du mich weinend siehst. Wahrscheinlich hast du es trotzdem gemerkt. 
Dein Blick war seltsam dankbar.
"Fine", hast du gesagt. "Du bist da."
Ich habe deine Hand angeschaut, wie sie in meiner lag. 
"Natürlich bin ich da", habe ich gesagt. "Natürlich."
Deine Hand gedrückt.
Und du hast mich mit einem Lächeln belohnt. 

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Kommentare

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  • 0

    Ich bewundere die Protagonistin in deinen Geschichten (ich sag jetzt bewusst nicht du, weil ich da ja nicht sicher sein kann) so unglaublich dafür, wie sie all das durchmacht und trotzdem noch Kraft zum Leben findet... Ich glaub etwas viel Schlimmeres als das kann einem nicht passieren, einen jungen, geliebten Menschen im Sterben zu sehen :/

    10.02.2013, 11:53 von So_Gewollt
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