Wenn Schmetterlinge nicht flattern wollen
Warum wir Angst davor haben uns zu verlieben und warum an Hollywoodfilmen nicht alles nur irreale Schnulze ist
Als seine Hände ihr Gesicht umschlossen, strich er ihr sanft eine Strähne von der Wange. Sie senkte ihren Blick und verlor sich in dem endlos zärtlichen Liebeskuss. Die Streicher setzten ein. Der pastellfarbene Sonnenuntergang auch. Abspann. Ende.
„Typisch Hollywood“, stöhnte Matilda entnervt. Und tatsächlich meint Hollywood uns immer wieder erzählen zu müssen, wie wir unsere Liebesbeziehung zu leben haben. Und wenn der erste Kuss oder das erste Mal mit dem neuen Freund nicht zu Explosionen und nachträglichen Hochzeitsglocken führt, dann machen wir irgendetwas falsch. „Ich bin eigentlich schon glücklich mit meinem Freund, aber das heftige Verliebt-sein-Gefühl hatte ich irgendwie nicht. Man hat das nach dem Teenagealter doch sowieso nicht mehr. Oder sollte ich mir Gedanken machen, weil ich nicht im Siebten Himmel schwebe?“ Sie bringt mich ins Grübeln. Schlagen Schmetterlinge ab einem gewissen Alter nicht mehr so stark mit den Flügeln oder sterben sie irgendwann ganz einfach aus? Oder schlimmer noch: Sind wir selbst für ihren Tod verantwortlich?
Meiner Freundin nachzuurteilen, verliert die Dating-Rennerei nach dem 25. Geburtstag nicht zwangsläufig ihren Reiz, aber man kommt definitiv aus der Puste. Und das schlimmste an der Sache: das Gefühl des Verliebt-seins scheint nicht mehr so schlaf- und appetitraubend zu sein, wie es mit 16 war. Es ist wie bei Geburtstagen: als kleines Kind konnte man die Nacht davor kaum einschlafen. Und jetzt kann man nur hoffen, dass keiner auf die Idee kommt die Jahrmenge in Kerzenform auf deinen Kuchen zu quetschen. Stellt sich also die Frage: Haben wir es verlernt uns halsbrechend und hemmungslos zu verlieben oder möchten wir es gerne, haben aber Angst davor?
Wenn zu viel Vorsicht zum Liebestöter wird
Die Vorsicht macht schon Sinn, wenn man sich überlegt, dass die Ausmaße einer Beziehungsbruchlandung mit dem Alter proportional ansteigen. Gibt man alles von sich preis, geht es nicht mehr nur darum seine Unschuld zu verlieren, sondern seine Würde, seinen Stolz oder auch seine gemeinsame Wohnung. Dass man sich oft genug in Beziehungen verbrannt hat, kommt erschwerend hinzu. Natürlich soll man sich nicht in jeden vorbeilaufenden Typen Hals über Kopf verlieben, denn die gemachten Beziehungserfahrungen sollten schon ihr Lektionspotenzial erfüllen. Doch hat man sich für eine Beziehung mit einem Mann entschieden, soll man sich nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, ob diese Entscheidung nun richtig war. Denn das, was dabei wirklich brechen kann, ist die Beziehung selbst.Grund für diese Grübeleien ist leider die Folgerung, dass man sich nach Abstürzen mit dem falschen Mann, nun auch vor dem Richtigen schützen will. Man traut sich nicht, spielt Spielchen, hält sich zurück. Schön seinen Freiraum behalten und ihm ja seinen lassen. Distanzen werden künstlich am Leben erhalten. Zwischen ihm und dir – zwischen dir und deinen Gefühlen. Bloß nicht zu schnell zu sehr fallen lassen, denn man weiß ja nie wo man landet. Die Kalkulationen übernehmen die Kontrolle. Kein Wunder, dass da kein Raum für halsbrechende Gefühle ist. Solch strategische Konzepte lassen einen auch nicht unbedingt zu romantischen Höchstformen aufsteigen. Die Nummer Eins Regel lautet dann: wenn man sich nicht öffnet, wird man nicht verletzt. Doch gerade hier liegt der Trugschluss. Verletzlich wird man schon ab dem Punkt, ab dem man den Mann in sein Leben lässt und nicht erst später. Denn schon beim ersten Date spielen wir verrückt, wenn nicht alles glatt läuft. Wir analysieren alles doppelt und dreifach und hoffen auf einen baldigen Anruf des Angehimmelten. Doch nach und nach passiert etwas Eigenartiges, eine Art Paradoxon: je intensiver wir unsere Zeit mit dem Mann verbringen, desto mehr entfernen wir uns künstlich von ihm. Aus Angst mit zu viel Gefühl die Beziehung zu belasten. Aus Angst verletzt zu werden, halten wir uns künstlich auf Distanz. Doch den einzigen, den wir damit verletzen sind wir selbst. Wir stellen selbst Barrieren auf und wundern uns dann warum das Verliebt-sein-Gefühl nicht aufkommt. Trocknet man die Saat aus, kann ja auch nichts sprießen. Genau das sage ich auch Matilda.
Was die Hollywoodfilme anbelangt, sollten wir vielleicht mehr darauf hören, als wir denken. Den eigentlichen Moment genießen und alle Gefühle bis zum Vollen ausschöpfen, auch wenn die nächste Bruchlandung vor der Tür stehen könnte. Klingt abgedroschen, doch das sind die meisten Redewendungen auch. Trotzdem leben wir nach ihnen. Denn wozu sich um etwas den Kopf machen, was wir sowieso nicht beeinflussen können? Eine Trennung, wenn sie denn nun kommt, wird in jedem Fall niederschmetternd. Also können wir doch vorher genau so gut alles mitnehmen, was aus der Beziehung herauszuholen ist. Und wenn bis dahin kein pastellfarbener Sonnenuntergang drin war, auch nicht schlimm. Ein einfacher tut’s auch. Man muss ihn nur erkennen.





Kommentare
Wonderful...und so wahr. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
31.07.2007, 17:47 von catussa@catussa ja oder? voll schön, dass dir der text gefallen hat!! :o)
28.09.2007, 14:33 von sasha3