Wer bin ich?
Alles war voll von diesem Zauber, der mich am Anfang leichter gemacht hat als dieses Leben auf mich wirkt.
Ich schlage die Decke zurück. Es ist noch früh und ich bin hellwach. Draußen vor dem Fenster wechselt der Himmel von blau ins grau und wieder zurück. Die stetig schleppende Veränderung hinterlässt Spuren, wie am Himmel so auch am Leben.
Der Duft frischen Kaffees weckt gute wie auch schlechte Erinnerungen. Als ich einen Schluck trinke, übt der Geschmack plötzlich Auswirkungen an mir aus, die alles zurückholen was ich zu vergessen geschworen habe. Das Leben, in tausend hauchzarte Fragmente ziseliert, kommt mir vor wie ein Panopticum auf ein grausam zerstückeltes Jahrzehnt.
In der Erwartung das etwas passiert, stromere ich durch die Wohnung, bleibe an den Fenstern stehen und blicke auf ein Gelände, das sich nach beiden Seiten hin in ein weites Kornfeld öffnet; es passiert nichts. Natürlich. Ich nippe am Kaffee, stelle ihn irgendwo auf den Schreibtisch. Irgendwie und doch auch nicht, werfe ich einen Blick auf das Mobiltelefon und hoffe und doch auch nicht. Die meistens unerträgliche Stille in den Räumen weckt in mir den Drang, etwas zu ändern. Aber die Trägheit, dieses in sich gekehrte Lebenskonstrukt aus Vergangenheit, Gegenwart und Mutlosigkeit ist viel einfacher zu ertragen.
Meistens verbringe ich Stunden am Schreibtisch. Musik läuft. Draußen sind ganz vage Stimmen zu hören die streiten. Stimmen, die miteinander diskutieren und hin und wieder das Flüstern und Gelächter. Zeit, die vergeht, aber die Wirklichkeit bleibt. Die Gefühle, die Zustände die das Leben zu einem aufregenden dasein gestalten, bleiben gleich oder doch auch nicht.
Alles war voll von diesem Zauber, der mich am Anfang leichter gemacht hat als dieses Leben auf mich wirkt. Manchmal erdrückt es mich, es ist zuviel, dann ersticke ich am Leben. Ich ringe nach Luft und greife ins Leere, weil da nie mehr war als die Vorstellung von dem, was sein könnte. Ich ergehe mich in Angst, schotte mich ab, beobachte das Leben vor dem Fenster in meinen vier Wänden, weil dies die einfachere Variante des stillen Lebens ist. Die Teilnahmslosigkeit am vergehen der Zeit, am wachsen der Veränderungen, der Herausforderungen, die findet einfach nicht statt.
S. hat mich zu dem gemacht, was ich immer sein wollte: ein Mensch. Vollständig, losgelöst von all den Zwängen, die ich mir selbst auferlegt habe. S. war die Variante in meinem Leben, die ich immer ausgesucht hätte, wäre ich vor einer Wahl gestanden. S. hat alles das, was an mir gearbeitet und Furchen in der Oberfläche hinterlassen hat, leicht mit einem Zauber überdeckt. S. hat mir die Furcht vor einem Leben genommen, das in seinen Elementen nichts weiter ist als eine Aneinanderreihung von Ereignissen. Die bloße Vorstellung von dem, was mich erwartete, hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin: ich bin jetzt ohne S., weil ich mich dagegen entschieden habe. Ich habe losgelassen, weil ich nicht konnte. S. ist jetzt fort und mit ihr jene überwältigende Bewunderung an diesem Einfachen, dass meine tragische Geschichte jetzt wieder Fahrt aufnimmt. Sie rennt Türen ein, füllt jene Räume aus, die vorher spärlich eingerichtet und trotzdem leer waren.
Wie in der Erwartung das etwas passiert, passiert nichts; nur leicht zu spüren ist diese Enge, die furchterregende Seuchenhure der Einsamkeit, der Hilflosigkeit in jenen Momenten, die sich in aller Stille zuträgt und alles, was ich mir gewünscht habe, langsam erstickt.
Noch eine Weile liege ich so da, auf dem Boden. Starre an die Decke und höre in mich hinein und warte, dass etwas passiert. Es wird Nacht und es wird Tag. Es passiert nichts.






Kommentare
@[Benutzer gelöscht] Ja, das kann durchaus sein.
06.11.2009, 08:09 von marco_frohbergerIch habe schon gehört, dass die besten Texte von Autoren geschrieben wurden, als es ihnen seelisch schlecht ging...