justanotherpicture 19.10.2012, 12:49 Uhr 40 191

Wenn du nur wolltest

Wie der Konjunktiv unser Denken beherrscht

Manchmal sitzt du in der Uni und denkst, dass deine Sitznachbarin da vorne ein ganz schön gutes Referat hält. Bewunderst ihr selbstsicheres Auftreten, ihre präzise Sprache. Mit Grausen erinnerst du dich dann an dein letztes Referat, eine schludrige Drei, weil du so nervös und schlecht vorbereitet warst und die du nur bekommen hast, weil der Dozent dich ein bisschen mag. Aber eigentlich stellt das kein Problem dar, denkst du, denn wenn es darauf ankäme, wenn es so richtig wichtig wäre, dann könntest du dich auch konzentrieren und recherchieren, dann wärst du mindestens genauso gut wie die da vorne - wenn du nur wolltest.

Ab und an sitzt du im Büro und staunst über den Erfolg deiner Kollegen. Mit welchem Elan sie ihren Aufgaben nachgehen. Wie gut gelaunt und erholt sie jeden Tag aussehen. Sie werden befördert, ihnen werden verantwortungsvolle Aufgaben aufgetragen - dir nicht. Alles gar kein Problem, denkst du, das könntest du auch, die wichtigen Präsentationen, die Besprechungen mit dem Vorstand, die Geschäftstermine im Ausland, gelegentlich etwas früher ins Bett gehen, morgens eine Bahn früher nehmen – wenn du nur wolltest.

Von Zeit zu Zeit triffst du dich mit einem Freund und ihr erzählt von vergangenen Tagen und alten Zeiten und ihr lacht und schwelgt in Erinnerungen und dann zündest du dir eine Zigarette an und er nicht. Weil er aufgehört hat mit dem Rauchen. Du würdest ihn ja bewundern, denkst du dir, aber so viel ist da auch nicht dabei, du selbst hast auch schon zweimal aufgehört, das sagst du ihm, und dann ziehst du an deiner Zigarette und hustest, aber der Husten kommt bestimmt von dem Herbstwetter und schließlich könntest du auch jederzeit wieder aufhören – wenn du nur wolltest.

Hier und da ertappst du dich dabei, wie du alte Fotos von S. anschaust. Von euch, von früher. Du blätterst durch Fotoalben und fährst mit einem Finger behutsam über das Gesicht von S. und dann merkst du, was du gerade getan hast und schüttelst den Kopf und musst über dich selbst lachen.

Manchmal denkst du an S. und glaubst, es würde dein Herz zerreißen.

Dann fällt dir wieder ein, dass du eure Geschichte damals beendet hast und du vergisst die Monate seitdem und denkst, dass du sie jederzeit wieder fortsetzen könntest. Und dann merkst du, dass du nichts auf der Welt mehr willst als das; dass eure Geschichte weitergeht und dann willst du zum ersten Mal etwas so sehr und aufrichtig und von ganzem Herzen, dass du an nichts anderes mehr denken kannst und du fasst deinen ganzen Mut zusammen, deine ganze Kraft und überwindest deinen Stolz und springst über deinen eigenen Schatten, der so groß und schwarz und tief erscheint wie das Meer in einer mondlosen Nacht.

Und auf einmal willst du.

Aber S. will nicht mehr.

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    "du vergisst die Monate seitdem und denkst, dass du sie jederzeit wieder fortsetzen könntest. Und dann merkst du, dass du nichts auf der Welt mehr willst als das; dass eure Geschichte weitergeht und dann willst du zum ersten Mal etwas so sehr und aufrichtig und von ganzem Herzen, dass du an nichts anderes mehr denken kannst"


    Treffender kann man mein Leben nicht beschreiben.

    28.12.2013, 21:30 von Urmeli
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  • 1

    Ein sehr schöner Text!

    21.01.2013, 22:04 von Ina3
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  • 0

    AUS - DER - SEELE!

    24.11.2012, 16:57 von TeilzeitRockStar
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  • 1

    Du sprichst mir aus der Seele.

    14.11.2012, 17:42 von the_dandelion
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  • 1

    standing ovation!

    29.10.2012, 18:54 von kampffusselline
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  • 1

    Die letzten zwei Sätze. Super!


    28.10.2012, 21:21 von Kaffeeliebe
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  • 6

    Wie der Konjunktiv unser Denken beherrscht oder:
    Eine Zueignung


    Du wünschtest, du könntest vergessen,
    was unlängst du vergaßest;
    Du wünschtest, du hättest besessen,
    was unlängst du besaßest.

    Doch Mangel ist ein Zustand,
    der meist zu spät erkannt;
    Und was dir durch ihn schwand,
    der Konjunktiv nicht bannt.

    26.10.2012, 14:14 von hihihimmel
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  • 2

    Du sprichst mir so hundertprozentig aus der Seele, dass mir am Ende schon ein bisschen die Tränen gekommen sind. Habe diese Situation genauso erlebt.

    25.10.2012, 10:11 von Chouette-
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  • 0

    Mir passt das Ende ehrlich gesagt nicht. Mit einem "Selbst wenn ich wöllte, ich könnte nicht." könnte ich mich besser anfreunden (besser reinfühlen).

    24.10.2012, 22:27 von Mueckenschnitzel
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  • 3

    Ein großartiger Text.

    Leider will man manchmal vieles zu spät. Aber man kann daraus lernen und mitnehmen, dass man an Beziehungen arbeiten muss und nicht schnell aufgeben darf.

    24.10.2012, 22:23 von hugsforglory
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