kalter_sommer 22.09.2010, 16:21 Uhr 0 0

Wenn ich mal groß bin

Dann der Torte. Anschnitt! Unten Marzipan, in der Mitte Schoko und ganz oben ein Kompromiss. Die Kompromisstorte schmeckt allen am Besten.

Wenn ich mal heirate, wird alles so wie ich es mir erträume. Keine nervige Kirche, Standesamt. Der Mann, der sehr förmlich aussieht und nicht lispelt und auch sonst keinen Sprachfehler aufweist, sollte verstehen, wie ernst ich es meine. Er sollte ein wenig Humor haben, aber auch nicht zu viel. Die Schau stehlen, soll er mir ja auch wieder nicht. Ein bisschen Auflockerung in all die Förmlichkeit, das wär toll.
Die Musik sollte einsetzen, während ich in meinem cremefarbenen, langen, wuchtigen Kleid ohne Glitzerscheiß und Rüschen, so ganz schlicht eben, über den Teppich schreite, der zum Altar führt. Ich stehe nicht auf Absatzgeräusche von Schuhen, die ich übrigens im Laufe des Abends austauschen werde, in Bequeme und trotzdem Elegante, in verliebter Stille.
Während ich dann so den Gang entlang schreite, werden die Blicke meiner Verwandten und Freunde und deren Kinder an mir kleben. Und tuscheln werden sie auch. Sie werden tuscheln, wie unglaublich bezaubernd ich aussehe, dass das Kleid wie kein Anderes zu mir passt und, dass sie gespannt sind, ob mein, zu diesem Zeitpunkt noch Verlobter, bei diesem Anblick den Tränen nah sein wird.
„Ja“, denke ich mir dann leise, „das wird er, so kenne ich ihn!“.
Meine Haare die zu einer Hochsteckfrisur mit Locken gedreht sind und in welchen die Spangen meines nicht allzu langen, aber dennoch wahrnehmbaren und bestaunenswürdigen Schleiers, wanken ruhig hin und her.
Dieser Moment ist emotional, wie Tausende zusammen. Als ich am Altar ankomme, blicke ich ihm in die Augen, in denen sich langsam Tränen ansammeln. „Wusste ich’s doch!“, denke ich dann triumphierend und lächele ihn an. Er lächelt zurück und ist keineswegs ängstlich, sondern sich seiner Sache ganz sicher.

Nachdem die Trauung vorbei ist, und wir erfolgreich Mann und Frau sind, werden wir Fotos auf einer Wiese machen. Nicht so steif, das wird ein Mitmachprogramm. Hinstellen bringt da nichts, Tante! Arme hoch und lächeln! Und jetzt alle mal springen! Und jetzt die Luftballons! Und jetzt von Hinten. Und jetzt nur die Männer! Jetzt nur die Frauen! Jetzt nur die Kinder! Denen werfe ich übrigens meinen Brautstrauß zu. Paula wird ihn fangen und ganz rot vor Scharm werden. Dann wird sie sich verstecken. Foto!

Auf zum Buffet. Papa wird der Erste sein, wie immer. Papa ist immer der Erste, wenn es ums Essen geht. Langsam traut sich auch der Schwiegerpapa. Schwiegermama und Mama schämen sich, aber sind es nicht anders gewohnt. Dann der Torte. Anschnitt! Unten Marzipan, in der Mitte Schoko und ganz oben ein Kompromiss. Die Kompromisstorte schmeckt allen am Besten. Glückwünsche, Küsse, Tänze. Dann eine Überraschung. Meine Lieblingsband spielt. Mein betrunkener Onkel wankt auf sie zu: „Könnt ihr auch Purple Rain?“, fragt er dann.
Daraufhin blickt mich mein Mann an: „Purple Rain?“, zwinkert er mir zu. Ich muss lachen. Danach etwas Schlager für die alten Herrschaften und Rolf Zukowski für die Jüngeren.
Alle tanzen zu jedem Lied. Ein Toast, der besagt, wie wundervoll wir beide sind. Wie bezaubernd wir aussehen und wie sehr sich alle wünschen, dass wir für immer ein glückliches Paar sind.
Anstoßen! Weitertanzen!
Mitternachtsbuffet. Etwas leichtes für die Damen .Etwas Herzhaftes für die Herren. Für die Kinder gibt es Spagetti, damit sich das Outfit auch lohnt.

Die Schuhe habe ich schon seit neun Uhr komplett über Bord geworfen. Barfuß tanzen wir, auch wenn es nicht regnet.

Dann wird es langsam hell. Alle gehen nach Hause. Aufräumen tun Andere für uns. Wir haben uns um nichts mehr zu kümmern. Noch einen Tag und eine Nacht Erholung, dann geht es in die Flitterwochen – erst nach Holland, da mögen wir es. Von dort aus nach Norwegen, weil ich schon immer die Natur mochte und die Seen, als nächstes nach Irland, die Guinnesbrauerei anschauen und im Irish Pub einen draufmachen.

Als wir zurück kommen, beginnt der neue Lebensabschnitt. Hoffentlich nicht anders, als gewohnt.

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